Mühlen erschließen neue Felder

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Blick auf die „Oberen Mühlen“, den Steinmühlen-Verband (2012) Archiv Gerhard Handschuh
Blick auf die „Oberen Mühlen“, den Steinmühlen-Verband (2012) Archiv Gerhard Handschuh
Blick auf die „Unteren Mühlen“ im Jahr 2013 Ronald Rinklef/Archiv
Blick auf die „Unteren Mühlen“ im Jahr 2013   Ronald Rinklef/Archiv
 
Arbeit in einer Walkmühle (Walchmühle) – aus dem „Ständebuch“ des Christoph Weigel d. Ä. 1711 Repro: Dr. Gerhard Handschuh
Arbeit in einer Walkmühle (Walchmühle) – aus dem „Ständebuch“ des Christoph Weigel d. Ä. 1711  Repro: Dr. Gerhard Handschuh
 

Von der Tabakmühle bis hin zur Walkmühle: Besonderheiten des Oberen und Unteren Mühlenviertels

Im 15. Jahrhundert war die Mühle die zentrale Technologie des europäischen Mittelalters. Selbst in Altarbildern und Flugschriften fand sie Aufnahme. Mühlenfrieden und Mahlrecht waren heilig. Schon im Alten Testament wurde festgeschrieben: „Man soll nicht Mühle noch Mühlstein pfänden; denn wer das tut, pfändet das Leben“ (5. Mose, 24,6).

Die religiöse Aufwertung, aber ebenso propagandistisch genutzte Mühle als Gotteshaus und Mahlgang belegt die hohe Bedeutung der Mühlen für die Stadtentwicklung. Seit dem Hochmittelalter dienten Mühlen nicht mehr ausschließlich dem Nahrungsgewerbe zur Herstellung von Mehl und Braugerste. Ihre Technik fand auch Verwendung in Hammerwerken und Walkmühlen, in Papier- und Sägemühlen sowie in Öl- und Zuckermühlen.

Das Obere Mühlenviertel

In Bamberg entfaltete sich das Obere Mühlenviertel aus dem Verband der „Mühle unter St. Stephan“, die auch als „Steinmühle“ dokumentiert ist. Im Steinmühlenverband gab es die Steinweizmühle (Dusch’sche Mühle), die Steinkornmühle (Winkler’sche Mühle), die Steinmalzmühle (Eckertsmühle), die Steinölmühle (Schwalbenmühle), Kirscheckmühle (Kresser’sche und Lohmühle) und eine Schleif-, Polier- und Tabakmühle.

Die Mühlennamen verweisen auf Funktion oder einstige Besitzer hin. So hatte etwa der Eigner der Bamberger Schwalbenmühle in Strullendorf ein Haus „Zur Schwalbe“. Die „Eckertsmühle“ erlangte vor allem unter dem geschäftstüchtigen Clemens Eckert (1803-1864) Ansehen. Dessen Sohn Joseph Eckert (1838-1893) baute die Mühle zur „Kunstmühle“ aus, die im Gegensatz zu den meisten Bauernmühlen der Umgebung auch feine Mehle und Grieß produzierte.

Sonderfall „Tabaksmühle“

Ein Sonderfall ist die „Tabaksmühle“ (Obere Mühlbrücke 10). Im 18. Jahrhundert hatte der vermutlich aus dem Raum um Gent stammende Tabakfabrikant Livinus van Wynendael (-thael) seine Firma aus Rotterdam nach Erfurt und von dort 1740 nach Bamberg verlagert. Dessen einzige Tochter Katharina heiratete den Venezianer Petrus Josua Raulino aus Nojaris. Deren geschäftstüchtigen Sohn Johann Peter Raulino gelang eine weitere Ausweitung des Geschäfts auf Holzhandel, Farben und chemische Produkte. Um 1840 erfolgte allerdings eine vollständige Konzentration auf die Tabaksfabrikation. Einer 1803/04 errichteten „Tabakscheune“ als Lager zur Tabaktrocknung wurde 1850 ein Gartenhaus – das inzwischen sanierte „Raulino-Gartenhaus“ – hinzugefügt, das auf Wunsch der Tabakfabrikantenwitwe Therese Raulino im Schweizer Stil errichtet worden war.

In eben diesem Jahr war die von dem Enkel Wynendaels, Johann Peter Raulino, in Bamberg 1820 gegründete Tabakfabrik (bis 1957 bestehend) aufgrund der guten Geschäfte erweitert worden. Zu dieser Zeit arbeiteten bereits drei Tabaksfabriken, nämlich „Groß, Raulino und Thorbeck“, wie Joseph Heller in seinem „Taschenbuch für Bamberg“ 1831 vermerkt, „mit voller Thätigkeit“. Durch die Verheiratung eines Vorfahren, des Bamberger Kaufmanns Abraham Friedrich Michel (1791-1842) im Jahre 1821 mit Maria Katharina Raulino (1801-1858) war es zur Begründung der Linien Michel-Raulino gekommen.

Palastartiges Wohnhaus

Den einstigen finanziellen Wohlstand repräsentiert bis heute eindrucksvoll das palastartige Wohnhaus am Grünen Markt 14 mit den Initialen „L in W“ für Livinus van Wynendael im kunstvollen schmiedeeisernen Gitter der Fensterrahmung.

1913 wurden die Brüder Richard von Michel-Raulino und sein Bruder Karl in den bayerischen Freiherrenstand erhoben. Die Tochter des Erstgenannten, Lilly Stromeyer von Michel-Raulino, heiratete 1951 in zweiter Ehe den Bamberger Flugzeugkonstrukteur Willy Messerschmidt. Otto Stromeyer, deren erster Ehemann (von 1917 bis zur Scheidung 1939), war 1926 Mitinhaber der Bamberger Tabakfabriken Johann Peter Raulino & Co. sowie des Verlags und der Druckerei des Bamberger Tagblatts.

Nachdem während des Ersten und Zweiten Weltkriegs die Firma Raulino zu den bedeutendsten Rauch- und Schnupftabakfabriken in Deutschland gehört hatte, mit zeitweisen Niederlassungen in Osteuropa, verlagerten sich die unternehmerischen Aktivitäten in der Nachkriegszeit auf andere Geschäftsfelder. 1957 wurde schließlich die Tabakwarenproduktion eingestellt. Das Produktionsgebäude im Block zwischen Franz-Ludwig- und Keßlerstraße ersetzt heute ein Neubau für die Firma C & A. Die zugehörige Tabaksmühle wurde leider undokumentiert beseitigt.

Weiterhin bemerkenswert ist die Walkmühle (Mühlwörth 17), die über ein Wehr aus dem linken Regnitzufer einen Wasserzulauf in den deutlich tiefer gelegenen Nonnengraben hatte, in den von rechts der Hollergraben (der „Alte Fluss“) einmündet. Dieser Höhenunterschied wird mit Hilfe der Schleuse bewerkstelligt. Die Existenz des Mühlwörther Wehres ist schon in Quellen des 15. Jahrhunderts fassbar. Die Walkmühle selbst wurde im 18. Jahrhundert von den Weißgerbern zum Walken des Leders genutzt, seit 1780 von den Tuchmachern. Mit Einführung der Gewerbefreiheit 1868 ging die Mühle in private Hände über. Seit 1885 nutzte sie der Schuhfabrikant Heinrich Manz zur Stromerzeugung, bis 1902 ein städtisches Elektrizitätswerk Ersatz bot.

Das Untere Mühlenviertel

Das Untere Mühlenviertel bildete den Brudermühlenverband. Der Namen dieses Mühlenverbandes stammt von der wichtigsten Mühle ab: der Brudermühle. Sie war Eigentum der Georgsbrüder und damit des Domkapitels. Ihren Namen entlieh die Brudermühle dem ehemaligen Franziskanerkloster und den dort lebenden „armen Brüdern“. An dessen Stelle befinden sich heute Vermessungsamt und Polizei . Zu diesem Verband gehörten die Bruderweizmühle (später Wasserwerk und heute Restaurant), die Dreiradmühle (die inzwischen umgebaute Huth- und Vogtherrenmühle), die Brudermalzmühle (Stadtmühle und ehemals Leibelsmühle), die Bauernmühle (Sterzermühle), die Bischofsmühle und die Kaufmannsmühle. Leibels-, Kaufmanns- und Sterzermühle nahmen auf der kleinen Insel gegenüber dem alten Brückenrathaus die prominenteste Stelle ein, wobei Oberes und Unteres Mühlenviertel nur durch die Bischofsmühlbrücke voneinander getrennt waren.

An den Ufern entlang gab es Lagerhallen, Silos und Schuppen, in denen etwa die Gerber seit dem 15. Jahrhundert ein Rindenlager (Untere Mühlbrücke 8) besaßen, wo die Rinde getrocknet wurde, um sie vor Feuchtigkeit und Schimmel zu bewahren. Die Lohmühle diente der Zerkleinerung der Rindenstücke. Das Holz für Reparaturen an Mühlenbauten und -einrichtung konnten sich die Besitzer aus dem Gebiet des heutigen Hainparks besorgen.

Schweine = Mahl-Räder

Auch stand dieser für die Eichelmast der Schweine aufgrund des „Huethrechts“ zur Verfügung. In Bayreuth bestimmte die Mühlordnung von 1747, dass jeder Müller die Anzahl an Schweinen halten durfte, „so viel er an seiner Mühle Mahl-Räder hat“. In Bamberg dürfte vielleicht Ähnliches gegolten haben. Bis zur Übernahme durch den bayerischen Staat 1803 stand dieses Nutzrecht im vorderen Teil des Mühlwörds („Theresien-Hain“) den Eignern des Brudermühl-Komplexes zu, der hintere Teil („Louisen-Hain“) den Inhabern des Steinmühlen-Komplexes.

Der bebaute Teil dieses Mühlwörds bestand einst nur aus der Häuserzeile, die unmittelbar oberstrom der Mühlwörthmühlen des Steinmühlenkomplexes, der Stein-Öl-, Lohe-, Schleif- und Kirscheck-Mühle beginnt und an deren Stelle sich heute die Gebäude Mühlwörth 1 bis 17 befinden. Nach einem Vermerk des Kunstsammlers Joseph Heller in seinem „Taschenbuch für Bamberg“ gab es 1831 zwölf Müller mit „meistens gut eingerichteten Mühlen“. Mit ihnen „zum Theil verbunden, zum Theil für sich bestehend: eine Leder- und eine Lohstampfe, eine Walk-, eine Schneid-, zwei Oel-, eine Schleif- und eine Gewürzmühle.“

Zinsen für Mühlrechte

Auch wenn die Mühlen im Besitz einzelner Müller waren, mussten doch Abgaben und Zinsen für Mühlrechte an das Domkapitel gezahlt werden. Neben den Müllern gab es noch andere Teilhaber an den jeweiligen Mühlen, die gleichfalls Zinsen an das Domkapitel leisten mussten, dafür aber am Ertrag der Mühlen beteiligt waren. Der Müller hatte ihnen einen Anteil an der „Mitz“ zu überlassen, dem beim Mahlgang verbleibenden Rest am Mahlgut. Gegen Übervorteilung oder Einschränkungen gewährter Freiheiten gab es nicht selten Klagen der Müller, zumeist um Bau- oder Fischrechte, die Mühlgerechtigkeit oder um Wassernutzungsrechte.

Die Möglichkeit, Flusswasser aus dem höheren Mühlarm in spezielle Becken für die Fischwinterung einleiten und von dort in den niedrigeren Nonnengraben (der sogenannte „alte Fluß“) abzuführen, sorgte seit dem frühen 16. Jahrhundert bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts für eine zusätzliche Einnahmequelle. Sorgen bereiteten hingegen nicht seltene Überschwemmungen oder zu geringe Wasserstände im Sommer beziehungsweise Winter sowie die Feuergefahr. Der letzte große Brand war im Jahre 1839, bei der ein Großteil der Unteren Mühlen zerstört wurde. Wohl das größte Hochwasser war am 27. Februar 1784, dem die Häuser am Ufer im Mühlenviertel zum Opfer fielen.