Es war ein Stationendrama: Auf der Suche nach – wegen der Seuche immer wieder verlorenen – Standorten ist das Theater im Gärtnerviertel (TiG) endlich fündig geworden. Am Samstag spielte die freie Truppe zum ersten Mal ihren eigentlich bereits fürs vergangene Jahr in der Alten Seilerei, dann im Kesselhaus geplanten „Peer Gynt“ im Hof der Stadtwerke am Margaretendamm.

Und es ist ein Stationendrama. Was, das soll von Ibsen sein?, reibt sich der an den naturalistischen Pathologen bürgerlichen Gesellschaftslebens im 19. Jahrhundert („Nora“, „Gespenster“) gewöhnte Betrachter die Augen. Freilich wird Henrik Ibsens „Peer Gynt“ von 1867 heute noch gerne gespielt, ergibt eine kurze Recherche. Das hat Gründe.

Wilde Sprünge in Zeit und Raum

Weit voraus war das Stück seiner Zeit, mit einem pikaresken Helden, der an Eichendorffs Taugenichts und an Brechts Baal gleichermaßen erinnert, an eine Toller’sche Figur vielleicht auch, mit Rollen wie einer Stimme, einem Krummen, der Sphinx, mit wilden Sprüngen in Zeit und Raum, expressionistisch und symbolistisch. Wie war das mit den bescheidenen Mitteln des TiG umsetzen? Regisseurin Heidi Lehnert, die auch den Text bearbeitete, die gebundene Sprache der Vorlage größtenteils in Prosa übersetzte und ihren Peer Gynt redlicher- wie korrekterweise nicht von, sondern nach Ibsen betitelte, hat das zusammen mit ihren drei Protagonisten hervorragend geschafft, Personal und Maschinerie durch kluge und verblüffende Ideen ersetzt.

25 Figuren werden eingeschmolzen auf einige wenige, vor allem den Titelhelden in drei Lebensphasen: Den jugendlichen Peer spielt Benjamin Bochmann, den schließlich scheiternden Aufsteiger Martin Habermeyer, den alten und zynisch-resignierten schließlich Stephan Bach. Dazwischen rasches Umschalten zwischen Männer- und Frauenrollen und kreative Umwidmung eines Haufens Gerümpel (Bühne Linda Hofmann), vor allem einiger Stehleitern, die mal Gebirge, mal Irrenhausgitter, mal eine Schiffsreling überraschend überzeugend symbolisieren.

Der Müllhaufen ist ja einerseits der verkommene Hof Peer Gynts und seiner Mutter Aase (auch herrlich: Stephan Bach), andererseits ein Abbild der wirren Psyche des narzisstischen, verlogenen, doch zumindest in der Jugend – es ist das Privileg der Jugend , dumm zu sein – irgendwie liebenswerten Helden.

Der torkelt über eine Brautentführung zum einmal rappenden Obertroll und seiner Tochter (Martin Habermeyer) – auch komische Momente fehlen in dieser Inszenierung nicht, wie Norwegerpullover und Bocksgeweihe das Milieu andeuten (Kostüme Lena Kalt). Kurze Einwürfe eines Erzählers führen den Zuschauer durchs Geschehen, so wie Lehnert fast die gesamte orientalische Phase des Originals beherzt streicht und durch die Erzählung des bramarbasierenden „mittleren“ Peer ersetzt, der statt Sklavenhändler Waffenschieber geworden ist. Immerhin bleibt die Irrenhausszene mit dem hegelnden Begriffenfeldt (wieder Stephan Bach). Aufstieg und Fall eines Nichtsnutzes, der nichts lernt und sich im Grunde nicht entwickelt.

Am Ende bleibt – nichts

Kein Faust, kein Bildungsroman; schält der alte Peer eine Zwiebel wie seine Persönlichkeit, bleibt am Ende – nichts. Verfolgt von einem „Knopfgießer“ (Martin Habermeyer), einem mephistophelischen Boandlkramer, flüchtet sich der Held in den Schoß einer Imagination. Denn die erlösende Solvejg existiert im Lehnert’schen Peer Gynt nur in der Fantasie. Wie einmal gesagt wird: Keine Frau ist so dumm, ein Leben lang auf einen Nichtsnutz zu warten.

Begleitet von der minimalistisch eingesetzten Perkussion und dem Daumenklavier Johannes Klütschs, entfaltet sich ein Feuerwerk an Ideen wie ein Schemelchen als Hüttendach, auf das Aase gestellt wird, oder die trashigen Troll-Kostüme. Vielleicht manchmal zu überbordend; die Auktion im Schlussteil hätte es nicht unbedingt gebraucht. Klug wird auf die schwer zu durchschauende nordische Mythologie und norwegische Politik der Zeit verzichtet, genauso wie auf die Diskussionen zu Ibsens Zeit, die sich naturgemäß auch im originalen „Peer Gynt“ niederschlugen. Drei absolut gleichwertige Schauspieler agieren voller Spielfreude. Heidi Lehnert und ihr Team haben hier ein kleines Meisterwerk hingelegt.