Peer Gynt? Da kennt man die Suite Edvard Griegs , deren „Morgenstimmung“ heruntergekommen ist zu einem klassischen Jingle, oder „In der Halle des Bergkönigs“, dessen ohrwurmhafte Dynamik so manche Rockband zu einer Adaption verführte. Doch wer hat das „dramatische Gedicht “ Henrik Ibsens gelesen?

Wiederum: Mit dem Norweger assoziiert man naturalistische, analytische Dramen wie „Nora“ oder „Die Wildente“. Blättert man jedoch in dem 1867 entstandenen Text, weiten sich die Augen: lange vor dem Expressionismus ein Stationendrama, fantastisch, surrealistisch, mit tiefenpsychologischen Interpretationen – und einer Besetzungsliste von geschätzt 80 Rollen, darunter die Sphinx von Gizeh, eine singende Säule, Trolle und mehrere Tollhäusler nebst ihren Wärtern. Wie dieses Monstrum auf eine kleine Bühne bringen?

Drei Protagonisten

Heidi Lehnert hat den Kampf mit dem Ungetüm aufgenommen. Als Dramaturgin kürzte sie den Text, transponierte die gebundene Sprache in Prosa , und als Regisseurin schmälerte sie das Figurenensemble auf genau drei Protagonisten. Drei Männer. Und wo bleiben die wunderbaren Frauenfiguren der Vorlage, die Mutter Aase, die Erlöserin Solvejg, die verführerische Anitra? Werden auch von den Männern dargestellt, verkünden Benjamin Bochmann, Martin Habermeyer und Stephan Bach, die in dieser Reihenfolge den jungen, gereiften und alten Peer Gynt spielen.

Was ist das für einer? Er ist ein Sprössling aus dem norwegischen Bauernmilieu im 19. Jahrhundert, der Hof vom Vater verlumpt, die Mutter barmend, ein Großsprecher, Fantast, Lügenbold, einer, der sein Glück in der Fremde sucht, es findet und wieder verliert, eine Mischung aus dem Eichendorff’schen Taugenichts und dem Brecht’schen Baal. Begleitet wird die Inszenierung live von der Perkussion Johannes Klütschs – nichts also mit Grieg.

Innere und äußere Reise

Eine innere und äußere Reise wird da zu sehen sein, mit einem naturgemäß reduzierten Bühnenbild (Linda Hofmann) und vermutlich sehr allegorischen Kostümen (Lena Kalt). Spielt doch ein Gutteil des Originals in der norwegischen Sagenwelt, eine satirische Widerspiegelung, die der heutige Leser kaum dechiffrieren kann. Handlung wird – auch – durch Sprache ersetzt, durch Tanz und Gesang, „Spiel statt Text“, sagt Benjamin Bochmann. Diese „innere und äußere Reise“ sei durchaus nachvollziehbar, versichern Regisseurin und Darsteller .

Für sie sind die Themen des Stücks, der Narzissmus, die Suche nach dem Platz in der Welt, die Dialektik von Wahrheit und Lüge nicht nur zeitlos, sondern hochaktuell. Und: Heidi Lehnert verspricht keine verquälte Sinnsuche, sondern auch witzige Szenen. Wie man es vom Theater im Gärtnerviertel gewohnt ist.

Nach einer langen Corona-Zwangspause ist es nun so weit: Ursprünglich war die Premiere im Kesselhaus geplant, nun gibt es nach dem „Sturm“ eine weitere Open-Air-Aufführung, diesmal im Außengelände der Bamberger Stadtwerke am Margaretendamm 28.