Rudolf Görtler

Wenn auch in der Überschrift das Wort "Rock" erscheint, charakterisiert das mitnichten die Musik, die von der Gruppe "Can" seit Februar 1971 auf einer Doppel-LP zu hören ist. Ja, Irmin Schmidt, der Gründer der nennen wir sie Formation oder Gruppe, die nicht zufällig 1968 entstanden war, sprach von einer "anarchistischen Gemeinschaft". "Tago Mago", benannt nach einer Baleareninsel, hat nichts mit Blues, Rock'n' Roll, herkömmlichen Songstrukturen oder hitparadentauglicher Popmusik zu tun.

Zeit der Auf-und Umbrüche

Abgesehen vielleicht von den frühen Platten von Frank Zappas "Mothers of Invention", war im, nun ja, Rockkontext noch nie so radikal mit allen Konventionen gebrochen worden. Das hatte naturgemäß Gründe. Irmin Schmidt (Keyboards) hatte zusammen mit Holger Czukay (Bass) bei Karlheinz Stockhausen gelernt und nach Kompositionsstudium und Dirigentenausbildung eine respektable Karriere in der Klassik-Szene vor sich.

Ein Ausflug nach New York, Zusammentreffen mit Terry Riley , Steve Reich und Jazzmusikern setzten ihn auf eine andere Schiene - 1968 war eben die Zeit der großen Auf- und Umbrüche.

Zudem waren die beiden Gründer mit rund 30 Jahren auch keine Teenies mehr. In Jaki Liebezeit (ebenfalls schon 30) am Schlagzeug, der vom Free Jazz kam, und dem Gitarristen Michael Karoli fanden sie kongeniale Mitstreiter. Der Sänger Malcolm Mooney verließ die Gruppe auf Anraten seines Psychiaters bald wieder und wurde durch den japanischen Straßenmusiker Kenji "Damo" Suzuki ersetzt.

Aus kollektiven Improvisationen in den "Inner Space Studios", zunächst auf Schloss Nörvenich in Westfalen, ab Ende 1971 dann in einem ehemaligen Kölner Hinterhofkino, destillierten die Musiker ein Gebräu aus Neuer Musik, repetitiv durchgeschlagenen Rhythmen, psychedelischem Keyboard-Gewaber und Musique concrète - so etwas ward als Pop noch nicht gehört und war schwer vermarktbar, bis die Gruppe mit "Spoon Records" ihr eigenes Label ins Leben rief.

Die drei Stücke der ersten Seite der Doppel-LP basieren noch auf im weitesten Sinne eingängigen Mustern, wenngleich das in den Vordergrund gemischte Schlagzeug Jaki Liebezeits - er gebot über die Präzision eines Metronoms oder Drumcomputers - an archaische Musiken erinnert.

Genauso das 18-minütige "Halleluwah" der Seite zwei, in der sich die zirpende Gitarre Michael Karolis und die Sprachfetzen Damo Suzukis, die vom Flüstern bis zum ekstatischen Schrei reichen, über den unbarmherzig geschlagenen Rhythmusteppich erheben, dazu Geräusche auf schwer definierbaren Instrumenten, möglicherweise missbrauchten Violinen.

Auf der dritten Seite des Doppelalbums dann die völlige Auflösung mit "Aumgn", einer Collage aus instrumentalen Fetzen, durch die Echokammer gejagten düsteren Keyboard-Vignetten und vokalen Splittern.

Der Soundtrack zu einem Horrortrip, hier vielleicht am nächsten Stockhausen und anderen Neutönern. Ähnlich geht"s auf der vierten Seite weiter; etwas versöhnlicher endet das Album mit dem hypnotischen "Bring Me Coffee Or Tea". Kaum zu glauben, dass "Tago Mago" 1971 sogar eine Woche lang in der deutschen Hitparade sich platzieren konnte. Im Drogen-Underground wurde die Platte auch gern gehört. Die Gruppe schaffte sich mit Titeln wie "Spoon", der Titelmelodie des Durbridge-TV-Dreiteilers "Das Messer", eine kommerzielle Basis, die es ihr ermöglichte, ihren Stil weiterzuentwickeln.

Mit "Tago Mago" hatte "Can" ein Meisterwerk nicht nur des Krautrocks geschaffen. Das war die spöttische Bezeichnung der Briten für die deutsche Rockmusik der 70er Jahre. Im engeren Sinn versteht man darunter eine experimentierfreudige, zwischen Dilettantismus und Genialität oszillierende Musik, einflussreich bis heute. "Can" werden als Pioniere des Techno, der New Wave, des Ambient gewürdigt. 1997 remixten Musiker wie Brian Eno , Sonic Youth oder Westbam Songs der Kölner Avantgardisten.

"Jedes Mitglied ein Held"

Die Gruppe veröffentlichte weitere hörenswerte Alben, die jedoch bei weitem nicht mehr die Radikalität von "Tago Mago" erreichen. Zunehmend widmeten sie sich Soloprojekten.

Irmin Schmidt komponierte viel Filmmusik , unter anderem auch für den "Tatort", Holger Czukay experimentierte mit Weltklängen, Damo Suzuki ging zu den Zeugen Jehovas und tauchte nach einigen Jahren wieder auf, Michael Karoli eröffnete in Frankreich ein eigenes Tonstudio und beschäftigte sich mit afrikanischen Rhythmen. Er starb 2001.

Jaki Liebezeit arbeitete als Studiomusiker und starb 2017; Holger Czukay wurde im selben Jahr im ehemaligen "Can"-Studio tot aufgefunden. Julian Cope schrieb in seinem Standardwerk "Kraut Rock Sampler": "Jedes einzelne Can-Mitglied ist ein Held, ein Magier und ein echter Star."