Marion Krüger-Hundrup Wenigstens ein Mal im Jahr macht sich sonst Bamberg auf, an die vielen Opfer der Reichspogromnacht 9./10. November 1938 und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu erinnern. Viele Bürger der Stadt kommen auf dem Synagogenplatz zusammen, verfolgen in stummer Anteilnahme die Reden des Oberbürgermeisters und der Vertreter der jüdischen Gemeinden. Klage- und Friedenslieder schickt der Synagogenchor der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) gen Himmel. Schulklassen machen in bewegenden Beiträgen einstige jüdische Mitschüler für einen Augenblick wieder lebendig. Blumengeschmückte Kränze werden vor dem Mahnmal niedergelegt.

Hier stand die fünfte Bamberger Synagoge, am 11. September 1910 eingeweiht und in der landesweiten Pogromnacht in Brand gesteckt, die Feuerwehr am Löschen gehindert, so dass das Gotteshaus völlig ausbrannte. 168 Männer aus der jüdischen Gemeinde wurden festgenommen, viele der unter 60-Jährigen wochenlang in Dachau festgehalten. Der Vorsteher der Gemeinde, Willy Lessing, wurde beim Versuch, Tora-Rollen zu retten, brutal niedergeschlagen und so schwer verletzt, so dass er am 17. Januar 1939 starb.

"Sonst" erinnert sich Bamberg augenfällig. In diesem Corona-Jahr fällt diese öffentliche Gedenkveranstaltung aufgrund der derzeitigen Infektions- und Rechtslage aus. Nur Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und die Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grünes Bamberg) und Wolfgang Metzner (SPD) werden gemeinsam mit Martin Arieh Rudolph, Vorsitzender der IKG, und Rabbinerin Yael Deusel von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila in stillem Rahmen Kränze niederlegen.

Doch die Willy-Aron-Gesellschaft ruft die Bamberger dazu auf, individuell und unter Einhaltung der Infektionsschutzregelungen an diesem 9./10. November zur Ehre der Opfer aktiv zu werden: "Wir bitten zu einer dezentralen Gedenkveranstaltung", sagt Andreas Ullmann aus dem Vorstand der Willy-Aron-Gesellschaft. "Alle 170 Stolpersteine gegen das Vergessen sollen gereinigt und geschmückt werden", wünscht Ullmann, der das Projekt "Stolpersteine" in Bamberg koordiniert.

Schon 140 Putzpaten

Schon bisher gibt es 140 sogenannte "Putzpaten und -patinnen", die sich um diese kleinen Messingplatten in den Gehsteigen vor den ehemaligen Wohnhäusern von jüdischen Mitbürgern kümmern. Es sind Privatpersonen, ganze Familien, zehn Schulen und andere, die gegen das Vergessen dieser Bamberger Opfer der Nazis anpolieren. "Unser Idealziel sind Paten für jeden Stolperstein", wirbt Andreas Ullmann um Mitstreiter, wissend, dass das Projekt noch nicht abgeschlossen ist: "Für jeden aus Bamberg Betroffenen soll es einen Stolperstein geben."

Als Nächstes geplant ist die Verlegung von acht Steinen für die Sinti-Familie Seeger. Im April oder Mai 2021 sollen die Stolpersteine auf dem Bürgersteig in Höhe Obere Karolinenstraße 4 - die Domschule - eingelassen werden. Auch für jüdische Opfer wird es weiterhin diese Form des Gedenkens geben, wenn Angehörige wieder aus Israel oder den USA anreisen können.

Für Andreas Ullmann und seine Vorstandskollegen Daniel Manthey sowie Mechthildis Bocksch ist die Putzaktion am 9./10. November eine wertvolle Hilfe, in Bamberg "ein sichtbares Netz der Menschlichkeit zu knüpfen" und zu zeigen: "Auch abseits ritueller Gedenkveranstaltungen kann die Erinnerung an die Opfer des Nazi-Terrors im 21. Jahrhundert lebendig sein und funktionieren." Um dieses Netz auch über das Jahr 2020 hinaus zu retten, sollte die Aktion fotografisch dokumentiert und die Bilder auf der Homepage der Willy-Aron-Gesellschaft veröffentlicht werden (Fotos an: vorstand@willy-aron-gesellschaft.de ). Eine Liste aller Stolpersteine ist auf der Homepage zu finden.

Mehr als 35 000 "Stolpersteine gegen das Vergessen" hat der Künstler Gunter Demnig bisher europaweit verlegt. In Deutschland liegen Stolpersteine in über 800 Städten und Dörfern.