Ambulante Kuren sollen wieder Pflichtleistung gesetzlicher Krankenkassen werden. Dies sieht das Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung vor, das im Juni vom Bundestag verabschiedet, vom Bundesrat gebilligt und dem Bundespräsidenten noch zur Unterschrift vorliegt. Deutschlands Kurorte und Heilbäder hoffen nun auf einen erneuten Aufschwung bei den Badekuren. Doch lässt sich die Zeit zurückdrehen?

Nach der Gesundheitsstrukturreform von 1996 sank die Zahl ambulanter Kuren bundesweit von 900 000 pro Jahr auf nur noch 12 000 (Stand 2020). Im neuen Gesetz sieht Bad Kissingens Kurdirektorin Sylvie Thormann "eine gute Perspektive", rechnet aber nicht mit einem starken, doch stetigen Wiederanstieg der Gästezahlen. Die kurortspezifischen Heilmittel könnten wieder stärker an Bedeutung gewinnen. "Wir sind mit unseren Heilwassern und den dazugehörigen Angeboten gut aufgestellt." Wenn sich dieser Geschäftszweig als lukrativ erweist, würden örtliche Leistungsträger ihre entsprechenden Angebote wieder ausbauen, ist Thormann überzeugt.

Chance für kleinere Pensionen

Bad Bocklets Kurdirektor Thomas Beck sieht in der Wiederverpflichtung der Krankenkassen die Förderung eigenverantwortlicher Gesundheitsvorsorge. Die Badekur sei eine erneute Chance vor allem für kleinere Pensionen, wieder Gesundheitsurlaub anbieten zu können. Doch brauche es Zeit, "um zeitgemäße Angebote für die ambulante Badekur zu erarbeiten und bei Hausärzten und potenziellen Gästen bekannt zu machen". Ein großes Problem sieht Beck im Mangel an Physiotherapeuten und Badeärzten.

Die Situation der für Badekuren notwendigen Infrastruktur sieht Bad Brückenaus Kurdirektorin Andrea Schallenkammer kritisch. Kurorte hätten sich in den vergangenen 25 Jahren umstrukturieren müssen und wirtschaftliche Konsequenzen gezogen. "Im Staatsbad Bad Brückenau wurde 2009 das überdimensionierte Kurmittelhaus zurückgebaut." Auch private Einrichtungen hätten sich längst umorientiert. Als hinderlich betrachtet Schallenkammer zudem, dass viele Arbeitgeber "den Mehrwert einer ambulanten Badekur zusätzlich zum bestehenden Urlaubsanspruch nicht erkennen". Das neue Gesetz sei gewiss eine große Chance: "In der Pandemie hat sich gezeigt, dass der Gesundheitsmarkt krisenfester ist als der Tourismus." Doch noch reagiert die Kurdirektorin abwartend: "Die Kurorte sind abhängig von den Kostenträgern."

Aus "kann" wurde "muss"

Darin sieht auch Bad Füssings Altbürgermeister Alois Brundobler als neuer Vorsitzender des Bayerischen Heilbäderverbandes die Gefahr und fordert die aktive Unterstützung der Politik bei der Umsetzung des Gesetzes. Zwar habe jetzt der Bund seinen Willen zur Stärkung der ambulanten Kur klar formuliert, doch aus der Leistungsforderung an die Krankenkassen sei aus einem "Kann" nur ein "Muss" geworden. Letztlich reguliert der Medizinische Dienst der Krankenkassen die Zahl genehmigter Badekuren. Doch eine wohnortferne Kur ist nur genehmigungsfähig, wenn der Hausarzt nachweist, dass alle therapeutischen Möglichkeiten am Wohnort ausgeschöpft sind.

Eine Rückkehr zur Situation der Jahre vor 1996 "mit Fango und Tango" sei allerdings auch vom Bayerischen Heilbäderverband nicht gewünscht, bestätigt Brundobler auf Nachfrage. "Die präventive medizinische Wellness hat sich in unseren Kurorten erfolgreich etabliert."

Ein mittelfristiger Anstieg ambulanter Kuren ist nach Meinung von Bad Kissingens Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) nur bei einer ausreichenden Zahl von Badeärzten, Therapeuten und abrechenbaren Therapie-Angeboten sowie "modernisierten Aufenthaltsmöglichkeiten auf der Höhe der Zeit" möglich. Die Rahmenbedingungen durch das neue Gesetz seien allerdings günstig. Bad Kissingen habe zu prüfen, "ob und wie diese Chance für das Staatsbad genutzt werden kann". Vogel: "Ich werde deshalb mit den hiesigen Akteuren einen Diskussionsprozess in der gebotenen fachlichen Breite und Tiefe führen." Voraussetzung für einen Wiederanstieg der Badekuren sei allerdings gute Aufklärungsarbeit auf Bundesebene zur Stärkung ihrer Akzeptanz bei Ärzten und Patienten sowie eine ausreichend finanzierte und schnelle Umsetzung durch die Krankenkassen.

Da das neue Gesetz noch nicht in Kraft ist, will sich der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) gegenüber dieser Zeitung "nicht prospektiv zu Finanzauswirkungen oder Entwicklungen im Gesundheitsbereich äußern". Die Pressestelle verweist stattdessen auf die bisherige Rechtslage, wonach "Krankenkassen bei medizinischer Notwendigkeit entsprechende Leistungen bewilligt haben". Dann aber folgt ein Satz, der den Kurorten kaum Anlass zu großer Hoffnung gibt: "Hinsichtlich der Leistungsvoraussetzungen und der Antragsverfahren ergeben sich durch die neuen Regelungen keine Veränderungen." Bleibt also trotz des neuen Gesetzes doch alles beim Alten? ksvd