Rüdiger von Berg hat in seinem Berufsleben aus 33 selbstständigen Genossenschaftsbanken die heutige VR-Bank Coburg eG aufgebaut. Ab 1989 war er der erste Bankchef, der mit einer DDR-Bank einen viel beachteten Kooperationsvertrag abschloss, der schon kurze Zeit später in einer länderübergreifenden Fusion mündete. Er saß viele Jahre in Gremien namhafter Verbände, Bausparkassen- und Versicherungsunternehmen. Im Ruhestand stellt er sein Wissen ehrenamtlich über den Verein Aktivsenioren Bayern weiterhin dem hiesigen Wirtschaftsraum, Wirtschaftsförderern, Firmen in Krisen und Firmengründern zur Verfügung. Wir sprachen mit ihm über seine Einschätzung zur Entwicklung der Finanzwelt. Wie sieht jemand, der 50 Jahre Finanzexpertise in der Praxis erlebt hat, die aktuelle Situation?

Rüdiger von Berg: Ich sehe zwei Problemkreise mit unterschiedlichen Gefahren, aber mit zwei für Wirtschaft und Finanzen gefährlichen Exponential-Effekten. Corona mit der exponentiellen Ansteckungsrate, den wirtschaftlichen Störungen und den finanziellen und Arbeitsplatzproblemen. Vergessen darf man dabei nicht die EU-Verschuldungsfolgen. Manchmal wünsche ich mir, ich würde weniger über die Gesamtzusammenhänge wissen. Ich könnte viel ruhiger schlafen. Können Sie das näher erläutern?

Wer die Corona-Krise betrachtet, sieht erst einmal die gesundheitliche Seite. Dann merkt man, die Sache betrifft ja unter Umständen auch meinen Arbeitsplatz. Dann freut man sich über die schnellen politischen Reaktionen und die finanziellen Hilfsprogramme. Und das ist ja positiv für alle Betroffenen. Wer sich beruflich mit dem Themenkreis Finanzen beschäftigt, muss aber spätere Nachwirkungen im Auge behalten. Wenn über Nacht Milliarden Soforthilfen unters Volk gebracht werden, ist das zwar kurzfristig richtig und gut, aber irgendwann muss die Rechnung bezahlt werden und da gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten. Warum ist das alles zu beachten und gedanklich zu verknüpfen?

Wer als verantwortungsbewusster Berater darauf nicht achtet, würde seine Kunden nicht situativ korrekt beraten. Ein Bankberater muss sich als "Arzt der Finanzen" verstehen, der dann, wenn sich die Kundensituation ändert, auch andere "Medizin" einsetzt. Würde der Banker sich verändernde Situationen wie Konjunkturzyklen oder Krisen nicht seriös einkalkulieren, dann gefährdete er seine Bank über Fehlentscheidungen im bankeigenen Wertpapierdepot. Die Bankenrettungen der Vergangenheit zu Lasten der Steuerzahler und Sparer lassen grüßen. Ganz konkret gefragt, welche Gefahren drohen dem deutschen Normalbürger?

Als Erstes muss ich etwas die weit verbreitete Meinung vom "reichen Deutschen" korrigieren. Aktuelle Studien sagen aus, dass zehn Prozent der Bevölkerung von der Hand in den Mund leben. 30 Prozent können nur wenige Wochen mit Ersparnissen überbrücken. Das heißt, dass 40 Prozent der Menschen des reichsten Landes der EU bei Krisen gefährdet sind. Die schnellen politischen Reaktionen mit Soforthilfen signalisieren mir, dass man die Studien kannte und das Märchen vom reichen Deutschen selbst nicht so ganz glaubte.

Und nun wechselt auch noch der Konjunkturzyklus. Das heißt, jeder sorgt sich um sein Geld. Banken registrierten verstärkt größere Barabhebungen. Warum wohl? Geplante Investitionen werden verschoben. Firmen arbeiten mit halber Kraft, Arbeitsplätze fallen weg und damit oft der gewohnte Lebensstandard für Betroffene. Ganze Lebensplanungen geraten so ins Wanken. Wegen der Hilfen für Griechenland, Italien und Spanien haben doch manche Fachleute noch vor Wochen auf den Konjunkturzyklus der Inflation gesetzt?

Das ist richtig! Jeder BWL-Student lernt, dass, wenn der Staat mehr Geld in Umlauf bringt, als Güter und Dienstleistungen dagegen stehen, die Kaufkraft einer Währung sinkt. Bei einer Inflation entschuldet sich der Staat auf Kosten seiner Bürger und Sparer. In den 70er-Jahren konnte das jeder Italien-Urlauber über die Wechselkurse erleben. Jedes Jahr bekam man mehr Lire für seine DM. Unsolides wirtschaften von Staaten wurde damit sichtbar bestraft. Heute haben wir mit dem Euro eine gemeinsame Währung aus stabileren Nordländern und mehrheitlich mit steigender Verschuldung kämpfenden Südländern. Kann man diese negativen Entwicklungen nicht beeinflussen oder umkehren?

Da habe ich kurzfristig wenig Hoffnung. Da wurden schon in früheren Zeiten personell und in Verträgen elementare Fehler gemacht. Personell deswegen, weil man politisch verbrauchte Mandatsträger nach Europa entsorgte, während andere Nationen teils hoch motivierte Eliteschüler entsandten.

Mehr als 40 Jahre galt unsere Deutsche Bundesbank sprichwörtlich als Hüterin der Währung. Über die EU-Verträge und die Stimmrechte wurde das früher solide Handeln, sukzessive über die EZB, zugunsten der Südstaaten ausgehöhlt. Zwischendurch beruhigte man Deutschland mit dem Versprechen, dass kein EU-Land für die Schulden eines anderen Landes haften muss. In Wirklichkeit leben wir aktuell schon in einer Haftungs- und Transferunion. In der Vergangenheit wurden doch auch wechselnde Konjunkturzyklen von der Bundesbank erfolgreich bekämpft. Warum soll das jetzt bei der EZB nicht funktionieren? Eine Inflation wurde hauptsächlich durch Drehen an der Zinsschraube bekämpft. Wenn der Leitzins, wie jetzt historisch einmalig, nahe null ist, dann ist die Waffe stumpf. Da kämen Bund, Land und Kommunen selbst in Schwierigkeiten. Die berühmte "schwarze Null" wurde gefeiert und nur wenige haben begriffen, dass dies real nur bedeutet, dass der Staat keine weitere Neuverschuldung mehr eingegangen ist. Andererseits wurden aber auch keine Altschulden getilgt und das trotz Rekordsteuereinnahmen, brummender Konjunktur und geringer Arbeitslosigkeit. Wo ist dann das Geld gelandet? Jedenfalls nicht in die Verbesserung der Infrastruktur, wie Straßen, Brücken, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, schnelles Internet und Flughäfen, die wirklich funktionieren.

Würde man im Falle einer Inflation den Leitzins um beispielsweise zwei Prozent anheben, dann wären nicht nur private Schuldner in Nöten, sondern viele Staaten und Kommunen könnten ihren Kapitaldienst für ihre Altschulden nicht oder nur unzureichend leisten. "Zombie-Unternehmen", die nur dank niedriger Zinsen noch die Insolvenz vermieden haben, verabschieden sich sofort aus dem Marktgeschehen. In welcher Phase befinden wir uns aktuell?

Eindeutig in einer Rezession. Das ist eine Phase des Abschwungs. Die kündigt sich an, wenn das BIP (Bruttoinlandsprodukt) mindestens zwei Quartale hintereinander schrumpft. Das geschieht durch sinkende Nachfrage, steigende Arbeitslosigkeit und bedeutet in der Folge, weniger Einkommen und auch weniger Konsum. Und das Coronavirus brachte unter anderem zusätzlich geschlossene Läden und Restaurants. Das IFO-Institut schätzt das entstehende Wirtschaftsminus auf 20 Prozent. Hier ist europaweit die Politik gefordert, dass sie Vorsorge ergreift, damit man diese ungute Entwicklung stoppt, denn im schlimmsten Fall würde eine solche Phase in einer Depression enden. Und dieser Shutdown der Pandemie bereitet jetzt schon Bürgermeistern, Landräten und Wirtschaftsförderern Alpträume. Die Einnahmen brechen weg und die Ausgaben steigen massiv! Was hätten Sie persönlich anders gemacht, um vielleicht solche Fehlentwicklungen zu verhindern? Und was wäre Ihr Ansatz für die Zukunft?

Mit der Frage wollen Sie mich erwischen. Aber ich gebe Ihnen gerne eine Antwort. Im Geschäftsleben sind Fehler üblich, jeder hat schon solche gemacht, ich nehme mich da nicht aus. Je mehr Fehler jemand macht, desto erfahrener wird er. Daher würde ich selbst zuerst auf meine Erfahrungen zurückgreifen und mich zusätzlich mit einem neutralen Dritten beraten. Hier ein Beispiel: Wie Ihnen bekannt ist, haben wir beim Aufbau der VR-Bank viele Fusionen durchgeführt. Vor den meisten Fusionen haben wir einen "Kooperationsvertrag mit Fusionsabsicht" vorgeschaltet. Dort war ganz klar geregelt, dass beide Partner einschließlich der Prüfungsberichte vorher alles offenlegen. Mich hat das Leben gelehrt: Alle Dinge, die verdeckt stattfinden, sind Sprengstoff. Alle, die Ziele mit mehreren Partnern erreichen wollen, sollten einen ähnlichen Weg gehen.

Nun zum zweiten Teil Ihrer Frage. Die europäischen Staaten waren damals von dem Willen beseelt, dauerhaft Frieden in Europa zu sichern. Doch beim Euro wurde leider nicht bedacht, dass einheitliche Währungen nur über eine gemeinsame Fiskalpolitik funktionieren und zusätzlich über weitere Vereinbarungen wie genaue Sanktionsregeln bei Vertragsverstößen, aber auch über gegenseitige Hilfsverpflichtungen in Notsituationen. Und genau diese Notzeiten in der Gemengelage mit Corona, finanziellen Hilferufen, unabsehbaren Folgelasten, unkoordiniertem Vorgehen zum Schaden der Gemeinschaft bieten nun im zweiten Anlauf erneut Chancen, Versäumtes nachzuholen. Man sagt, Krisen bieten auch Chancen, denn jede Medaille hat zwei Seiten. Wo sehen Sie solche Chancen noch?

Wenn ich abschließend das Thema "Finanzen" im Zusammenhang mit Corona und der gesamten europäischen Gemengelage sehe, komme ich trotz erschreckend niedriger Zinsen und weiter wachsender Schulden der europäischen Länder zu folgendem derzeitigen Ergebnis: Am Ende werden wir alle in irgendeiner Form Geld verloren haben, aber dafür bekommen wir die Chance zum Weitermachen mit einem gewachsenen Erfahrungsschatz. Also im Klartext, es werden von uns allen finanzielle Opfer verlangt. Aber worauf gründen Sie Ihren Optimismus, dass am Ende die Sache gut ausgeht?

In Krisenzeiten neigt der Mensch evolutionsbedingt dazu, pessimistisch zu denken. Vorsicht bestimmt sein Handeln. Besondere Ängste haben die Älteren. Sie sorgen sich um ihre Ersparnisse, ihre Altersversorgung, ihre Betreuung im Alter und zusätzlich fühlen sie sich noch als Hochrisikogruppe vom unbekannten Monster der Corona-Pandemie bedroht.

Aber es gibt Hoffnung. Als Kind habe ich Deutschland in Schutt und Asche gesehen, den Vater im Krieg verloren, nicht jeden Tag eine warme Mahlzeit. Damals konnte sich niemand vorstellen, dass er sich wenige Jahre später im Wirtschaftswunder wiederfindet. Die meisten Leute haben in Notzeiten gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Fehlende gesetzliche Regeln wurden durch Eigeninitiative ersetzt. Ich bin aus dem Erlebten überzeugt, so schlimm wie nach einem Krieg kann es nicht werden. Die Krise hat für die Politik Schwachpunkte der Wirtschaft sichtbar gemacht. Im Gesundheitswesen wurde zu stark gespart. Weshalb wurden wichtige Lieferketten unterbrochen? Ist es sinnvoll, wichtige Arzneimittel komplett im Ausland zu produzieren? Allen Skeptikern wurde vor Augen geführt, wie wichtig eine schnelle 5G-Internetverbindung für die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft ist. Und die Digitalisierungsoffensive hat noch zu wenige Bereiche erreicht. Selbst ärmere Länder wie Spanien oder Estland liegen in dem Bereich weit vor Deutschland. Ich habe die Hoffnung, dass nun auch die Behörden das Anpassungstempo erhöhen, denn wir liegen hier unter dem EU-Durchschnitt. Für Exportweltmeister eigentlich eine Ohrfeige. Die Krise hat uns neue Arbeitsformen wie Homeoffice vor Augen geführt, aber gezeigt, dass wir bezüglich Internetverfügbarkeit und Leistungsstärke, im Gesamtvergleich fast auf der Stufe eines Entwicklungslandes geblieben sind. Ich denke, wenn die Macher und Gestalter in unserem Land nicht mehr durch die ewigen Bedenkenträger und eine überbordende Bürokratie ausgebremst werden, ist auch diese gewaltige Herausforderung zu schaffen.