"Das Flair der Tage, die Gebete, die Musik und vor allem die Gespräche werde ich vermissen, sie haben mein Leben geprägt." Sichtlich bewegt schildert Otmar Lutz, was ihm die Wallfahrt bedeutet hat und es wird mucksmäuschenstill im Pfarrsaal, als sich der langjährige Wallfahrtsführer verabschiedet.

Es ist lange Tradition der Retzbach Wallfahrer aus Oerlenbach und Umgebung, sich nach gewisser Atempause zu einem Dankgottesdienst in der St. Burkard Kirche mit anschließendem Begegnungsabend im angrenzenden Pfarrsaal zu treffen. Dieser Abend aber ist mehr als Erinnerung und Rückblick, ist Dank, Abschied, Neubeginn und Versprechen gleichzeitig.

Es ist eine besondere Ehre, sich in das "Goldene Buch" der Wallfahrer eintragen zu dürfen. Doris Beutert, Monika Nöth und Ludwig Erhard waren 50-mal dabei und Günter Gößmann-Schmitt hat 30 Jahre Sanitätsdienst geleistet. Ihre Unterschrift im Goldenen Buch zeugt von großer Hingabe für die Gnadenmadonna von Retzbach. Stehenden Applaus gibt es auch für Willi Hemmerich, der 25-mal das Wallfahrtsbild getragen hat und als Frontmann der Pilgerschar voranging.

Es gilt aber auch Abschied zu nehmen von Otmar Lutz, dem unermüdlichen, geschätzten Wallfahrtsführer, der seit fünf Jahrzehnten so etwas wie zur Seele der Retzbachpilger geworden ist. 1977 erstmals als einer von drei Musikanten nach Retzbach unterwegs, wurde eine Leidenschaft daraus, die sein Leben prägen sollte.

Organisationstalent und Motivator

In verschiedenen Aufgaben bewährt, machte er sich schnell unverzichtbar, denn das Beten mit den Füßen will organisiert sein. Vorbeter müssen gefunden werden, Musik gehört dazu, der Träger des Wallfahrtsbildes muss ein Gespür haben für Marschzahl und Tempo. Wer hat die Kraft, den Lautsprecher zu tragen, wie viele Personen sichern den Verkehrsdienst, sind genug Begleitfahrzeuge organisiert, haben wir ausgebildete Sanitäter dabei? Das alles gehört dazu, aber wichtiger noch ist, den Geist der Wallfahrt weiterzutragen. In all diese Aufgabenstellungen hat sich Otmar Lutz hineingearbeitet, ist seit 40 Jahren in Führungspositionen zum "Gesicht" der Retzbachpilgerschaft geworden. Die weitere Ausgestaltung der Andachtsstätte, Bischofsbesuch, Goldenes Buch und die Herausgabe eines Marienliederbüchleins werden mit seinem Namen verbunden bleiben. Der Dank der Versammlung, des Bürgermeisters Nico Rogge, des Pfarrvikars Karl Feser ist überaus anerkennend, die Präsente zum Abschied von Herzen kommend. Aber es ist auch Neubeginn: Nach der 155. Wallfahrt ist ein reibungsloser Übergang eingeleitet und mit Christoph Griebling führt ein langjährig engagierter Wallfahrer, der alles mitbringt, was gefordert ist, um das Vermächtnis aus der Oerlenbacher Geschichte fortzuführen. Schelm, der er nun einmal ist, gibt Otmar Lutz seinem Nachfolger aber auch ein gehöriges Aufgabenpaket mit auf den Weg. Eigenhändig geschriebene Gesetze der Retzbach Wallfahrt à la Lutz. kwv