Andreas Lösch

Bier wird versetzt mit giftiger Bromessigsäure, um es zu stabilisieren. Und das in Deutschland: Die Biertrinker-Nation mit dem Reinheitsgebot. Auweia. "Verbotene Chemikalien im Bier von 40 deutschen Brauereien", überschrieb der Fränkische Tag im Jahr 1985 einen Artikel. Die Staatsanwaltschaft München II ermittle demnach "seit Monaten wegen des Verdachts unerlaubter Bierpanschereien". Zahlreiche Medien wie der "Spiegel" und der "Stern" berichteten über den Fall. Dabei rückte vor allem ein Mann in den Fokus: Professor Doktor Helmut Kieninger.
Er war Direktor der "Wissenschaftlichen Station für Brauerei" in München, Lehrer für Brauerei-Technologie an der Fakultät für Brauwesen in Weihenstephan und zudem Träger des "Bayerischen Bier-Ordens", den ihm der Verband der mittelständischen Privatbrauereien verliehen hatte. Und eben jener Mann soll zahlreichen Brauern den Gebrauch verbotener Zusatzstoffe empfohlen haben. Wie das Magazin "Stern" damals im Zusammenhang mit dem Bierskandal berichtete, kauften Brauereien von 1979 bis 1984 kiloweise unter anderem Monobromessigsäure sowie verschiedene andere unerlaubte Zusätze bei der "Untersuchungs- und Beratungsstation für Brauerei", die wiederum der besagten "Wissenschaftlichen Station für Brauerei" angegliedert war. Den Rechnungsunterlagen zufolge waren die Chemikalien laut dem damals dazu erschienenen FT-Artikel "in den meisten Fällen an die Braumeister, Betriebsleiter, Geschäftsführer oder Prokuristen persönlich geliefert worden".
Der auch oft als "Bayerischer Bierpapst" titulierte Helmut Kieninger bangte um seinen Ruf. Gegen den Hochschullehrer wurde ein disziplinarrechtliches Verfahren eingeleitet, zudem lief ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München gegen ihn. Er wurde wegen der Vorkommnisse vom bayerischen Kultusministerium ohne öffentliche Nennung von Gründen in den Ruhestand versetzt. Den Direktorenposten bei der Wissenschaftlichen Station legte er freiwillig nieder.
Als eine von vielen Brauereien war damals auch die "Weiss-Rössl-Bräu" im Eltmanner Stadtteil Roßstadt in den Bier-Skandal verwickelt. Am 7. März 1985 berichtete der Fränkische Tag, dass dort rund 3000 Hektoliter Bier vom Landratsamt Haßberge sichergestellt wurden, weil darin unerlaubte Zusätze gefunden worden waren. In dem Zeitungsartikel erklärte die damalige Weiss-Rössl-Geschäftsführerin Elisabeth Wagner, dass es nun gelte, den Ruf der Brauerei wieder aufzupolieren.


Schwerwiegende Folgen

Es werde weiter gebraut und ausgeliefert, wobei Weiss-Rössl-Bräu unbesorgt getrunken werden könne, da es mit Sicherheit das "derzeit am meisten kontrollierte Bier" sei. In den Folgejahren erholte sich die Brauerei aber nie so richtig von den Folgen des Skandals. 1989 wurde sie von der Kaiser-Bräu aus Neuhaus bei Pegnitz (Kreis Bayreuth) übernommen, deren Chef Elisabeth Wagners Bruder war. Heute wird von Kaiser-Bräu nur noch die Marke "Weiss-Rössl" vertrieben, die Roßstadter Brauerei gibt es nicht mehr.
Ein Sprecher von Kaiser-Bräu erinnert sich aber an die damalige Zeit in den 80er Jahren, als zahlreiche Bierbrauer in Verruf gerieten. Dies geschah seiner Ansicht nach, weil der Einsatz von Bromessigsäure von Professor Kieninger empfohlen worden war, der an der Fakultät für Brauwesen in Weihenstephan lehrte. Die Fakultät hatte unter Brauern einen sehr guten Ruf und genoss hohes Ansehen, so dass offenbar etliche Brauereien eine Empfehlung von solcher Stelle als unbedenklich ansahen.
Gesundheitliche Folgen für die Konsumenten hatte der Bierskandal übrigens keine, zumindest keine nachweisbaren. Liest man die Artikel von damals, wird ein anderer Eindruck erweckt. "Die im Ersten Weltkrieg in chemischen Kampfstoffen verwendete Monobromessigsäure ist als Bestandteil von Desinfektionsmitteln in der Bundesrepublik zugelassen. Sie wird nach Auskunft des Bayerischen Brauerbundes in vielen Brauereien eingesetzt, jedoch lediglich als Reinigungsmittel", schrieb der Fränkische Tag.
Und das im Land des Reinheitsgebots von 1516, welches besagt, dass nur "Gersten, Hopfen und Wasser" ins Bier dürfen. Wobei das Ganze eher ein Marketinginstrument denn ein Gebot ist. Die gesetzlichen Vorgaben ergeben sich nämlich durch das vorläufige Biergesetz von 1993, welches den Brauern etwas mehr Handlungsspielraum gibt. So werden zum Beispiel der natürlich vorkommende Rohstoff Kieselgur und der Kunststoff Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP) als vorübergehende Zusätze beim Brauprozess verwendet, um Trüb- und Gerbstoffe aus dem Bier zu filtern. Anschließend werden diese Zugaben wieder herausgenommen. Im Biergesetz steht dazu: "Als Klärmittel für Würze und Bier dürfen nur solche Stoffe verwendet werden, die mechanisch oder adsorbierend wirken und bis auf gesundheitlich, geruchlich und geschmacklich unbedenkliche, technisch unvermeidbare Anteile wieder ausgeschieden werden." Trotzdem: Prost.