Das Land erstarrt im Lockdown. Die Bundesregierung will nicht über eine Öffnungsstrategie reden und verspricht Unterstützung. Doch aus vielen Branchen kommen Hilferufe und es hagelt Kritik - nicht nur, weil zu einem beachtlichen Teil selbst Novemberhilfen noch nicht ausgezahlt sind. Überbrückungshilfe III heißt das Programm, das jetzt eine Welle von Insolvenzen verhindern soll. Doch da an das dringend benötigte Geld zu kommen, ist kompliziert.

Beispiel Einzelhandel: "Wir haben seit 17. Dezember geschlossen, die Mitarbeiterinnen sind in Kurzarbeit und müssen mit 69 Prozent ihres Einkommens leben. Rücklagen, die für eine Erweiterung des Geschäfts und mehr Personal gedacht waren, sind so gut wie aufgebraucht", schildert Alexandra Probst-Schnellhardt die Lage in ihrem Blumengeschäft "Blooms and Rooms" in Coburg.

Einen Antrag auf Überbrückungshilfe III zu stellen, ist erst seit dem 10. Februar möglich. Die Zeit dazwischen mussten die Betroffenen selbst überbrücken - ohne oder mit nur rudimentären Einnahmen. Doch den Antrag kann die Ladenbesitzerin nicht einfach selbst übernehmen. Warum, das macht ein Blick auf die Internetseite des Bundeswirtschaftsministeriums rasch deutlich. Wo unter FAQ häufig gestellte Fragen beantwortet werden sollen, stoßen Ratsuchende auf ellenlange hoch komplizierte Texte, die einen juristischen Laien rasch entnervt aufgeben lassen.

Nicht ohne "prüfende Dritte"

Tatsächlich geht ohne die Hilfe eines Steuerberaters oder Anwalts gar nichts. Er muss durch so genannte "prüfende Dritte" bearbeitet werden. Doch da droht schon im Vorfeld ein Flaschenhals. Auch Steuerberater und Rechtsanwälte müssen sich erst mit der Materie vertraut machen. Sie werden für jeden Antrag einen hohen Zeitaufwand ansetzen müssen und sie werden viele Anträge zu bewältigen haben. "Bis wir da überhaupt Geld bekommen, wird es womöglich Sommer", fürchtet Alexandra Probst-Schnellhardt.

Ärgerlich ist für sie, dass sie keine Ahnung hat, wie es bis dahin weitergehen soll. In der Hoffnung, vor Ostern öffnen zu dürfen, hat sie Saisonware bestellt. Die muss bezahlt werden - auch wenn der Lockdown über Ostern dauern sollte und sie die Ware nicht mehr verkaufen kann. Und bei aller Belastung ist noch unklar, ob und unter welchen Umständen sie erhaltene Hilfen womöglich auch zurückzahlen muss. Wovon, wenn bis dahin wenig Einnahmen möglich waren?

Betroffen sind viele Branchen. Für den Kreisverband der Fahrlehrer sagt Stefan Ponier: "Der Begriff Überbrückungshilfe ist sachlich inkorrekt." Denn, wenn Zahlungen kommen, ist der Betrieb in den Fahrschulen schon wieder aufgenommen. Die Lücke, die überbrückt werden musste, ist überwunden. Geld bekommt erst, wer alle Rücklagen aufgebraucht hat. Damit fühlen sich Unternehmer bestraft, die gut gewirtschaftet und Rücklagen gebildet haben, statt auf einem Schuldenberg zu sitzen. Überbrückungshilfe orientiert sich an den Fixkosten des Unternehmens. Doch zu diesen Kosten zählt der Aufwand für den eigenen Lebensunterhalt nicht, keine Krankenversicherung, keine Altersvorsorge, keine Kosten für die Finanzierung des Eigenheims und dergleichen. "Als Soloselbstständiger käme ich besser weg als ein Mittelständler mit Angestellten", rechnet Stefan Ponier anhand der Bestimmungen vor.

Wenn die Fahrschulen jetzt, ab dem 22. Februar, wieder öffnen dürfen, dann sind längst nicht alle Probleme gelöst. Abstandsregeln etwa machen eine Schulung nur mit deutlich weniger Teilnehmern möglich. Die Kosten für Räume und Personal sind aber die gleichen wie bei Vollbesetzung. Gleichzeitig stehen die Fahrschulen vor einer Situation, die Stefan Ponier in all den Jahren als Fahrlehrer so nicht kennt: "Wir müssen Leuten, die sich jetzt anmelden, sagen, dass sie womöglich in diesem Jahr keine Fahrstunde mehr bekommen." Dass auch Fahrlehrer kaum noch zu bekommen sind, macht die Lage nicht besser.

Von Kinos bis zum Hotel- und Gaststättengewerbe, von Kulturschaffenden bis zu Museen werden die Rufe nach einer Perspektive zur Wiedereröffnung immer lauter. Sportvereine fürchten die Schließung mancher Abteilungen, wenn über so lange Zeiträume nicht trainiert werden darf. Fitnessstudios stehen seit Monaten ohne Einnahmen leer - aber nicht ohne Kosten. Jens Wahner von der Pilates Loft Broadway Body in Rödental ist der Frust anzumerken. "Wir haben seit November geschlossen. Wir dürfen nicht einmal Einzeltraining anbieten, obwohl wir bei 330 Quadratmetern Fläche wirklich Abstand einhalten könnten."

Der Steuerberater hat nun informiert, dass die Antragsstellung möglich ist. Ende März könne eine Zahlung der Überbrückungshilfe erfolgen - theoretisch. Es kann auch später werden. Und für den Antrag muss angegeben werden, mit welchem Verlust gegenüber den jeweiligen Vergleichsmonaten aus der Zeit mit Betrieb bis Juni 2021 gerechnet wird. "Dabei wissen wir ja noch gar nicht in welchen Monaten wir wieder offen haben dürfen", sagt Jens Wahner. Gibt er im Antrag zu viel Verlust an, kann ihm blühen, dass er dann einen Teil der erhaltenen Erstattungen wieder zurückzahlen muss.

Quer über die Branchen wächst der Unmut über das Vorgehen der Bundesregierung in der Krise. Dazu kommen unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern. So durften in manchen Bundesländern Fahrschulen eine Zeit weiter arbeiten, während sie in Bayern geschlossen wurden. Ähnliches gilt für Kosmetik- und Tattoo-Studios. Nun rechnen viele damit, dass nach einem ungleichen Termin für die Schließung auch bei der Wiederöffnung manche Bundesländer früher, andere später lockern. Und quer über die Branchen gilt den Betroffenen eines als sicher: Wie die Konsequenzen aus den Maßnahmen wirklich aussehen, wird sich erst noch zeigen.