Mathe hat Petra Hilpert schon lange nicht mehr unterrichtet und mit Musik hat sie wenig am Hut. Auch Lehrer wie sie haben bevorzugte Fächer und für den Fachunterricht in Musik braucht man eigentlich zusätzliche Qualifikationen. Also blätterte Petra Hilpert, deren Hauptfächer Deutsch, Englisch, GSE (Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde) oder Kunst waren, im Schulbuch der sechsten Klasse und erstellte einige Bruchaufgaben.

Mit einem Musikquiz über Filmmelodien überbrückte sie die eine Musikvertretungsstunde am Montag, was sie erst am Freitagmittag erfahren hat. Und die andere Klasse durfte auf die Notenlehre verzichten und bekam dafür eine Rechtschreibübung.

Rechtschreibung zu üben ist nie verkehrt, denn wenn Not am Mann ist, muss es eben so gehen. Und Not am Mann ist immer, wenn Lehrer krank sind. "Die Schüler haben ein Recht auf Unterricht", betont Wolfgang Blos, Schulamtsdirektor in Forchheim. Und deshalb werden sogenannte Mobile Reserven eingesetzt. Das sind Lehrer, die ein bis maximal zwei Jahre hintereinander durch den Landkreis von Schule zu Schule düsen und den Unterricht für erkrankte Kollegen in Grund- und Mittelschulen übernehmen.

Der Unterricht geht vor

So könne es durchaus vorkommen, dass eine Teilzeitlehrkraft mit acht Stunden von Bamberg nach Hiltpoltstein fahren müsse. Das sind Fälle, die auf das Gewissen drücken. Doch der Unterricht hat Priorität und man versuche schon, die Lehrkräfte wohnortnah einzusetzen.

31 Mobile Reserven, Vollzeit- und Teilzeit- sowie Fachlehrer vertreten derzeit 662 Lehrerwochenstunden in Forchheim. Sie vertreten Lehrer in längerem Krankenstand, bei Schwangerschaft oder Mutterschutz, bei Fortbildung oder wenn Lehrer ab Februar in den Ruhestand gehen. Kurzfristige Erkrankungen muss die Schule intern lösen. Grundsätzlich gilt: "Jeder Lehrer ist verpflichtet, auch Mobile Reserve zu machen", sagt Blos.

Es kann schon anstrengend sein

Die einzelnen Schulleiter sind es auch, die vorschlagen, wer in ihrer Schule mobil gemacht werden kann. Meist sind es Lehrer, die Teilzeit arbeiten oder die nach der zweiten, vierten oder sechsten Klasse wieder als Klassenleitung einteilbar gewesen wären.

"Jede Schule weiß im Juni, wie viele neue Schüler kommen und plant dann die Anzahl der Klassen und wie viele
Lehrerstunden für den Unterricht anfallen. Das Schulamt überprüft diese Lehrerwochenstunden, meist muss gekürzt werden. Dann werden die Zahlen an die Regierung gemeldet. Von der Regierung werden dann die Lehrerstunden zugeteilt", erklärt der Schulamtsleiter. Und somit auch die Mobile Reserve.

Mobile Reserve heißt, dass Lehrer eventuell auch für Fächer eingeteilt werden, die sie nicht studiert haben. Grundsätzlich sollte ein Hauptschullehrer alles unterrichten können, aber "jeder Lehrer möchte unterrichten, was er fundiert kann", sagt Blos. Er weiß, wie anstrengend und kräftezehrend die Zeit als mobile Reserve sein kann. Man kennt weder die Kollegen noch die Schüler und muss sich auch erst im Schulgebäude räumlich orientieren. "Zum Glück bin ich in meiner eigenen Schule ins kalte Wasser geworfen worden", sagt Petra Hilpert nach ihren ersten Wochen als Mobile Reserve.

Sie vertritt Kollegen an ihrer Stammschule in Ebermannstadt. Zwar müssen die erkrankten Kollegen Unterrichtsmaterialien für den Vertretungslehrer hinterlassen, aber Hilpert war froh, mit dem bekannten Kollegen telefonisch den Unterrichtsstoff absprechen zu können, anstatt auf dessen vorbereitete Vertretungsblätter zurückgreifen zu müssen.

Durch den Schülerrückgang war ein Lehrer zu viel an der Schule, weshalb sich die 43-Jährige freiwillig als Mobile Reserve gemeldet hat. Außer an der Mittelschule in Ebermannstadt hatte sie noch nie in einer anderen Schule gearbeitet.
Doch gerade den Ablauf und die Organisation an einer anderen Schule wollte sie gern kennenlernen. Und den Unterschied zwischen einer kleinen Schule und einer großen wie in Ebermannstadt, wo 50 Lehrer im Lehrerzimmer sind.

Aber auch den Unterschied zwischen Schulen im ländlichen und im städtischen Bereich. Versetzen lassen wollte sich Petra Hilpert nicht, und da sie gerade eine neunte Klasse ins Leben entlassen hat, bot sich für die Lehrerin aus Forchheim das Jahr als Mobile Reserve an: um andere Luft zu schnuppern und um einen Blick über den Tellerrand zu erhalten.

Diesen Blick hat die Grundschullehrerin Ann-Christin Dettmer bereits hinter sich und empfindet es rückblickend als Bereicherung. "Wenn man immer an der gleichen Schule ist, besteht die Gefahr, betriebsblind zu werden", sagt die 43-Jährige aus Ebermannstadt.

Sie betrachtete ihr anderes Schuljahr als Zeit der Ideensammlung. Gerade auch hinsichtlich der gesetzten Schwerpunkte. "Manchmal ist man auch dankbar. Ein Problem wird wieder kleiner", sagt Dettmer.

Ein abwechslungsvolles Jahr

Vor allem ist das Jahr als Mobile Reserve sehr abwechslungsreich. Am Anfang hatte sie jede Woche, dann jede zweite Woche einen anderen Einsatzort an den Grundschulen im Landkreis. So war sie eine Woche in Igensdorf, dann in Gräfenberg, dann an der Forchheimer AST (Adalbert-Stifter-Schule).

Die Unterschiede zeigten sich bereits in der Klassenstärke. Mit 16 Schülern oder eben auch mal mit 25 in einer Klasse. Da ist bereits die Pause ruhiger und überschaubarer als an ihrer Heimatschule in Ebermannstadt, wo die Mittelschule im Gebäude mit untergebracht ist. Aber es ist auch ein Unterschied, wenn man nur mit vier Kollegen im Lehrerzimmer am Pausentisch sitzt.

Ein anderes Unterrichten war es für Ann-Christin Dettmer an der AST. Auch weil dort die Eltern häufig eine andere Einstellung zum Lernen gehabt hätten. Das hätte sich schon an fehlenden Heften oder Hausaufgaben gezeigt. "Dort sind viele Kinder mit Migrationshintergrund. Es ist eine andere Klientel.

Aber es gibt auch Eltern, die mithelfen und sehr darauf achten", berichtet Dettmer. Auch für die Schüler ist diese Situation oft nicht einfach. Die meisten haben eine abwartende Haltung. Die einen sind vorsichtiger, andere drehen schnell auf. Dass jemand Grenzen austesten wollte, hat Dettmer so nicht erfahren: "Wer in einer solchen Situation ist, braucht den Rückhalt der Schulleitung. Als Mobile Reserve weiß man nicht, ob das Verhalten eines Störenfrieds nur eine Ausnahme ist oder ob er immer so ist."

Diese Fragen gilt es dann zu klären. Aber auch, wo man die Vorlagen findet, oder sich in den Notfallplan einzuarbeiten. Es hat ein Für und Wider. Die Zeit als Mobile Reserve hat auch eine gewisse Leichtigkeit. "Man hat weniger Verantwortung, muss keine Noten und Zeugnisse schreiben. Man kann den Stoff erklären, aber nicht viel reißen", sagt Dettmer.

Mit der Zeit griff die Lehrerin aus Ebermannstadt schon auf die Vertretungsarbeitsblätter zurück, um das Programm nicht durcheinander zu bringen. Erst als sie nach Weihnachten erfuhr, dass ihre Vertretung in Gräfenberg zu einem Dauereinsatz bis Schuljahrsende wird, konnte sie anders vorgehen. Dann konnte sie beispielsweise auch die Sitzordnung ändern.

Von Gräfenberg ging Dettmer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Aber: "Ich würde es wieder machen. Als Erfahrung", resümiert Ann-Christin Dettmer ihre Zeit als Mobile Reserve.