Teetrinken mit iranischen Lkw-Fahrern oder am Ufer des Baikalsees Pause machen. "Wegen solcher Momente fahre ich Rad", erzählt Jürgen Pöhlmann. Der 59-jährige "Ur-Ebser", wie er sich selbst nennt, steht im Arbeitszimmer seines Hauses. Die Wände sind behängt mit Weltkarten und Fotobüchern seiner Radtouren. In den letzten zehn Jahren ist er 18 Mal von Ebermannstadt aus in ferne Länder geradelt. Einmal die Welt im Längengrad zu umrunden ist sein Ziel.

Der Start seiner Tourenkarriere war 2010 mit einem Auftrag der Stadt. Er sollte mit ein paar Ebermannstadtern eine Radtour in die französische Partnerstadt Chantonnay machen. Danach habe er gleich gewusst, er macht weiter. Seitdem fuhr der Ebser insgesamt 37 000 Kilometer in 23 Ländern.

Zur Sicherheit macht er Telefondates mit seiner Frau aus

"Manchmal fährt man schon zehn Tage nur durch grüne Sumpflandschaften und Birken, das muss man mental ertragen können." Kilometerweit kein Dorf, kein Arzt in Sicht - was manche in Panik versetzen würde, erlaubt Pöhlmann den Kopf frei zu bekommen. "Man bekommt Demut vor dem eigenen Handeln. Auf mich alleingestellt, habe ich gelernt mich durchzuschlagen."

Denn fernab der Zivilisation auf teils unbefestigten Straßen zu fahren, birgt Risiken wie Unfälle oder Unwetter. Deshalb macht er bewusst Telefonzeiten mit seiner Ehefrau aus. "Alle zwei Tage rufe ich sie an. Damit sie weiß, dass ich noch lebe." Was seine Frau dazu sagt, dass er mehrmals im Jahr wochenlang in der Weltgeschichte umherradelt, frage ich. "Sie ist es gewohnt", sagte er und lacht. Mit auf Tour wolle sie allerdings nicht.

Alleine meistert er die körperliche Tortur

Pöhlmann fährt sowieso lieber alleine. So kann er seinem eigenen Fahrrhythmus folgen. "Diese Touren sind eine psychische Herausforderung, da kann man sich nicht in Kleinkriegen mit den Mitfahrern verlieren." Von morgens um 5 Uhr bis abends um 20 Uhr sitzt er im Sattel. Da schmerzt selbst einem durchtrainierten Sportler wie Pöhlmann mehr als nur der Hintern: "So eine Tour tut weh. Aber nach der Tour ist es vergessen und währenddessen darf es keine Rolle spielen."

Die Landkarten an den Wänden von Pöhlmanns Arbeitszimmer gehen nahtlos in eine bunte Rock-Tapete bestehend aus CD-Schubbern und Plattencover von Rolling Stones bis Creedence Clearwater Revival über. "Ich spiele Gitarre. Ohne Band, meist für mich. Ich merke gerade, ich bin ja ganz der Alleine-Mensch", murmelt er verlegen. "Aber das stimmt gar nicht. Alles, was mich zur Ruhe bringt, ist gut." Das Standmikrofon samt Sitzhocker in der Ecke wirken eher nach Tonstudio als nach gelegentlichem Seitenzupfen. Halbe Sachen kennt der Extremsportler nicht.

Während unseres Gesprächs blickt Pöhlmann immer wieder aus dem Fenster. Sein Arbeitszimmer hat direkten Blick aufs Walberla. Er genießt das Leben in der Ebermannstadter Siedlung, die sich selbst den Namen Schlumpfhausen gegeben hat. "Ich wurde zu deren Bürgermeister auf Lebenszeit ernannt", erzählt er stolz und zeigt seine Amtskette, die ein Metall-Schlupf ziert.

Die Weltreise ist keine Flucht aus der Fränkischen Schweiz

Seine Weltbummelei sei keine Flucht aus der Fränkischen Schweiz, im Gegenteil, umso lieber kehre er jedes Mal nach Hause zurück. "Ich arbeite bei den Stadtwerken, meine Frau ist Lehrerin. Ich habe drei erwachsene Kinder. Unser Familienleben ist so wie man es sich vorstellt. Alles wunderbar. Es ist aber auch wunderbar, wenn du dich einmal im Jahr komplett ausklinkst. Und einfach rein ins Abenteuer."

Für einen Weltenbummler wie Pöhlmann müssen Lockdown und Reiseeinschränkungen unerträglich sein, frage ich. Doch er verneint: "Für Radfahrer war Corona kein Problem." Täglich ist er durch Franken getourt - als Beschäftigungstherapie und um im Training zu bleiben. Die für 2020 geplanten Touren nach Peking und Wladiwostok musste er allerdings absagen. "Die hygienischen Bedingungen Vorort sind oft ein Problem." Pöhlmann schläft nie unter freiem Himmel. Er sucht den Kontakt zu Einheimischen und übernachtet schon Mal bei einem Dorfbewohner zuhause. "In Corona-Zeiten grenzt das an Selbstgefährdung. Das könnte ich auch meiner Familie und meinem Beruf gegenüber nicht verantworten."

Trotz Corona-Pandemie ging es nach Italien

Ganz ohne Fernreise ging es für ihn dann doch nicht. Anfang August schwang er sich auf den Sattel und fuhr von Ebermannstadt aus 2600 Kilometer nach Palermo auf Sizilien. Die Hygienevorschriften in Italien waren streng. Maskenpflicht herrschte selbst im Freien.

Die nächste Radtour ist noch nicht geplant. Pöhlmann will abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Für Januar plant er eine Vortragsreihe über seine letzten 25 000 Tourenkilometer. Dort will er Fotos von Landschaften und Begegnungen zeigen, die alle Strapazen und Schmerzen wert waren.

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