Am zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen einen 34-jährigen Asylbewerber aus dem Kosovo (wir berichteten)sind am Landgericht Bamberg weitere Zeugen vernommen worden. Unter anderem wurden vier syrische Bewohner der Forchheimer Unterkunft befragt, in der der Angeklagte im Oktober 2015 einen Flüchtling aus Palästina mit einem Küchenmesser attackiert und schwer verletzt hatte.

Die Zeugen beschrieben den Beschuldigten als hilfsbereiten und umgänglichen Mitbewohner. Nur vereinzelt habe es Unstimmigkeiten gegeben. Ein 21-jähriger Syrer sagte, der Angeklagte habe ihn unterstützt, als er neu in die Unterkunft gekommen sei. Ein anderer Flüchtling, der im gleichen Stockwerk wie der Angeklagte und der Geschädigte gelebt hatte, bestätigte, dass sich der Kosovare mit den Syrern gut verstanden habe. "Es gab nie Probleme. Er hat uns die Haare geschnitten und uns zum Kaffee eingeladen."


Opfer in schlechtem Zustand

In der Tatnacht, so der Zeuge weiter, habe er unter anderem mit dem späteren Opfer in einem Zimmer gefeiert, bis dieser sich schlafen legen wollte. Einige Minuten später sei der 24-jährige Palästinenser aber wieder aufgetaucht und habe hektisch auf seinen Rücken gezeigt. Als die Feiernden die Stichverletzungen entdeckt hatten, habe man sofort die Polizei alarmiert und das Opfer versorgt.

Ein anderer Syrer erinnerte sich, dass der Verletzte kaum in der Lage gewesen sei, zu sprechen. "Er hat nur einige Male den Namen des Angeklagten gerufen. Er war in einem schlechten Zustand." Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus habe er ihm ausführlicher von der Tat erzählt. Unter anderem soll der Beschuldigte ihn demnach verfolgt und dabei ein zweites Mal zugestochen haben.


3000 Euro "Schmerzensgeld"?

Die vier Zeugen konnten nicht bestätigen, dass der Geschädigte 3000 Euro als eine Art "Schmerzensgeld" verlangt habe, damit er den Angeklagten vor Gericht nicht belastet. Dieses Gerücht hatte ein weiterer Zeuge bei einer Busfahrt aufgeschnappt. Da dieser Sachverhalt vor Gericht nicht eindeutig geklärt werden konnte, wurde ein weiterer Syrer für den Fortsetzungstermin am Montag geladen. Er soll dem Zeugen im Bus von dem "Angebot" berichtet haben.

Die Ehefrau des Angeklagten war bereits zum Abschluss des ersten Prozesstages am vergangenen Montag ein zweites Mal in den Zeugenstand gerufen worden. Wie berichtet, hatte Oberstaatsanwalt Otto Heyder große Zweifel an der Richtigkeit ihrer Aussagen geäußert. Unter anderem deshalb, weil sie in einer ersten Polizeivernehmung ausgesagt hatte, dass sie von einer körperlichen Auseinandersetzung nichts mitbekommen habe.
Vor Gericht hatte sie am Montag hingegen berichtet, dass sie gesehen habe, wie das spätere Opfer ihren Mann mit einem abgebrochenen Besenstil bedroht habe. Trotz eindringlicher Belehrung blieb die Frau auch bei der zweiten Vernehmung bei ihrer Version.


Fortsetzung am kommenden Montag

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, in einer Forchheimer Flüchtlingsunterkunft einen Mitbewohner mit einem Küchenmesser massiv verletzt zu haben. Der Geschädigte schwebte laut eines Gutachters in akuter Lebensgefahr und musste in Erlangen notoperiert werden. Zum Prozessauftakt hatte sich der Beschuldigte, ein fünffacher Familienvater aus dem Kosovo, zu den Tatvorwürfen nicht geäußert. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

Die Verhandlung wird am kommenden Montag, 25. April, fortgesetzt. Dann sollen weitere Zeugen befragt werden. Ob, wie ursprünglich geplant, an diesem Tag auch das Urteil gesprochen wird, ist noch offen.