Vertrauen ist selbst für einen Weltkonzern unbezahlbar. "Vertrauen kann man nicht kaufen. Das muss entstehen. Diese Basis haben wir hier", sagt Hermann Requardt bei der Grundsteinlegung des neuen Büro- und Entwicklungsgebäudes am Dienstag in Forchheim. Derweil hört Oberbürgermeister Franz Stumpf (CSU/WUO) im Publikum zu und nickt. "Ein einmalig guter Tag" wird Stumpf später sagen.

Doch zunächst steht Requardt am Rednerpult. Das Vorstandsmitglied erklärt, warum der Weltkonzern ausgerechnet in der "nordbayerischen Provinz" so kräftig investiert. Das Vorstandsmitglied des Technologieriesen ist keine Heuschrecke im Manager-Kostüm. Requardt ist Forscher und Fachmann. Hochdekoriert. Selbst Siemens müsse das Geld für so eine Investition wie in Forchheim erstmal verdienen, sagt Requardt. Ehrlich gesagt meint er den Standort Erlangen-Forchheim. Zwei Seiten einer Medaille.
Fast 100 Millionen steckt Siemens in einen ultramodernen Neubau in den Forchheimer Boden an der Siemensstraße 1 auf dem ehemaligen Parkplatz-Areal. Mit allem Pipapo.

Forchheim stark in der Welt

"Wir können die Welt nicht aus Forchheim regieren, aber wir können einen ganz starken Aspekt aus Forchheim um die ganze Welt spinnen." Wie das geht? "Hier haben wir die Weltbesten und ziehen die Weltbesten an." Mittelmaß ist nicht sein Ding. Bange ist Requardt nicht darum, die klugsten Köpfe nach Forchheim locken zu können. Die Welt sei schließlich der Anspruch. Und die Weltbesten sitzen hier.

In der globalen Strategie des Konzerns soll der Standort zu dem zentralen Knotenpunkt für den Bau und die Entwicklung von Medizintechnik aufsteigen. Denn der Technologie-Konzern will mehr als ein Haus bauen. Kein einfaches Dach über dem Kopf. In Forchheim soll Medizintechnik neu gedacht und erdacht werden. In einem High-tech-Gebäude mit Laboren, Rechenzentrum und Ausstellungsraum. Auf 45.000 Quadratmetern ist Raum für bis zu 2000 Arbeitsplätze. Fest steht bereits, dass nach der für Ende 2015 geplanten Fertigstellung 750 Siemens-Mitarbeiter, die bisher in Erlangen arbeiten, nach Forchheim umziehen werden. Platz ist danach also noch genug.

Partner und Vertrauen vor Ort

Wie auf einem "Uni-Campus" sollen die Mitarbeiter an neuen Ideen und Innovationen arbeiten. "Hier haben wir die Aspekte der Umgebung. Healthcare ist ein Translationsgeschäft. Wir übersetzen klinische Anforderungen in technologische Lösungen. Da gehören Partner dazu. Hier haben wir solche Partner", sagt Requart und denkt beispielsweise an die Uni-Klinik in Erlangen. Zusammenarbeit braucht Vertrauen. Sonst droht überall Verrat. Und hier schließt sich der Kreis. "Positive Beschleunigung" nennt Requardt diesen Kreislauf des Erfolgs, während im Hintergrund bereits am neuen Parkhaus fleißig und laut gehämmert wird.

Den Löwenanteil verdient Siemens mit seinen Medizingeräten nicht in Deutschland. "90 Prozent werden exportiert. In 100 Länder. Die meisten Top-Modelle gehen derzeit nach China", sagt Michael Sen, der kaufmännische Direktor (CFO) des Unternehmenssektors Healthcare, der im oberfränkischen Neustadt bei Coburg sein Abitur gemacht hat.

Dann darf endlich der Oberbürgermeister auf die Bühne. Er nimmt nicht die drei Stufen zum Rednerpult, sondern springt in einem Satz ans Mikrofon. Einmalig gut, wie das Wetter, sei der Tag für Forchheim. Sofort ruft Stumpf noch eine Metapher der Superlative versammelten Siemensianern entgegen: "Das ist wie einer Sechser im Lotto." Ganz überraschend hat Forchheim den Jackpot freilich nicht gewonnen. Verwaltung und Stadtrat hätten dem Unternehmen gemeinsam eine Zukunftsperspektive am Wirtschaftsstandort Forchheim gegeben, findet Stumpf. Er wäre wohl nicht Oberbürgermeister, würde er nicht gleichzeitig in die Zukunft blicken. "Bei möglichen Expansionsplänen" - hebt Stumpf an und trifft sogleich die Lachmuskeln seiner Zuhörer - werde die Stadt durch "eine gezielte Gewerbeflächenpolitik" das Unternehmen weiter "tatkräftig unterstützen". Nach einem leerem Versprechen klingt das nicht.

Endlich klingen die Bagger

"Jetzt hören wir endlich den Baulärm, auf den wir so lange gewartet haben. Den hören wir hoffentlich nicht zu lange. Ich freue mich jetzt aufs Loslegen und auf die Resultate, die aus dem neuen Gemäuer kommen", sagt Requardt und versenkt im Grundstein eine kleine Röntgen-Röhre inklusive USB-Stick mit der neuesten Medizin-Software im Grundstein. Angst vor Räubern hat Requardt offensichtlich nicht. Siemens baut in Forchheim eben auf Vertrauen.


Der Neubau in Zahlen:


35.000