Die Sonne geht schon langsam unter über Eggolsheim. Die Lastwagen vor dem Amazon-Logistikzentrum stehen trotzdem noch immer in der Warteschlange. Während andere allmählich an den Feierabend denken können, werden in dem kleinen Gewerbegebiet zwischen Eggolsheim und Neuses noch immer Weihnachtspakete wie am Fließband angeliefert, sortiert und weiter auf die lange Reise zum Kunden geschickt.

"Hier nix stehen und parken", schnauzt derweil ein junger Aufpasser in oranger Warnjacke einen Brummifahrer aus Litauen an, der wie seine Kollegen am Straßenrand offensichtlich im Halteverbot parkt. "Hier haben wir schon Barrieren hingestellt, damit die Lastwagen nicht auch noch vor dem Haus parken können", sagt der Sicherheitsbeauftragte und zeigt schulterzuckend auf eine Reihe weißer Betonklötze, die den Vorgarten des gegenüberliegenden Mehrfamilienhauses vor wild parkenden Trucks schützen sollen. Vor der Einfahrt läuft derweil die Abfertigung der ankommenden Lieferwagen scheinbar reibungslos im grellen Licht der Straßenlaternen, die das ehemalige Lidl-Logistikzentrum nach Einbruch der Dunkelheit erhellen.

Bereits vor über einem Jahr hat Eggolsheim dem großen Konzern in dem kleinen Gewerbegebiet grünes Licht gegeben. "Wir haben nicht ,Hurra` geschrien, aber trotzdem zugestimmt", erinnert sich der Eggolsheimer Bürgermeister Claus Schwarzmann (FW) an die Entscheidung im Marktgemeinderat zurück. Nach dem Motto: Warum eine alte Logistik-Halle leer stehen lassen, wenn ein Weltkonzern anklopft und Arbeitsplätze schaffen will?

Mit dem rasanten Wachstum des Geschäfts mit den Online-Paketen habe damals keiner gerechnet, gibt Schwarzmann unumwunden zu. Durch die Corona-Pandemie sei der Internet-Handel regelrecht explodiert. Die Anzahl der "versprochenen" Arbeitsplätze hätte sich von geplanten 250 auf aktuell rund 500 glatt verdoppelt. Die Zahl der Lastwagen und Pakete habe sich ebenfalls verdoppelt, ist Schwarzmann sicher. Mit allen negativen Begleiterscheinungen wie Verkehrschaos am Kreisverkehr bis hin zu Tretminen am Straßenrand.

Derweil versucht der Sicherheitsmann mit der Warnweste die anderen Falschparker vor dem Werksgelände zu verscheuchen. Müde blinzelt ein Brummifahrer aus seinem Fahrerhaus und fährt widerwillig den Sattelschlepper davon. Bei den anderen Lastwagen in der Parkreihe am Straßenrand hat der barsche Aufpasser weniger Erfolg. Selbst lautes Klopfen an der Fensterscheibe kann die Fahrer offensichtlich nicht aus ihren Träumen reißen.

Bürgermeister Schwarzmann lässt auf die wild parkenden Lastwagen-Fahrer nichts kommen. Das seien die schwächsten Glieder in der gigantischen Online-Handel-Maschinerie. "Die Dinge sind wie sie sind. Das Amazon-Imperium zu hinterfragen, ist nicht mein Ding. Die führen ihren weltweiten Siegeszug weiter. Ob wir wollen oder nicht", sagt Schwarzmann fast schon philosophisch.

Den Ärger hat er seitdem trotzdem ständig auf dem Schreibtisch, weil die vielen Lastwagen das kleine Gewerbegebiet längst weit über seine Belastungsgrenze gebracht hätten. Von den Arbeitsplätzen habe die Gemeinde und ihre Bewohner leider nicht viel. Mit eigenen Omnibussen würden die "Amazonianer" aus den Ballungszentren, die für 11,91 Euro die Stunde bereit seien zu schuften, täglich ins Sortierzentrum nach Eggolsheim gekarrt. Der Konzern wirbt mit kostenlosen Heißgetränken und Shuttlebussen. Außerdem gibt es Rabatt auf Amazon-Produkte. Das soll die Helfer im Schichtbetrieb dazu anspornen, den Kunden am Ende der Lieferkette ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ganz nach dem Firmenslogan: "Work hard, have fun". Und schreibe Geschichte.

Die Auswirkungen des Online-Booms spürt der kleine Ort jeden Tag immer deutlicher. Ein Ende ist kaum in Sicht. Nach der überstandenen Rabattschlacht um den "Schwarzen Freitag" Ende November läuft jetzt das Weihnachtsgeschäft auf Hochtouren. Inklusive der unendlichen Retouren rechnet Bürgermeister Schwarzmann mindestens bis Ende Januar mit einem Ausnahmezustand rund um sein kleines Gewerbegebiet in der Fährstraße.

Auch wenn der Konzern versuche, mit Ordnern das Verkehrschaos in Grenzen zu halten, will Schwarzmann nach dem Geschenke-Marathon den Konzern ins Rathaus zu einem offiziellen Termin bitten und dabei am liebsten gleich Nägel mit Köpfen machen.

Ein neuer Kreisverkehr beim Bauhof am Ludwigskanal könnte laut Schwarzmann zumindest die einzige Zufahrt zum Industriegebiet entlasten und die aktuell drängendsten Verkehrsprobleme lösen. Die finanziellen Lasten für diese bauliche Entlastungsmaßnahme in Höhe von etwa ein bis zwei Millionen Euro müssten nach dem "Verursacherprinzip" verteilt und daher hauptsächlich von Amazon getragen werden, findet der Rathauschef.

Geldsorgen dürften die Amerikaner wahrlich kaum haben. "Bei diesen Volumina und diesen Werten, die allein täglich durch Eggolsheim geschleust werden, dürfte die Geldfrage überhaupt kein Thema sein", erklärt der Bürgermeister und braucht kaum daran zu erinnern, dass alle Internet-Käufer zum rasanten Aufstieg des Online-Handels und damit zum brummenden Betrieb des globalen Handelsriesen im kleinen Gewerbegebiet in Eggolsheim beitragen. So weitergehen könne es jedenfalls nicht mehr.

"Für den Standort ist Amazon too much", ist sich Schwarzmann sicher.