Zwei Boote, vier Leute, ein Hund - Jörg Grosse schwärmt von dem "wunderschönen" Samstagsausflug auf der Wiesent. Jörg Grosse, sein Nachbar Wolfgang Batz und die Frauen der beiden Paddler waren in Behringersmühle eingestiegen. Was die dreistündige Fahrt flussabwärts eintrübte, das waren die vielen Regelverstöße, die das Paddel-Quartett beobachtete. Da missachteten Bootsfahrer "reihenweise" die Ausstiegsstellen oder "beschallten mit ihren Ghettoblaster" die Flusslandschaft.

"Ich wollte mich nicht ärgern, weil der Tag so schön war", erinnert sich Grosse. Doch an der Ausstiegsstelle in Muggendorf nahm der Ärger dann schlagartig überhand. "Wir wurden von den professionellen Bootsverleihern massiv beschimpft", sagt Wolfgang Batz. "Sie haben unsere Boote weggezogen und haben uns angedroht, unsere Autos abschleppen zu lassen."

Die Wiese neben der Ausstiegsstelle in Muggendorf ist selbst an Werktagen gut belegt. An den Wochenenden wird es eng. Die Bootsverleiher haben hier ihre Zelte aufgeschlagen. Aber auch private Bootsfahrer nutzen das Areal, um ihre an Land gezogenen Boote wieder einzuladen. "Leute, die privat ankommen, werden verdrängt", ärgert sich Grosse. "Der Platz auf der Wiese wird von professionellen Vermietern mit ihren Bussen und Zelten in Beschlag genommen. In den letzten zwei drei Jahren ist es massiv geworden." Grosse, der sich ausdrücklich für die Nutzung der Wiesent durch die Kajakfahrer ausspricht, meint: "Man lässt die Leute pulkweise die Wiesent runter. Die Naturschutzbehörde hat Regeln aufgestellt und kontrolliert sie nicht."

Die Erfahrungen von Grosse und Batz werfen zwei Fragen auf: Sind grundsätzlich zu viele Paddler auf der Wiesent unterwegs? Wird die Masse der in Muggendorf ankommenden Fluss-Touristen für die Gemeinde Wiesenttal zur Last?

Conni Zimmermann ist Mitarbeiterin beim Kajakverleih Leinen Los - jener Firma, mit der Grosse und Batz die schlechten Erfahrungen gemacht haben. "Wenn uns jemand im Weg steht, kommt es schon mal zu kleinen Auseinandersetzungen", sagt Conni Zimmermann. Doch von einer "Verdrängung der Privatfahrer" könne nicht die Rede sein. Es sei klar geregelt, dass auch sie die Ausstiegsstelle nutzen. "Die Verleiher dürfen mit dem Auto reinfahren, wir zahlen dafür an den Grundstücksbesitzer. Wenn zu viele andere hier parken, bitten wir die Leute, wieder rauszufahren", sagt Conni Zimmermann. Von einer "Überlastung" der Wiesent und der Ankunftsstelle könne man nicht sprechen.

Marco Trautner, der Erste Bürgermeister von Wiesenttal (Freie Wähler) scheint das etwas anders zu sehen. Er hat das Gefühl, die ganze Gemeinde werde in der Urlaubszeit "überrannt" (siehe Stellungnahme unten).

Karin Lämmlein (Leiterin des Fachbereiches Naturschutz und Wasserrecht beim Landratsamt) erinnert daran, dass die "Schifffahrtsgenehmigung auf der Wiesent nur noch bis Ende September läuft". Gerade wegen der Interessenskonflikte laufe ja eine Verträglichkeitsprüfung. "Wir warten auf die Ergebnisse und hoffen, dass sie uns rechtzeitig vor der neuen Saison am 1. Mai vorliegen." Wie im FT wiederholt berichtet, hat der Streit um die Wiesent den Umgang mit dem Fluss verändert. Was unverändert blieb, sind die Vorwürfe der mangelnden Kontrolle.

Betrieb wie im Alpenvorland

Dazu sagt Karin Lämmlein: Die Paddler seien gut informiert (durch Flyer und Homepage des Landratsamtes); es gebe festgelegte Bootsausstiegstellen; auch die Zahl gewerblicher Bootsfahrten sei beschränkt; die Naturschutzbehörde kontrolliere beinahe monatlich die Fahrtenbücher der Verleiher. Zudem gebe es die soziale Kontrolle durch die Bevölkerung und zehn Kreis-Naturschutzwächter. Dennoch, betont Lämmlein: "Komplett überwachen kann ich das nicht." Gerade in den Ferienzeiten, wo wegen Corona in der Fränkischen ähnlich viel los sei wie im Alpenvorland oder an der Küste, müssten die Menschen "Verständnis haben, dass wir nicht gegen alles vorgehen können".

Marco Trautner: "Der Markt Wiesenttal wird an Wochenenden förmlich überrannt" Wird die Masse der Touristen und Paddler für die Gemeinde in Corona-Zeiten zum Problem? Zu dieser Frage nimmt Marco Trautner, der Erste Bürgermeister von Wiesenttal wie folgt Stellung:

"Corona hat unser aller Leben durcheinandergewirbelt und verändert. Probleme entstanden, Probleme lösten sich. Was sich sicherlich nicht löste und meines Erachtens intensiviert wurde, ist die Thematik Tourismus, Parken und Camping. Der Markt Wiesenttal im Herzen der Fränkischen Schweiz mit den Hauptorten Muggendorf und Streitberg wird an Wochenenden sowie feiertags förmlich überrannt. Und die Ferien in Bayern haben erst begonnen. Ich möchte weder den Tourismus abschaffen, noch möchte ich über unsere Tages- und Urlaubsgäste schimpfen oder diese verbannen. Wir haben eine wunderschöne Landschaft und sind selbstredend bereit, diese zu teilen. Aber rücksichtsvoll, taktvoll, behutsam und auch mit Respekt gegenüber der einheimischen Bevölkerung. Ich sehe die Pandemie aber auch als Chance, dass sich der Markt Wiesenttal unter dem Motto Urlaub daheim touristisch weiterentwickelt."

Durchfahrt verboten?

Auch was die umstrittene Ankunftsstelle in Muggendorf betrifft (siehe Artikel oben), bat der FT Marco Trautner um eine Klärung. Der Parkplatz wird von den professionellen Verleihern genutzt. Doch wer noch hat das Recht, dort zu parken und sein Boot stehen zu lassen? Die Frage ist deshalb brisant, weil an besagter Stelle ein Schild aufgestellt ist: "Privatgrundstück, Durchfahrt verboten". Ist das rechtens?

Dazu Marco Trautner: "Hier handelt es sich um zwei verschiedene Örtlichkeiten im Nahraum. Die als Parkplätze markierten öffentlichen Flächen sind in gemeindlicher Hand. Für einen Teilbereich des Flurstücks besteht ein Pachtvertrag zwischen dem Markt Wiesenttal als Eigentümer und einem gewerbetreibenden Unternehmen mit Sitz im Markt Wiesenttal als Pächter."

Details aus dem Pachtvertrag werde er nicht nennen, betont der Bürgermeister. Es sei jedoch "stimmig" und auch im Sinne der Unteren Naturschutzbehörde, den privaten Bootsfahrern einen "ungehinderten Zugang zur Anlegestelle durch das gepachtete Grundstück zu gewährleisten". Ein Befahren des befestigten Weges durch die privaten Bootsfahrer sei demnach "nicht partout ausgeschlossen", betont Marco Trautner. "Ein generelles Parken, ohne eine sofortige Einwirkungsmöglichkeit auf sein Fahrzeug zu haben, sehe ich äußerst kritisch, da der Bereich als Löschwasserentnahmestelle verzeichnet ist und die Zufahrt für die Feuerwehr gewährleistet sein muss." Fazit des Bürgermeisters: Er setzt auf die gegenseitige Rücksichtnahme und auf das Verständnis für die Belange aller Beteiligten: der ? gewerblichen Bootsfahrer, der Einheimischen, der privaten Bootsfahrer und der Natur.