Die 25-jährige Jeannie Diegel wohnt in München, aber beim Annafest will die gebürtige Forchheimerin dabei sein. Nicht irgendwie, sondern in einem historischen Gewand beim großen Jubiläumsfestzug am 26. Juli. Deshalb ist sie in den dritten Stock des städtischen Verwaltungsgebäudes hochgestiegen, um mit Gewandmeisterin Walburga Heger die passende Kleidung zu finden.

"Bei den Damengewändern haben wir ab und zu Probleme", sagt Heger. Länge und Breite können da weniger reguliert werden als bei den losen Kitteln des männlichen gemeinen Volks aus den Zeiten Karls des Großen.
Für Diegel schaut sie nach einem Hofdamengewand. Mattes Blau und mattes Rot sind sehr geschickt verarbeitet. Doch Diegel würde es gerne noch mit einer Borte verziert haben. Schneidermeisterin Helga Baumann verspricht der jungen Frau, deswegen noch mal in ihrem Fundus nachzuschauen.

"Solche Borten gibt es einfach nicht mehr zu kaufen", fährt sie fort und zeigt auf ein aufwändig verziertes Gewand. 50 bis 60 Stunden saßen sie und ihre Tochter Heike daran, ein Gewand zu erneuern. Den Grundstoff konnten sie neu nehmen, aber der Putz musste Stich für Stich vom alten Kostüm abgetrennt werden. Und je nach Zeit, zu der das Gewand gehört, kann das ganz schön viel sein.


Aus dem Theaterfundus

Gut, dass das Thema des Festzugs zum 175. Jubiläum des Annafestes (24. Juli bis 3. August) nichts Barockes ist, hat sich Heger schon länger gedacht. Denn passende Kostüme hat sie reichlich in ihrem Lager. Sie stammen aus einem älteren Theaterfundus. Die Taillen der Kleider sind gerade mal Größe 36.

Dafür hat sie einen vollständigen Satz Krinolinen. Steife Reifen sind mit Bändern zu einem korbartigen Gebilde verbunden, das die feine Dame des 18. Jahrhunderts unter ihrem Rock trug. Reifröcke für die Biedermeierkleider sind auch noch da. "Die passen halt gar nicht zum Thema", sagt Heger und holt aus ihrem unerschöpflichen Lager diverse Kopfbedeckungen heraus.

Und die Krone Karls des Großen: Sie wird beim Festzug der Pferdehalter Michael Groß tragen. "Oder ein Page, falls die Krone dem Reiter nicht passen sollte", überlegt Heger. Derweil schaut Eduard Endt herein und holt Mantel und Rock ab. Er wird als Sachsenherzog Widukind ebenfalls zu Pferd beim Zug dabei sein.

Zwei weitere Reiterinnen kommen. Die Frauen suchen nach Gewändern, die sie gut wirken lassen auf ihren schweren Percheron-Kaltblütern. Auf jeden Fall wollen Andrea Memmert und Katrin Armbrust ihre normalen Reithosen darunter tragen, damit sie sich nicht die Beine aufscheuern. Deshalb denken sie zuerst an Männerröcke des Rokoko, mit Spitzen und Jabots.

Doch Heger hat eine bessere Idee: Die zwei hochgewachsenen Reiterinnen würden gewiss den Hofstaat Karls des Großen gut ergänzen. Sie holt zwei hochelegante, eher spätmittelalterliche Frauenausstattungen samt passenden Kappen herbei. Die reich mit Pelz verbrämten Oberteile sitzen etwas knapp. Dafür erweisen sich die Röcke als sehr geeignet für Reiterinnen, die heutzutage nicht im Damensattel reiten. "Wir werden die Schlitze der Röcke nach vorne tragen und den Rockstoff über den Pferderücken ausbreiten", entschließt sich Armbrust.
Dann ist wieder Baumann gefragt. Alles notwendige Schneiderwerkzeug hat sie eingepackt. Mit fach-"fraulichem" Wissen richtet sie die Oberteile so, dass die zwei Trägerinnen damit auch das Pferd lenken können.


Sie warten auf den Mönch

Jemand holt ein mittelalterliches Kinderkostüm; Thomas Werner, der Zweite Vorsitzende des Heimatvereins, probiert mittelalterliche Kopfbedeckungen. Sie warten noch auf Bertram Kretschmann: Als Mönch wird er am Anfang des historischen Zugteils ein Vita Karls des Großen vorantragen: ein riesiges Buch, eine gute Requisiten attrappe. Der "lederne" Einband ist aus so bedruckten Papier und die Seiten sind durch Styropor ersetzt.