Wenn er dem Mann begegnet, der seine Frau getötet hat, und wenn der ihm "ins Gesicht grinst", dann wird es für Stefan M. (Name von der Redaktion geändert) unerträglich. Die Situation sei eigentlich nicht zu beschreiben. Stefan M. ringt mit den Worten: "Ich möchte, dass es auch ihm weh tut, ich möchte ihn einsichtig sehen."
Auf diese Einsicht wartet Stefan M. schon seit dem 26. April 2011. An diesem Tag raste ein Pritschenwagen auf gerader Strecke in den Wagen seiner Frau. Die 39-Jährige starb an der Unfallstelle, der Sohn wurde schwer verletzt.

Seitdem kreisen die Gedanken von Stefan M. um das Trauma seiner Kinder und um sein eigenes. Wenn er beim Kochen einen Krankenwagen hört, erstarrt er. Er vergisst Leute und Dinge. "Es ist, als ob da was von deinem Verstand weggebissen wird." Oder er träumt von seiner Frau; hört Stimmen in seinem Kopf, die abwechselnd sagen: Ich muss mit ihr reden. Mach langsam, das geht nicht. Ich muss mit ihr reden. Du kannst nicht mit ihr reden.

Wut und Rückzug
Vor allem aber kreisen die Gedanken des 44-Jährigen um den Unfallfahrer: "Ich muss jeden Tag mit den Resultaten leben, die er mit seinem Versagen geleistet hat." Stefan M. ist fest davon überzeugt, dass der Todesfahrer mit dem Handy gespielt und durch die Ablenkung den Unfall ausgelöst habe. Die Ermittlungen haben diese These allerdings nicht bestätigt.

Dass der Schuldige im Zuge eines Strafbefehles mit einer 5200-Euro-Strafe davon kam und heute ein neues Auto fährt und ein scheinbar unbekümmertes Leben führt - dieser Gedanke verfolgt Stefan M.: "Er soll sich mal in mich hineinversetzen, wie es ist, wenn ihm das passiert wäre." Stefan M. schwankt zwischen unfassbarer Wut und Rückzug.

Daran können auch Therapeuten nichts ändern. Der Familienvater vertraut sich den Psychologen und Sozialpädagogen der Familien- und Erziehungshilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO) an. Bereits in der schlimmsten Phase seines Lebens, kurz nach dem Tod seiner Frau, gelingt es ihm, zumindest seinen Alltag zu beherrschen. Den Haushalt, die Behörden-Gänge und die Arzt-Termine bewältige er "souverän", bestätigt ihm ein AWO- Sozialpädagoge. Was die Souveränität von Stefan M. aber behindert, ist seine "extreme Wut". Sie führt so weit, berichtet der Sozialpädagoge, dass er über den Unfallverursacher spreche - "auch vor seinen Kindern", obwohl er wisse, dass dies ein Fehler sei. Andererseits, sagt Stefan M.: "Es lässt sich gar nicht verhindern, mit den Kindern darüber zu sprechen, wenn uns dieser Mann auffällig begegnet".

Kraft aus der Mythologie
Eine Art "neue Normalität" habe sich bis heute nie eingestellt, sagt Stefan M. Er hat viel gelernt in seinem Leben. Er ist Konstrukteur, Technischer Zeichner, er ist Anlagen- und Maschinentechniker und mit seiner Frau hatte er einen Paket- und Zeitungszusteller-Dienst in Ebermannstadt aufgebaut. Seit dem Schicksalsschlag ist all das bedeutungslos geworden. "Mein Leben ist ein Scherbenhaufen, ich funktioniere nur noch. Seit dem Unfall sehe ich die Welt nicht mehr in grünen Farben." Mittlerweile leide er unter einer 40-prozentigen psychischen Behinderung.

Die meiste Kraft gewinnt der 44-Jährige, wenn er in die Welt der nordischen Mythologie eintaucht. Die mythologischen Stoffe erinnern ihn an sein leidenschaftliches Hobby, das er einst mit seiner Frau teilte: die Mittelalter-Gruppe. Er holt Bilder aus der Tasche. Sie zeigen ihn als 35-Jährigen. Bilder von Schaukämpfen und Schwert-Übungen. Ein Bild vom Stadtjubiläum des Jahres 2005, als er und seine Frau in mittelalterlicher Tracht bei der "Königswahl zu Forchheim" mitspielen.

Der Tod seiner Frau habe die gesamte Gruppe zum Erlahmen gebracht. Geblieben sei ihm aber die ritterliche Leitidee der Mittelalter-Gruppe: "Wahrhaftigkeit ist mein Ehrenschild." Hätte er dieses Ideal nicht, sagt Stefan M., "dann würde ich nicht dieses Leben durchleben, wo andere schon aufgegeben hätten". Zur Wahrhaftigkeit gehört für den 44-Jährigen, dass er auf den Mann, der ihn seit nun vier Jahren beschäftigt, "immer direkt zugeht", wenn er ihm zufällig begegnet. Er werde nicht aufhören, seinem Gegenspieler ins Gesicht zu sagen, was ihn am meisten bewege, sagt Stefan M.: Er soll Schadensbegrenzung leisten. Er soll aufhören, mit dem Handy am Ohr durch die Gegend zu fahren. Er soll endlich Verantwortung übernehmen.

Dass der Täter unter dem Unfall, den er zu verantworten hat, ebenfalls leidet, diese Vorstellung ist für Stefan M. völlig ausgeschlossen. Er glaubt, der andere führe ein "schönes Leben". Diesen Zustand möchte Stefan M. beenden: "Ich möchte ihn treffen, wo es ihm am meisten weh tut, am Geldbeutel."