Als Mitte April die Nachricht aus dem Rathaus drang, fiel fast ganz Forchheim inklusive Landkreis in eine Schockstarre: Das Annafest 2020 fällt aus. Für einen Aprilscherz war es definitiv zu spät. Und das Coronavirus hatte das Lachen vieler Leute ohnehin längst im Halse stecken bleiben lassen. Doch wer tröstet die traumatisierten Genießer der steinernen Bierhumpen? Klar, "Die Nederbierpatscher".

Die fünfte Jahreszeit in der Königstadt wurde Opfer der Corona-Krise, wie alle kulturellen Feste dieser Größenordnung bis Ende August. Zwar findet das vor Monaten angesetzte Festbier der vier Forchheimer Brauereien inzwischen guten Absatz und so mancher Kellerwald-Fan wird sein Anna-Bier wohl auf heimischer Terrasse genießen, eine echte Alternative für die elftägige Traditionsveranstaltung Ende Juli/Anfang August ist das aber nicht wirklich.

Leuten den Spiegel vorhalten

"Die Nederbierpatscher", ein Comedy-Duo mit Klaus Fietzeck und Marco Bauer, haben ihr eigenes Trauma inzwischen bewältigt und sich dem Thema gestellt. Die zwei Ur-Forchheimer, die das gesellschaftliche Leben in der Kreisstadt mit selbstgedrehten Videoclips unter die Lupe nehmen und den Menschen mit ihren witzigen Kurzfilmchen seit über vier Jahren den Spiegel vorhalten, haben in Nachbarschaft des Kellerwaldes ihr "Aufnahmestudio".

Die wichtigsten zwei Requisiten im Raum sind: Eine Bierbank und dahinter ein Banner bedruckt mit der Frontseite des Gasthauses Neder in der Sattlertorstraße. Mit ihrem neuesten Werk "Die Nederbierpatscher auf dem Annafest 2020 - oder doch lieber 2021!" greifen beide das Annafest-Aus auf. Der Clip startet im heimischen Studio mit dem Dialog zwischen Fietzeck und Bauer, die sich gegenseitig zur derzeitigen Situation bedauern: "Langweilig, alles zu." "Nirgends kannst mehr no." "Scheiß Virus."

Dann stellt Bauer fest: "Und des Annafest ist auch abgesagt. Des is des Traurigste bisher in meinem Leben." Fietzeck sinniert, dass es hierfür keine Alternative gebe und beide überlegen gedanklich: "Wie könnte ein Annafest unter diesen Umständen eigentlich ablaufen?"

Nur eine Viertelstunde feiern

Mit diesem Schnitt beginnt der zweite Teil des Videos - im Kellerwald auf dem verwaisten Neder-Keller, wo beide zur Hintergrundmusik von "Schau hie, do liegt a toter Fisch im Wasser, den mach ma hie!" auf die Bierbänke steigen und mitklatschen. Ein mit Ganzkörperschutzanzug und Maske verkleideter Kellner, der sie zunächst mit zwei Maßkrügen bedient, bittet sie nach einer Viertelstunde zu gehen, "damit zwei andere Gäste jetzt ihr Annafest 2020 genießen können". Der Schlussakt wechselt wieder ins Studio, wo beide zu der Erkenntnis kommen, das Annafest im kommenden Jahr zum Ausgleich auf 22 Tage auszudehnen. Zudem solle jeweils eines im Mai, Juni und Juli gefeierte werden, damit jedem zu seinem Recht verholfen wird.

Die Ideen zu den Videos kommen dem Duo aus dem Tagesgeschehen, sagt Fietzeck: "Manchmal reift so etwas über ein paar Wochen. Wie guter Käse halt. Und manchmal kommt beim Dreh ein weiterer Geistesblitz hinzu und wir werfen alles um. Das Ergebnis ist dann umso besser." Die Frage nach Drehbüchern verneint Bauer und gibt zu, dass Vieles improvisiert wird und das dreiköpfige Helferteam erst beim Treffen erfährt, was geplant ist: "Wir schreiben unsere Idee grob auf Zettel und teilen diese an unsere Helfer hinter der Kamera aus."

Zum Team gehören Ivo Bigalke, Armin Mundt und Florian Gräf in der Maske. Eine aufwändige Verkleidung tragen die "Patscher" nicht. Auf Künstlernamen wie Waltraud & Mariechen verzichten sie ebenso. Dennoch ist der Hausmeisterkittel, den Bauer samt der Faschingsperücke anhat, von Anbeginn das Markenzeichen seiner Rolle. Fietzeck trägt über seinen meist regional angehauchten T-Shirts eine Weste, unter der Baskenmütze spitzen vermeintlich Haarsträhnen hervor, was der 49-Jährige sofort entkräftet: "Das ist ein Zwergenbart, den ich nahm, weil ich keine Perücke fand."

Vielleicht ist dieser Minimalismus das Erfolgsgeheimnis der Komiker. Zu ihrem künstlerischen Hobby fanden die beiden über die Vorstandsarbeit bei den "Närrischen Siedlern Lichteneiche" - Marco Bauer als Schatzmeister, Klaus Fietzeck als Beisitzer. Als der Etat der geplanten Prunksitzung wieder mal überreizt war, da namhafte Comedians viel Geld kosten, reifte in Bauer die Idee, selbst auf die Bühne zu gehen: "Unser Präsident Bernd Uttenreuther hatte sofort unseren Namen parat." Mit Patscher soll ein trinkfester und nörgelnder Dummschwätzer gemeint sein. "Also etwa die Rolle, die wir spielen", sagt Bauer schmunzelnd.

Mit OB-Wahl 2016 fing es an

Den ersten Clip drehten sie im März 2016 zur Wahl des Oberbürgermeisters, als neben dem späteren Sieger Uwe Kirschstein mit Ulrich Schürr, Klaus Backer und Manfred Hümmer drei weitere Kandidaten ihren Hut in den Ring warfen. Der vor zwei Jahren geschaffene "Walk of Beer" wird ebenso auf die Schippe genommen wie die Diskussion um die im Kellerwald angebrachten Sicherheitsgitter. An eines davon banden sie den im Pferdekostüm verkleideten Freund vor einem Musikpodium fest, so wie es die Cowboys mit ihren Gäulen in Westernstreifen vor dem Saloon machen.

Eines ist den Forchheimer Komikern aber heilig: "Es soll niemand bloßgestellt werden. Die Inhalte spielen deutlich oberhalb der Gürtellinie. Man kann danach immer ein Bier miteinander trinken", erklärt Fietzeck. Wie passend. Inzwischen sind die "Nederbierpatscher" ihrem Traum ein Stück näher gekommen, denn Wirt Rafael Thiermeyer hat einem Dreh in der Kult-Wirtschaft zugestimmt.

Videos im Internet

Wer die sich mehr von den Forchheimer Komikern ansehen möchte, findet sämtliche Clips auf der Facebookseite "Die Nederbierpatscher" und auf YouTube. Am 3. März 2016 ging es mit einem Video zur Forchheimer OB-Wahl los. Im selben Jahr folgten vier Beiträge. 2017 produzierte das Duo inklusive Helferteam drei Clips. 2018 gab es vier Videos, im vergangenen Jahr wurde ein halbes Dutzend veröffentlicht. Heuer kamen bislang drei Videos heraus.