Er war der Erfinder der Blutsbrüder "Old Shatterhand" und "Winnetou". Ein Sohn armer Weber und gescheiterter Lehrer. Ein Mann, der sich vom Hochstapler und Kleinkriminellen zum Bestsellerautor gemausert hat. Karl May ist mit einer weltweiten Auflage von über 200 Millionen verkauften Büchern bis heute einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller überhaupt.

Seine Erzählungen haben unser Bild vom Wilden Westen geprägt wie kaum ein Zweiter. In diesem Jahr jährte sich der Todestag von Karl May zum 100. Mal. Auch in Forchheim ging dieses Ereignis nicht spurlos vorbei.
Wer den großen deutschen Schriftsteller einmal anders erleben wollte, hatte am Mittwoch bei einer Lesung des Forchheimer Schauspielers und Regisseurs Rainer Streng in der Stadtbücherei die Gelegenheit dazu.

May hatte Humor


Abgesehen von einer kurzen Passage aus "Winnetou", drehte sich der literarische Abend vorwiegend um Texte, die zwar weit weniger bekannt sind, dafür aber einen weitaus vielschichtigeren Autor zeigen als allgemein angenommen. "Ich wollte den unbekannten und humorvollen Karl May vorstellen", erklärte Streng.
So erwarteten die Zuhörer während der Lesung weniger Indianergeschichten, dafür aber mehr Anekdoten mit Heimatbezug. Im Buch "Der alte Dessauer" etwa schildert Karl May, der in Sachsen geboren worden ist, lustige und anrührende Geschichten um die kauzige Figur des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau.
Diese Erzählungen, meint Streng, zeigen den "echten" Karl May, das oft auch zu Lebzeiten verkannte Genie, dem das Klischee des Jugendbuchautors anhaftet.

Streng ist mit dem Werk Karl Mays gut vertraut. Schon als Jugendlicher hatte er zahlreiche Bände gelesen. Als Fan würde er sich selbst aber dennoch nicht bezeichnen. Auch als "Verteidigung" des Autors Karl May's will er die Lesung nicht ansehen. May hat den Wilden Westen und den Orient, die er in seinen Reiseerzählung so ausführlich beschreibt, zur Entstehungszeit seiner Bücher nie wirklich selbst gesehen.

"Er hat tatsächlich passagenweise abgeschrieben", meint Streng. Die heimatlichen Texte aus dem Frühwerk jedoch beschreiben ein ganz anderes Bild. "In diese Bücher fließen seine eigenen Erfahrungen. Er kannte die Orte." Der Forchheimer Schauspieler und Kulturschaffende mag aus diesem Grund die unbekannteren Geschichten lieber, auch weil sie tiefgründiger seien.

Doch die heimischen Erzählungen waren nicht exotisch genug und erreichten nicht das Publikum, das sich Karl May selbst erhofft hatte. Erst die "Reiseerzählungen" verhalfen dem Autor zu seinem Ruhm.

"Sehbar, hörbar und erlebbar"


Den Leiter der Forchheimer Literaturbühne bewegt aber nicht nur Karl May. "Als Schauspieler habe ich keine Vorlieben", meint Streng. Er will Literatur für das Publikum "sehbar, hörbar und erlebbar" machen und wartet mit diversen Literaturprogrammen auf.

Streng verstand es an diesem Abend geschickt, die Lebensgeschichte Mays mit den dessen autobiografischen und literarischen Texten zu verknüpfen. Er gab den Zuhörern Gelegenheit, über den Tellerrand von "Winnetou" hinwegzublicken.

"Der alte Dessauer, Winnetou, Kara Ben Nemsi. Was will Karl May eigentlich", fragte Streng während der Lesung. Die Antwort liefert Karl May - der während seiner kriminellen Vergangenheit als Hochstapler verschiedene Rollen gespielt hatte und sich später für Old Shatterhand hielt - selbst, indem er über sich schreibt: "Ich muss selbst zum Märchen werden, ich selbst, mein eigenes Ich."