Im Sommer des Jahres 1849 wagten die Ortsvorsteher von Dormitz und Rosenbach ein Experiment: Der Schulunterricht sollte nicht mehr von 6 bis 9 Uhr stattfinden, sondern während der Mittagszeit. Der Grund war ein pragmatischer: Zwischen 12 und 15 Uhr wurden die Kinder nicht beim Gänsehüten gebraucht. Doch der Unterricht in der sommerlichen Wärme entpuppte sich als pädagogischer Fehlschlag. Der Lehrer hatte "beständig die schlafenden Schüler zu wecken" und nach vier Monaten wurde das Experiment eingestellt.
Diese Geschichte findet sich in Rolf Kießlings Büchlein "Schulisches Leben in Dormitz", in dem der Forchheimer Historiker Einblicke gibt in die existenzielle Situation christlicher und jüdischer Lehrer und Schüler im 19. Jahrhundert.
Rolf Kießling war selbst Lehrer am Forchheimer Herder-Gymnasium. Seinen 60-seitigen Beitrag nennt er bescheiden "eine Broschüre". Zielsetzung sei auch gewesen, "Verständnis für Lehrer zu wecken".
In der Erzählung von den schlafenden Schülern des Sommers 1849 verdichtet sich, was Kießlings Arbeit ausmacht: Sie zeigt, dass die Beschäftigung mit dem Schulleben des 19. Jahrhunderts durchaus amüsante Seiten haben kann; sie zeigt, wie stark sich die Bildungsidee einst dem harten Arbeitsalltag in der Landwirtschaft unterordnen musste; und sie zeigt, dass es, trotz der vorherrschenden pädagogischen Schwächen im bayerischen Bildungswesen des 19. Jahrhunderts, auch schon beachtenswerte Ansätze gab, das Thema Schule und Bildung zu systematisieren.
"Zweischneidig" sei das Lehrer-Dasein gewesen, sagt Kießling. Einerseits sorgte der bayerische Staat für ein Mindesteinkommen; und viele Lehrer nutzten ihre Tätigkeiten auch als "Sprungbrett", um sich räumlich zu verändern. Andererseits setzte sich dieser Beruf aus so vielen einzelnen Tätigkeiten zusammen - Unterricht, Mesner-Dienste, Arbeit in der Landwirtschaft -, "dass die Lehrer wohl meistens dem Geld hinterherjagen mussten", sagt Kießling.
Er belegt diese Einschätzung beispielsweise durch die biografische Skizze über Johann Georg Friedrich. Er war einer der katholischen Lehrer von Dormitz. Die Schulstelle hatte er im Februar 1841 übernommen. Ein Zeitgenosse, der Neunkirchner Kaplan Michael Stettner, schildert Johann Georg Friedrich als "rastlos tätigen, umsichtigen, von seinem Berufe durchdrungenen und nur für den selben lebenden Lehrer". Doch glücklich wurde dieser leidenschaftliche Pädagoge in Dormitz nicht.
Beispielsweise litt er unter dem "rückständigen Läutkorn". Als Läutkorn wurde eine Abgabe in Naturalien bezeichnet. Sie gehörte zum Einkommen eines Lehrers und war im Falle Friedrichs so hoch, dass er den Brotbedarf seiner sechsköpfigen Familie damit hätte decken können. Doch viele Haushalte entrichteten die Abgabe nicht.
Rolf Kießlings Forschung belegt, dass Friedrich nicht der einzige Lehrer war, der vor der "Königlichen Districts-Schulen-Inspection" das Läutkorn einzuklagen versuchte. Bei Friedrich führte der Frust über die schlechte Versorgung so weit, dass er eine Haltung einnahm, die man heute wohl innere Kündigung nennen würde: Das Gefühl, "immer nur um meine Rechte zu kämpfen", sei ihm so missliebig, bilanziert Friedrich Anfang der 1840er Jahre, dass es ihm gegenüber seiner Berufspflichten "gleichgültig und verdrießlich macht". Wenig später, im Juli 1844, stirbt Johann Georg Friedrich mit nur 47 Jahren und hinterlässt eine Frau und "vier unmündige Knaben".

Frustrierender Kampf um Rechte

Wie sich die mäßige Versorgungslage der Lehrer auf den Schulalltag ausgewirkt hat, auch dazu hat Rolf Kießling aufschlussreiches Material zusammengetragen. Er berichtet uns von Schulprüfungen und Ferien, von Erntezeiten, Verboten und Strafen. Und von den "obersten Erziehungszielen", zu denen die Obrigkeitshörigkeit, der Untertanengeist und die "Versuche" zählten, den Schülern "eigenständiges Denken auszutreiben".
Schulische Bildung im 19. Jahrhundert war aus heutiger Sicht hauptsächlich mit Problemen behaftet: "Schulen waren Erziehungsanstalten und es gab bestenfalls Ansätze von dem, was man sich heute unter einer freien Schule vorstellt", meint Rolf Kießling. Doch mit Blick auf Dormitz dokumentiert er auch Lichtblicke: Dass jüdische Lehrer, wenn Not am Mann war, katholische Schüler unterrichteten; dass Vertreter der jüdischen Gemeinde zu den Schulprüfungen eingeladen waren; oder dass die katholischen Geistlichen den jüdischen Lehrern ein hervorragendes Zeugnis ausstellten - dies seien "Zeichen einer richtungweisenden Toleranz", urteilt Kießling.
Egal wie man über jene (Schul-)Zeiten urteilen mag: Dem Historiker zeigen sie immer auch, "welche Schwierigkeiten die Menschen zu bewältigen hatten", wie Rolf Kießling sagt. Daher habe gerade die Alltagsgeschichte keinesfalls etwas Belangloses an sich. In jedem Fall könne sie uns "Mitgefühl lehren".