Zum Brötchenholen nimmt man diese Räder nicht. "Mit unseren Fahrrädern fliegt man durch die Luft oder rast den Berg runter", sagt Markus Flossmann, Gründer und Geschäftsführer der Forchheimer Mountain-Bike-Schmiede YT-Industries.


Der 37-Jährige aus Leutenbach hat sich vor fünf Jahren seinen Traum erfüllt. Hat alles auf eine Karte gesetzt, um aus seinem Hobby einen Beruf zu machen. "Ich habe Geld aus allen Ecken und Enden zusammengekrazt und ein Dirt-Bike zum Springen für 499 Euro auf den Markt gebracht." Und dann? "In dem wichtigsten Bike-Magazin bin ich mit meinem ersten Fahrrad gleich zum Testsieger in der Kategorie Preis-Leistung gekürt worden. Innerhalb von zehn Tagen waren alle meine 150 Dirt-Bikes weg", erinnert sich Flossmann.



Revolution aus Forchheim
Damit hatte der 37-Jährige nichts weniger als kleine Revolution auf dem Extremsport-Rad-Markt ausgelöst. Die Kunden waren begeistert, die Konkurrenz alarmiert. "Ich habe dann sofort meinen alten, gutbezahlten Marketing-Job gekündigt und alles auf die YT-Karte gesetzt." Aber schmutzige Räder. Was ist das überhaupt? "Dirt-Bikes schauen aus wie BMX-Räder. Nur mit einer Federgabel vorne." Ideal zum Springen und durch die Luft fliegen sind diese "Räder". Die Extremsportler waren begeistert von den neuen Sportgeräten aus Forchheim. Erstmals waren diese Super-Bikes erschwinglich. "Vorher sind die Kids mit billigem Baumarktschrott rumgesprungen." Um Himmels willen dachte sich Flossmann und suchte nach einem Weg die "Dinger billiger" anbieten zu können. Das Erfolgsgeheimnis? "Direktvermarktung. Ein typisch deutsches Ding." Alle YT-Bikes sind nur im Internet auf der Firmen-Homepage zu haben.

Eine schicksalhafte Begegnung
In einem Forchheimer Fahrrad-Laden lief Flossmann in dieser Anfangszeit dem Maschinenbau-Ingenieur Stefan Willared aus Pautzfeld in die Arme. Kurz danach hatte Stefan seinen Anzug an den Nagel gehangen und ist als Konstrukteur in die junge Firma eingestiegen. Neue Modelle wurden gemeinsam entwickelt. Ein Enduro-Fahrrad zum rasanten bergauf-bergab-Ritt. Auch ein Downhill-Bike, mit dem sich die Extrem-Radfahrer gewagt die Berge hinabstürzen. Das Erfolgsrezept ist seit dem ersten YT-Bike immer das gleiche geblieben. Räder, die günstiger aber genauso gut sind wie die der Konkurrenz. Wieso das Gut-und-günstig-Prinzip funktioniert? Darauf haben Flossmann und Willared eine verblüffend einfache Antwort: Menschen, die sich mit Rädern von Bergen stürzen, sind jung. Sprich: Die Sport-Freaks müssen sich die Sportgeräte leisten können. Mit diesen "Kampfpreisen" hat YT die Nachfrage überhaupt erst angekurbelt. Geschmiedet werden die Fahrräder für Freaks nicht in Forchheim. "99 Prozent der Fahrräder auf der Welt werden in Taiwan gebaut. Auch wir lassen unsere Räder dort bauen. Aber wir lassen die Räder in Thüringen montieren und entwickeln in Forchheim zudem alle Rahmen selbst", sagt Markus Flossmann.

Konsequent haben sich die Forchheimer auf diese Nische konzentriert. Von YT gibt es keine 0815-Mountainbikes. "Wir sind weltweit die einzigen Spezialisten, die sich nur auf Gravity-Bereich konzentrieren", sagt der Firmengründer. Gravity gleich Schwerkraft. Die Forchheimer stellen also nur Fahrräder her, mit denen man bergauf-bergab der Schwerkraft ein Schnippchen schlagen kann. "Das andere bieten wir nicht an. Wir machen nur das, was wir selbst mit Leidenschaft machen", sagt Stefan Willared.

In diesem Extremsport-Segment ist die Authentizität der Marke alles. "Wir investieren viel in den Markenaufbau, und machen teilweise provakative Werbung, um bei unserer Zielgruppe aufzufallen." Wie bei allen Extremsportarten wird auch beim Extrem-Mountain-Biking der Lifestyle ganz groß geschrieben. "Das ist ein Lebensgefühl", sagt Flossmann und verschränkt die tätowierten Arme. Der Name YT steht übrigens für Young Talents - Junge Talente. Die fahren die Räder aus Forchheimer auf Wettkämpfen, um die Marke noch bekannter und populärer zu machen. Heute verkauft das Forchheimer Unternehmen jährlich rund 5000 Fahrräder. "55 Prozent gehen nach Deutschland, der Rest in die EU", sagt Flossmann. In den USA warten - neben Deutschland der wichtigste Markt - noch viele potenzielle Kunden. Allerdings lohnt sich der Schritt über den großen Teich bislang noch nicht. Die Zoll- und Handelsschranken sind zu hoch. Die geplante Freihandelszone zwischen Europa und Nordamerika würden die beiden Forchheimer begrüßen.

22 Mitarbeiter und Super-Umsatz
Inzwischen arbeiten 22 Menschen bei YT in Forchheim. Die Firma macht mittlerweile sieben Millionen Euro Umsatz im Jahr. "Wir wollen langsam weiter wachsen", sagt Flossmann ohne die Gefahr zu ignorieren, von den Branchenriesen geschluckt zu werden. "Deswegen wollten wir gleichzeitig relativ schnell eine gewisse Größe erreichen." Den Gewinn haben die Forchheimer bislang immer sofort in neue Produkte gesteckt. Immer leichter, immer stabiler lautet die Maxime. Die Firma hat inzwischen bereits Bikes mit Hydroform-Rahmen auf den Markt gebracht. Aktuell hat Willared auch Carbon-Rahmen entwickelt, die im nächsten Jahr über die eigene Homepage vertrieben werden sollen. "Das ist nochmal eine ganz andere Liga", sagt Willared.

Wachstum braucht Kohle
Pläne für die Zukunft haben die Forchheimer viele. "Ebikes sind ein interessanter Markt", sagt Flossmann. Auch will YT expandieren über Europa nicht stoppen. "Die USA und Kanada sind sehr interessant für uns", sagt Flossmann. Freilich fehle es manchmal am nötigen Kleingeld. "Wir brauchen Jahr für Jahr mehr Kapital." Schnelleres Wachstum braucht auch Kohle. Investitionen in Neu-Entwicklungen sind teuer. Davon wollen sich die beiden aber nicht unterkriegen lassen. Im Gegenteil: "Wir wollen weiter groß denken." Ein kleiner Horizont ist nicht ihr Ding. Schließlich ist fliegen auf zwei Rädern ihre Leidenschaft.