Es gibt da einen gewissen Cicero - den Gymnasiasten sicher nicht unbekannt - dem seit 2000 Jahren nachgesagt wird, einer der größten Redner gewesen zu sein. Über die Redekunst hat ein längeres Werk geschrieben, das zum Leidwesen mancher Lateinschülergeneration erhalten geblieben ist. Abgebildet war auf der Schülerausgabe ein römischer Redner, der mit weit ausgestrecktem Arm und geradem Blick erhöht vor dem nicht-existenten Publikum steht.
An seiner edlen Haltung in Bronze mussten sich die Schüler des Ehrenbürg-Gymnasiums (EGF) nicht messen, als sie zum Schulfinale des Wettbewerbs "Jugend debattiert" antraten. Dafür war die Zuhörerschaft sehr existent, rückte den vier Disputanten - rein räumlich gesehen - ganz schön auf die Pelle, drängten sich doch viel mehr Schüler in dem Doppelklasszimmer, als überhaupt Stühle hineinpassten.
Eine Herausforderung für jeden, der vorne sprechen muss. Ohne Mikro oder Headset geht da gar nichts. Und dann noch die recht rigiden Wettbewerbsbedingungen fürs Finale: Erst unmittelbar vor dem Start der Debattierrunde erfuhren die vier Teilnehmer, ob sie pro oder contra zu argumentieren hatten. Währenddessen schlüpfte ihr Lehrer Thomas Lukat in die Moderatorenrolle und vergatterte die ganze Schülerschar, zwei Debattierrunden auszuharren.

Wie im alten Rom

Und schon hieß es: Headset auf! Die Sieger der Vorrunde der Sekundarstufe zwei - Kira Franke, Kilian Hollfelder, Michael Straulino und Pascal Quicker stellten sich hinter die vier Bierkistl, die - mit weißen Schildern beklebt - zu Rednerpulten umfunktioniert worden waren. Nichts da mit netten Sesseln und so adretten kleine Pulten davor, mit Wasserglas und kleinem Schreibzeug, wie in der Talkrunde im Fernsehen. Robust wie in der römischen Gerichtshalle (selten edeler weißer Marmor, meist bloß eine Ecke im Gemüsemarkt) ging es im EGF zu. "Zeitnehmer" Tom Burgard klärte noch mal über die Zeitregeln auf und dann war auf Position Pro 1 Kira Franke dran, ihr Statement dazu abzugeben, ob im Ehrenbürg für die Schüler Wohlfühlräume eingerichtet werden sollten.
Kein leichtes Unterfangen bei solch altrömischen Bedingungen. Nun, um Gemüse gefeilscht hat während der Debatte niemand. Freche Zwischenrufe gab es auch keine. Allerdings sanken im Laufe der halben Stunde etliche Schülerköpfe nach unten, schön parallel zum Ansteigen des Kohlendioxid-Gehalts der Raumluft.
Ihre Kontrahenten und auch ihr Mitstreiter auf Position Pro zwei kritzelten sich Notizen und Stichworte auf die Blätter. Die Augen meist nach unten gerichtet. Beim eigenen Beitrag blickten sie dann doch ins Publikum.
Harte Bedingungen für eine Debatte, kann man da nur sagen. Und dafür schlugen sich die Vier wirklich tapfer, trugen gute Sachargumente zusammen und hielten die Spielregeln ein. Und blieben sachlich, sachlich, sachlich. Sparsame Gesten, kaum Emotionen, und schon gar nichts Plakatives. Das hätte der Jury aus zwei Mitschülern und einer Lehrkraft auch gar nicht gefallen. Erhielt doch Pascal Quicker einen leisen Tadel dafür, ab und an mal die Stimme mit Emotion gehoben zu haben.

Höflicher Applaus

Höflicher Schlussbeifall war alles,was das Publikum beisteuerte. Sind Wohlfühlräume etwa kein Thema in der Schülerdiskussion?
Nein, verriet Michael Straulino später, der sich eher mit dem Begriff "akademische Debatte" anfreunden konnte. Er und auch seine Mitstreiter am Podium hätten dazu keine Meinung. Seiner Beobachtung nach war sogar die Vorrunde am schlechtesten gelaufen, in der Stehplätze in Fußballstadien zur Debatte standen. Ein Thema, dass nicht nur die Schüler seit einer Weile beschäftigt. "Da mussten die einen komplett gegen ihre eigene Meinung argumentieren."
So gesehen war das eher hypothetische Thema besser. Auch dass bei niemandem die Illusion geweckt wurde, die Debattierrunde trage zur öffentlichen Willensbildung bei, habe womöglich gar Einfluss auf die Entscheidungen des Kreistags, des Sachaufwandsträgers der Schule, der die Sanierung des Hauses in seine Agenda aufgenommen hat. Cicero dagegen wäre wohl traurig gewesen, fehlte doch die von ihm so hoch gewertete Einwirkung auf das Publikum.
Aber: Ciceros so gelobten Reden verkürzten letztendlich sein Leben erheblich.

Die Sieger: Daniel Bodky,(9a), Svenja Palla (9f); Pascal Quicker (Q11), Michael Straulino (10e)