Wachenroth
Kündigungswelle

Bekleidungsgeschäft entlässt 40 Mitarbeiter - die sind fassungslos

Das Bekleidungsgeschäft Murk in Wachenroth hat innerhalb kürzester Zeit 40 Mitarbeiter entlassen. Bei den Betroffenen herrscht Fassungslosigkeit.
Bekleidungsgeschäft Murk in Wachenroth: Die Mitarbeiter erhielten innerhalb eines halben Jahres zwischen sechs und zehn Kündigungen. Aus Sicht der Betroffenen mit völlig absurden Begründungen. Aus Sicht der Anwälte oftmals nicht annähernd korrekt, weil Begründungen, Daten oder Unterschriften fehlten. Foto: Michael Busch
  • Murk Bekleidungshaus in Wachenroth entlässt 40 Mitarbeiter
  • Bis auf eine Ausnahme wohl nur Frauen von Kündigung betroffen
  • Mitarbeiterinnen unter Schock: Offenbar weiß niemand, warum sie entlassen wurde

Ein Wort vorab: Über ein Viertel der bei Murk Gekündigten hat sich mittlerweile beim Autor gemeldet. Die Menschen verbindet deren Geschichte, aber auch die Angst vor dem ehemaligen Arbeitgeber. Bis einen Tag vor Erscheinen dieses Artikels, wollte eine der Ehemaligen mit Name und Gesicht das Interview geben. Doch der Anwalt riet ab: "Murk schlägt um sich, da üben wir Zurückhaltung." Das ist nachvollziehbar und daher heißt die Mitarbeiterin in diesem Fall Wilma Krum. Die richtigen Namen, die Adressen und viele aussagekräftige Dokumente liegen der Redaktion vor.

Nach Kündigungswelle bei Murk: Wie erlebte Mitarbeiterin das Geschäft?

Was verbindet Sie mit der Firma Murk?

Wilma Krum: Heute nichts mehr. Früher sehr viel. Ich habe über ein Jahrzehnt dort gearbeitet. Es gab Freundschaften mit Kollegen, mit den Chefs waren wir per Du. Bei Firmenfesten wurde zusammen angepackt, gemeinsam gefeiert. Jeder kannte jeden. Der alte und verstorbene Chef Anton Murk war auch immer im Haus, packte überall mit an. Kurzum: Wir waren letztlich eine große Familie.

Wilma Krum kommt wie viele aus der Region. Aus den Landkreisen Erlangen-Höchstadt, Neustadt/Aisch und Bamberg kommen vor allem Frauen, die in Wachenroth arbeiten bzw. gearbeitet haben. Das Alter ist zwischen 30 und Anfang 60. Selbst eine Mitarbeiterin, die 45 Jahre im Betrieb war, sei gekündigt worden, erzählt Krum.

Die Kündigung, ein Schock?

Ich konnte es nicht fassen. Eine Kollegin hat die Kündigung im Briefkasten gehabt, eine Woche nach der Corona-Schließung. Sie hat mit mir telefoniert und ich konnte es gar nicht glauben. Keine Gespräche vorher - nichts. Ich habe mich schlecht gefühlt und Du machst Dir Gedanken, was Du vielleicht falsch gemacht hast. Aber da war nichts.

Ich habe dann versucht, jemanden von der Firma zu erreichen. Niemand war da, der etwas sagen konnte. Bis heute haben die Murks sich zurückgezogen und stehen für Gespräche nicht zur Verfügung. Ich bekomme Kündigungen von Murks, Schreiben von den Anwälten vom Gericht.

Die Gekündigten sind bis auf eine Ausnahme wohl nur Frauen. In den Berichten erzählen sie von dem Verhalten der ehemaligen Chefs. Jede hat ihre eigenen Erfahrungen. Bei der einen wird der Gang verlassen, wenn man ein persönliches Gespräch suchte, andere erzählen, dass sie selbst beim Aufsuchen in deren Büros "hasenartig die Flucht ergriffen". Bis heute weiß keine der Gekündigten, warum sie entlassen wurden.

Wie ging es Ihnen nach der Kündigung?

Sprachlosigkeit - zuerst. Dann die Frage nach dem "Warum?". Mit den nächsten Kündigungen kam dann aber die Wut. Tatkündigung, Verdachtskündigung - Du fühlst Dich wie ein Schwerverbrecher. Ich glaube, dass die Murks gar nicht wissen, was sie mit uns machen. Das hinterlässt tiefe, seelische Wunden.

Ich habe Kolleginnen, die haben Hartz IV beantragen müssen, weil aufgrund der Kündigung - fristlos - es bei der Agentur für Arbeit eine Sperre von bis zu 12 Wochen gibt. Wenn da der familiäre Rückhalt fehlt, fallen Sie echt in ein tiefes Loch. Unter Tränen haben ein Teil der Betroffenen erzählt, dass sie das alles nicht verstehen. Und wenn sie versuchen nachzufragen ist niemand da oder es antwortet ein ehemaliger IT-Administrator, der seit gut drei Jahren im Betrieb ist und plötzlich als Personalchef geführt wird. "Der hat früher die Kassen in Schuss gehalten", erklären die Gekündigten. Nun sei er ein Ausführungsgehilfe, um den Rücken der Geschäftsführer freizuhalten.

Was sagen die ehemaligen Kollegen, also die noch im Betrieb sind?

Offiziell oder inoffiziell? Offiziell nichts, denn es soll keine Kontakte geben. Inoffiziell: Sie sagen nichts, weil sie auch Angst haben, weil sie befürchten, dass sie die Nächsten sind. Ein Insider erzählt, dass es ein Kontaktverbot gäbe. Murks möchten den Kontakt unterbinden, was eben nicht wirklich funktioniert.

Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?

Dass die Wahrheit ans Licht kommt, dass wir erfahren, warum so mit uns umgegangen worden ist. Mehr nicht.

Kommentar von Michael Busch

Wichtige Randbemerkungen

3 Dinge gilt es an dieser Stelle mal anzusprechen, die wichtig zur Einschätzung sind. Drei Feststellungen, die helfen zu verstehen.

1. Murk ist nicht gleich Murk

Es gibt das Unternehmen Mens Fashion unter der Leitung von Reinhold Murk. Dieses Unternehmen hat mit dem Bekleidungsgeschäft Murk nichts zu tun. Diese Mitarbeiter bestätigen, dass sie anständig behandelt werden und man mit Erschrecken feststelle, was bei dem gleichnamigen Unternehmen passiere.

2. Es geht nicht um Rache

Weder den ehemaligen Mitarbeitern noch dem Fränkischen Tag geht es um eine Kampagne gegen das Unternehmen Murk. Es geht aber sehr wohl darum, zu zeigen, dass auch hinter verschlossenen, privatwirtschaftlichen Türen nicht alles geht. Gesetze und Anstand müssen auch dort gelten.

3. Warum anonym?

Weil die Menschen Angst haben. Weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass das Unternehmen sich zwar in der Öffentlichkeit nicht äußert, aber seltsam reagiere. Die Aussage eines Anwaltes steht für sich: "Bitte zurückhalten, der Murk schlägt momentan wild um sich!"