Bart ist derzeit voll im Trend. Ein Exemplar wie Roland Noppenberger es trägt ist allerdings nicht leicht zu finden. Die Reaktionen seiner Mitmenschen auf dieses Flechtwerk seien total unterschiedlich, erzählt der Adelsdorfer. Sicher würden manche den Kopf schütteln. Aber auch Neugier und freundliches Lächeln begegnen ihm. Dabei hat Noppenbergers Bart einen tiefen Hintergrund und eine Geschichte, die ganz und gar nicht zum Lachen ist.
"Ohne meinen Unfall gäbe es diesen Bart gar nicht", erzählt der 49-jährige, zur Zeit des Unfalls im mittelfränkischen Binzwangen lebende Adelsdorfer. Der Unfall hat sein Leben, aber auch seine Einstellung zum Leben verändert. Seinen Beruf als Maler- und Lackierermeister konnte er nicht mehr ausüben und seine Ehe ist zerbrochen. Heute ist Roland Noppenberger Rentner, zu 80 Prozent schwerbehindert, dennoch aber ausgeglichen und voller Lebensfreude.
Ein unglücklicher Sturz im August 1999 beim Umbau des Hauses brachte die Wende im Leben des jungen Familienvaters. Rücklings fiel er in eine neue und sehr scharfe Zahnkelle, wie sie Fliesenleger verwenden, die zuoberst auf einer Kiste lag. 32 Jahre war er alt, verheiratet und seine Frau stand kurz vor der Entbindung ihres zweiten Kindes.
Sein linker Unterarm habe ausgesehen "wie nach dem Biss eines Haies". "Das Blut spritzte drei Meter weit. Ich habe gedacht, ich sterbe." Auf seine lauten Hilferufe eilte der Nachbar, Kommandant der örtlichen Feuerwehr, herbei und band den Arm ab.
Zunächst brachte man den Verletzten ins Krankenhaus nach Rothenburg. Dort aber verwies man Noppenberger in die Handchirurgie nach Würzburg. Und zwar mit dem Rettungshubschrauber, was er bis heute nicht versteht. Denn der Hubschrauber habe mehr als drei Stunden auf sich warten lassen. Mit dem Krankenwagen hätte man die Strecke Rothenburg-Würzburg viel schneller fahren können, meint er.
Über Stunden sei der Arm abgebunden, das Gewebe nicht mehr durchblutet gewesen. In Würzburg habe man überlegt, den Arm zu amputieren. "Ich habe gebetet und mir immer wieder vorgestellt, dass mein Arm wieder heilt." Heute ist er überzeugt davon, dass die positiven Gedanken dazu beigetragen haben. Denn schließlich entschieden sich die Ärzte doch gegen die Amputation. Zwei Wochen lang habe er das Bett nicht verlassen dürfen. Um die Wunde zu schließen, wurde Haut aus dem Oberschenkel entnommen und Wochen nach dem Unfall wurden Nerven verpflanzt.


Die Schmerzen sind immer da

Trotz dieser aufwendigen Operation hat er heute kein Gefühl mehr in der Hand und ständige Schmerzen. Viermal war er zur Reha, fünfmal in der Schmerzklinik. "Es dauert sehr lange, einen Weg zu finden, um mit dem Dauerschmerz leben zu können", sagt er.
Auf der Suche nach diesem Weg hat er in der Schmerzklinik in Tutzing mit Meditation begonnen und angefangen, sich mit den sieben Erzengeln zu beschäftigen. Das habe ihm Kraft und Energie gegeben. Seinen Vollbart trägt er seit 2010 in dieser Form: Zu sieben Zöpfen geflochten. In jeden Zopf sind sieben Perlen eingeflochten, die in den jeweiligen Farben einem der sieben Erzengel zugeordnet sind. Heute bezeichnet er sich selbst als gläubigen Menschen. Täglich vor dem Einschlafen bittet er die Erzengel um "Heilenergie". Und er malt. Neben Engeln auch Blumenbilder, ähnlich wie Mandalas.
Ein Erlebnis hat den Adelsdorfer in der schweren Zeit besonders beeindruckt: Weil Kälte seine Schmerzen noch verstärkt, flog er 2012 für fünf Wochen in die Dominikanische Republik. "Ich stellte mir das vor wie in der Schmerzklinik, wollte nur im Hotel bleiben, meine Ruhe haben und nichts sehen." Es kam ganz anders.
Er lernte einen kanadischen Pfarrer kennen, der mit den dortigen christlichen Gemeinden an sozialen Projekten arbeitet. So kam der Adelsdorfer auch mit in die Kirche. "Die große Freude und Herzlichkeit der Menschen - trotz ihrer Armut - das hat mir gut getan. Ich krieg heut noch Gänsehaut, wenn ich daran denke." Die im Hintergrund ständig vorhandenen Schmerzen habe er darüber fast vergessen können.