Kaum ein Passant, der nicht stehen bleibt. Derzeit zieht die Entstehung eines haushohen Kunstwerks an der Fassade des Museumswinkels in Erlangen die Blicke auf sich.

Auf einer Hebebühne stehend bringt seit Dienstag vergangener Woche Andreas von Chrzanowski, Künstlername Case Maclaim, mit Spraydosen und Pinsel Farbe an die Wand.

Fünf Perspektiven zeigen einen bärtigen Mann, oberkörperfrei und tätowiert, die Hände in die Höhe streckend.

Animierbar per Smartphone-App

Die fünf verschiedenen Körperhaltungen überlagern sich, wodurch eine Körperdrehung um 180 Grad dargestellt wird. Das fertige Kunstwerk soll zusätzlich über eine App vom Betrachter animiert werden können.

"Es handelt sich um einen durchdachten Entwurf", sagt Malte Lin-Kröger, Leiter des Kunstpalais Erlangen. Ausgeschrieben wurde die Arbeit als Wettbewerb vom Kulturamt der Stadt. Inhaltlich sollte sich das Kunstwerk mit der Geschichte des Gebäudes auseinandersetzen. Im 19. Jahrhundert wurden hier Röntgenapparate hergestellt. Heute beherbergt der Backsteinbau an der Ecke Gebbertstraße/Zollhausplatz das medizintechnische Museum der Firma Siemens Healthineers. Teile des Baus, früher Eigentum von Siemens, mittlerweile gehört er der Stadt, werden auch von Kulturamt, Stadtarchiv und Stadtjugendring genutzt.

Maclaim bekam von der Jury und vom letztendscheidenden Stadtrat den Zuschlag, weil er mit der drehenden Bewegung seines Modells die typische Körperhaltung früher Röntgenuntersuchungen andeutet.

Betrachtet man die anderen Entwürfe, die beim Wettbewerb eingereicht wurden, versteht man auch, warum Maclaims "Röntgenmann" den Zuschlag bekam. Zu abstrakt erscheinen die Motive, die andere Künstler vorgeschlagen haben. Zu sehen sind die anderen Entwürfe auf der Webseite der Stadt Erlangen unter der Rubrik Kultur - Street Art. Für das Kunstwerk inklusive Material und Technikaufwand gibt die Stadt Erlangen 20.000 Euro aus, so Lin-Kröger.

International zu bestaunen

Der 41-jährige Case Maclaim stammt aus Schmalkalden, Thüringen, hat in Erfurt Restaurierung studiert und lebt heute in Frankfurt. Früher in der Street-Art- und Graffiti-Kunstszene unterwegs hat er sich seit einiger Zeit auf ebensolche Wandbilder spezialisiert. Werke von ihm sind in vielen deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln, aber auch in den USA, Italien und Frankreich zu bestaunen. Sein Stil ist das fotorealistische Graffiti, was auch am Kunstwerk in Erlangen den Reiz ausmacht.

Beim abgebildeten Mann handle es sich um einen Freund, einen "schwedischen Portugiesen", sagt Maclaim und lacht. Der habe auch genau diese Tätowierungen am Körper. Zu sehen ist etwa ein Globus und eine Glühbirne - vielleicht ein Symbol für den Erfindergeist der Ingenieure im ehemaligen Medizintechnikwerk?

Auf der Hebebühne läuft ein Radio, ein Sonnenschirm spendet Schatten. Seit bereits zwei Wochen arbeitet Maclaim daran. Er muss sich etwas beeilen. Am Montag soll das Kunstwerk - Titel steht noch nicht fest - bei einer kleinen Vernissage offiziell eingeweiht werden.

Eigentlich brauche er für ein Bild dieser Größe im Schnitt etwa sechs Tage. Doch das Regenwetter habe ihm bei diesem Projekt bereits zwei Tage gekostet.

Die Grundlinien des Motivs wurden nicht etwa mit einem Beamer an die Wand projiziert. Er arbeite auch nicht mit einer Rasterübertragung, sagt Maclaim. Doch wie bekommt er dann die Proportionen der Körper in dieser Größe perfekt an die Wand? Er orientiere sich an bestimmten Punkten an der Wand. Mehr wolle er lieber nicht verraten - Künstlergeheimnis -, lacht und besteigt wieder die Hebebühne, die langsam nach oben zum Kunstwerk fährt.