Jan Beinßen schreibt nicht nur Krimis, die in Franken spielen. Der Autor aus Herzogenaurach hat pünktlich zum Weihnachtsfest einen neuen Mordfall im durch die ganze Republik rasenden "Santa-Express" vorgelegt. Wir haben mit dem bekannten Schriftsteller über lange Bahnfahrten im Schnee, Liebe im Zug und Wunschlisten in Corona-Zeiten gesprochen.

In Ihrem neuen Kriminalroman "Mord im Santa-Express" kommen keine Masken und keine Mindestabstände vor. Was ist bei der Recherche schief gelaufen?

Jan Beinßen: (lacht) Mein neuestes Buch habe ich ganz bewusst coronafrei gehalten. Die Geschichte ist quasi aus der Zeit gefallen. Als ich an dem neuen Fall mitten im ersten Lockdown in diesem Frühjahr gearbeitet habe, hatte ich tatsächlich noch die naive Vorstellung, dass es spätestens im Winter pünktlich zu Weihnachten wieder vorbei ist mit dem ganzen Covid-Spuk. Deswegen habe ich auf Masken und andere Corona-Regeln auf meiner literarischen Kriminal-Bahnreise von Hamburg nach München verzichtet. Das ist der Hauptgrund.

Und was ist der Nebengrund?

Mit so einer Weihnachtskrimi-Geschichte will man den Leser ja bewusst aus dem Alltag und der Realität entführen. Für die Weihnachtsstimmung wären Desinfektionsspray & Co. dann doch eher etwas hinderlich gewesen (lacht). Außerdem ist das Buch natürlich ohne Corona praktisch zeitlos geworden. Und kann noch beim übernächsten Weihnachtsfest schön verpackt unter dem Weihnachtsbaum als Geschenk glänzen.

Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen, den Kriminalfall diesmal nicht in Franken zwischen Knoblauchsland und Lokalderby, sondern ausgerechnet im Schnellzug von Hamburg nach München spielen zu lassen?

Das literarische Vorbild für meinen Fall ist die berühmte Geschichte vom "Mord im Orient-Express" gewesen. Das Buch von Agatha Christie hat sogar mein Hauptprotagonist Bruno Häusler als Lektüre auf seiner Reise von Hamburg nach München dabei. Durch mörderische Umstände kommt er allerdings nicht zum Lesen.

Aber Ihr Fall im Santa-Express läuft natürlich ganz anders ab und hat nichts mit den zwölf Messerstichen aus dem Orient-Zug zu tun?

Nein, meine Hauptfigur heißt Bruno Häusler. Er ist Arzt, geschieden und lebt in Hamburg. Am Heiligen Abend hockt er sich in Altona in den letzten ICE nach München, um die Kinder an Weihnachten sehen zu können. Häusler stellt sich auf einen entspannten Abend im Nachtzug ein. Doch kurz nach Hamburg wird er von einer jungen Frau angesprochen.

Gesucht wird ein Arzt, der Erste Hilfe bei einem Notfall leisten kann. Doch der Patient, ein älterer Herr, ist bereits tot. Eigentlich würden jetzt Formalitäten anstehen. Den Schaffner informieren. Die Polizei verständigen. Doch Bruno entdeckt eindeutige Hinweise, die nicht auf ein natürliches Ableben hindeuten. Das macht die Zugfahrt trotz Plätzchen und Glühwein besonders spannend.

Serviert die Bahn an Weihnachten jetzt auch Glühwein und Plätzchen im Zug?

Das soll vorkommen (lacht). Ich bin tatsächlich mal kurz vor Weihnachten mit dem Zug in einen Schneesturm geraten. Während unseres Zwangsaufenthaltes mitten auf der Strecke hat ein Mitreisender eine Flasche Glühwein herausgeholt, Becher herum gereicht und Plätzchen verteilt. Der Glühwein ist zwar kalt gewesen. Aber die Stimmung in diesem Zug ist wirklich total weihnachtlich gewesen. Ich habe versucht, diese Stimmung in meine Fantasiegeschichte einfließen zu lassen.

Das ist Ihnen fabelhaft gelungen. Ich nehme an, Sie kennen die Strecke aus dem Effeff?

Ja. Die Route bin ich wirklich hundert Mal gefahren. Zu vielen Familienfesten. Aber besonders regelmäßig zu Weihnachten. Meine Eltern wohnen noch heute in Stadthagen. Das ist in der Nähe von Hannover und Bielefeld im schönen Weserbergland. Nicht zu verwechseln mit der Stadt Hagen.

Und dort im schönen Weserbergland sind Sie in den Schneesturm geraten?

Nein, das muss irgendwo hinter Kassel gewesen sein.

Überhaupt scheinen Sie eine große Vorliebe für Züge zu haben. Woher kommt diese Zuneigung?

Das hat mit meiner Frau Susanna zu tun. Wir haben uns 1991 kennengelernt. Damals hat sie in Nürnberg studiert. Und ich habe im Norden bei einer Zeitung gearbeitet. Die erste Phase unser Liebe hat also, wenn Sie so wollen, ausschließlich im Pendelbetrieb im Zug zwischen Nürnberg und Hannover stattgefunden.

In Franken lassen Sie Ihren neuesten Mordfall aber nicht enden. Warum?

Die Versuchung ist tatsächlich groß gewesen, den Mord im Santa-Express in Nürnberg enden zu lassen. Ich bin am Ende aber dann doch über meinen Schatten gesprungen und habe den Zug nur zwischen fränkischen Weinbergen und romantischen Altstädten vorbeirollen lassen. Ich wollte einfach die komplette Zugfahrt bis zur Endhaltestelle in München auskosten.

Aber ein kleiner Zwischenstopp mit "Drei im Weggla" in Nürnberg wäre doch drin gewesen, oder?

Leider nein. Er hätte sich auch schnell ein krosses Schäufele oder einen gebackenen Spiegelkarpfen als Bordproviant und Festessen für die Feiertage holen können. Meine Grundidee ist aber gewesen, dass die ganze Geschichte wie in einem Kammerspiel nur an einem Ort an Bord des ICE-Zuges passiert. Dafür habe ich die schönen Zugeinfahrten in Würzburg und Nürnberg mit ihren traumhaften Kulissen ausführlich gewürdigt.

Haben Sie das Buch besonders für Bahnreisende zur Weihnachtszeit geschrieben?

Ja. Durchaus. Das Buch kann man in einem Zug lesen (lacht). Eine Bahnfahrt ist überhaupt die perfekte Umgebung zum Schmökern. Ich liebe Bahnfahrten fast so sehr wie das Fliegen.

In diesem Corona-Winter wird das Bahnfahren wohl nicht so romantisch werden wie früher, oder?

In diesen Weihnachtsferien werden Zugfahrten wohl tatsächlich eher Mittel zum Zweck der Fortbewegung. Die Bahn hat zwar angekündigt, mehr Waggons an die Züge zu koppeln. Einen besinnlichen Abend mit Maske im Zug wird es aber wohl trotzdem nicht geben. Um die Atmosphäre aus dem Buch nachzuempfinden, muss man wahrscheinlich bis zum übernächsten Weihnachten warten.

Sie feiern heuer Weihnachten also nicht im Zug, sondern daheim in Herzogenaurach?

Ja genau. Diesmal schon. Meine Eltern aus Stadthagen kommen angesichts der momentanen Lage auch nicht zu uns nach Hause.

Ein trauriges Fest?

Nein! Meine Familie kommt trotz Corona in Herzogenaurach zusammen. Meine älteste Tochter Annika kommt sogar aus Madrid nach Hause. In der spanischen Hauptstadt gibt es gerade weniger Corona-Einschränkungen als bei uns. Je nach Viertel werden dort kleinteilige Lockdowns verhängt. Der älteste Sohn Felix studiert in Sachsen-Anhalt und kommt ...

... mit dem Zug ...

Ja genau. In der Tat (lacht).

Mit dem "Santa-Express" als Reiselektüre?

Das kann ich mir gut vorstellen. Ich habe ihm natürlich schon vorab ein Exemplar per Post zukommen lassen und das wird er wohl lesen müssen, wenn er zu uns in die Weihnachtsferien kommt. Vielleicht wird er ja zwischen Plätzchen und Geschenken vom Papa abgefragt.

Aber den Mörder können wir jetzt nicht verraten.

Den vergesse ich nach dem Schreiben sowieso immer sofort. Schon aus Prinzip. Und um nicht in Versuchung zu geraten, anderen den Fall vor dem Lesen des Endes zu verraten.

Apropos verraten: Was wünschen Sie sich in diesem Jahr unter dem Weihnachtsbaum?

Ich wünsche mir ein gutes Buch. Vielleicht auch zwei. Da lasse ich mich gerne überraschen, einfach um die eigene Bücher-Blase einmal zu verlassen und mich auf neue Themen und Titel einzulassen.

Und der Bruno aus Ihrem Express, was würde der sich wünschen?

Wahrscheinlich erst einmal eine ordentliche Mütze Schlaf. Und keinen Notfall mit einer verschluckten Karpfengräte. Das Gespräch führte Nikolas Pelke.