Ruhig kommt er rüber, unaufgeregt, sachlich. Ein Mann im gesetzten Alter, kein junges Testosteronpaket. Trotzdem soll er mit einem langen Küchenmesser auf einen Menschen losgegangen sein. Was treibt einen zu so etwas an?

Diese Frage konnte gestern vor dem Erlanger Amtsgericht nicht abschließend geklärt werden. Fest steht am Ende für Richter, Staatsanwältin und sogar für den Verteidiger des 64-jährigen Asylbewerbers nur, dass dieser mit einem Messer einen Mitarbeiter der Gemeinschaftsunterkunft in Höchstadt bedroht und angegriffen hat. "Sie hatten beide Glück", sagte ein Securitymann - der eine, dass er nicht verletzt, der andere, dass er nicht zum Mörder wurde.

Wie kam es dazu? Der marokkanische Staatsangehörige B. ist seit 2015 in Deutschland, lebte zum Zeitpunkt des Vorfalls bereits zwei Jahre in Höchstadt. Er ist sozial engagiert, hat eine Arbeit. Innerhalb der unschönen Umstände in der Gemeinschaftsunterkunft genießt er das Privileg, ein Zimmer für sich zu haben - bis er im Frühling dieses Jahres einen Mitbewohner bekommen soll. Das möchte er nicht. "Wegen Corona", sagt er. Er sei schließlich über 60.

Platz für den Sohn?

Der eigentliche Grund scheint jedoch sein 14-jähriger Sohn zu sein, der ihn nach der Scheidung von seiner Frau besuchen kommt. Für ihn hätte er gerne Platz, auch zum Übernachten - obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist.

Als der neue Mitbewohner schließlich im Zimmer steht, ist B. freundlich, will ihm jedoch keinen Platz in den Schränken machen. "Ich wollte meine Sachen nicht wegwerfen."

"Laut Vorschrift steht jedem Bewohner ein halber Spint zur Verfügung", erklärt H., ein Mitarbeiter im Lappacher Weg. Das sei wenig, weshalb in Höchstadt jeder einen ganzen bekomme. "So kann man auch abschließen und muss nicht fürchten, dass jemand anderer an Privatsachen geht." Der Angeklagte hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch zwei Schränke belegt - sowohl innen, als auch obendrauf. "Das geht halt nicht, wenn noch jemand dazu kommen soll", so H.

"I will kill you"

Während der Diskussion darüber sei der Angeklagte ausfällig geworden. Die Worte "I will kill you" seien gefallen. Schließlich schauen sich, der Hausmeister, H. und zwei Securityleute in B.s Zimmer die Schränke selbst an. B. kommt herein gestürmt, zieht ein langes Messer aus dem Küchenschrank und geht auf H. los. Glaubhaft und detailliert schildert der Geschädigte den Vorgang. Auch, dass er nur das Messer im Blick gehabt habe und keine Ahnung hat, was die andere Anwesenden in diesem Moment taten.

Die Aussagen der drei Zeugen bestätigen den Vorfall. Zuerst hätten alle Angst gehabt und seien aus dem Zimmer geflohen, geben beide Securitys zu. Einer rief die Polizei, während der andere gemeinsam mit dem Hausmeister umkehrt, um H. zu helfen.

"Ich denke, dass B. getroffen hätte, wäre H. nicht ausgewichen", sagt der Hausmeister aus. Einer der Securitys meint sogar, es hätte böse ausgehen können, wenn niemand dazwischen gegangen wäre.

Alle Zeugen gaben ihre Aussagen ohne große Dramatik, ohne Belastungseifer zu Protokoll. Alle beschrieben B. eigentlich als zurückhaltend und ruhig, weshalb der Ausbruch umso erschreckender gewesen sei.

Psychische Probleme

Der Angeklagte beteuert ebenfalls, dass er noch nie Probleme gehabt habe - weder in der Unterkunft, noch außerhalb. Er versucht, sich rauszureden: "Ich habe nur geschrien, wie ein Verrückter - ich weiß selbst nicht so genau, was los war mit mir." Aber er habe kein Messer in der Hand gehabt. Zumindest könne er sich daran nicht erinnern. Es habe ja auch niemand einen Kratzer davon getragen. "Aber es ist schon möglich, dass sie da Angst vor mir hatten."

Psychische Probleme, attestiert von einer Ärztin, seien möglicherweise Schuld an dem Ausraster gewesen. Auch an der Erinnerungslücke, versucht der Pflichtverteidiger zu retten, was zu retten ist. B. sei traumatisiert, dazu sei die Trennung von seiner Frau und dem Sohn gekommen. Er habe sich in einem emotionalen Ausnahmezustand befunden und sich unterlegen und vielleicht auch bedroht gefühlt von den vier Männern.

Ruhig und friedlich - eigentlich

Nach den Vernehmungen zeigte aber auch er sich überzeugt davon, dass B. ein Messer hatte. "Ich glaube jedoch, dass er getroffen hätte, hätte er H. wirklich verletzen wollen." Das Zimmer sei sehr eng, es gebe kaum Platz zum Ausweichen. Alle Zeugen hätten schließlich auch übereinstimmend gesagt, dass B. eigentlich ein ruhiger, friedlicher Bewohner sei.

Für die Staatsanwältin hingegen wog die Tat schwerer. Es sei ein gezielter Angriff mit Stichbewegungen in Richtung Brust gewesen. Dass trotz "erheblichem Gefährdungspotenzial" nichts passiert sei, sei den Zeugen sowie viel Glück zu verdanken. Sie beantragte eine Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten.

Eineinhalb Jahre auf Bewährung

Richter Wolfang Pelzl stimmte in der Strafzumessung mit ihr überein, setzte die Strafe jedoch zur Bewährung aus. Auflagen: 1500 Euro an die Staatskasse sowie die Meldung von Wohnortwechseln.

"Menschlich ist Vieles nachvollziehbar: Dass Sie mehr Platz wollten, dass Sie psychisch belastet sind, Ihren Sohn sehen wollen", sagte Pelzl. Aber das rechtfertige nicht einen solchen "Aufstand, um Privilegien zu erhalten, die nicht Sinn und Zweck einer Flüchtlingsunterkunft" seien. Das Motiv sei reiner Egoismus gewesen und die Tat völlig unverhältnismäßig. "Ein Mensch hätte sterben können." Auch glaube er ihm nicht, dass er sich ausgerechnet an das Messer nicht erinnern könne.

Immerhin sei seine Sozialprognose positiv: B. hat Arbeit, ist auf Wohnungssuche, will seinen Söhnen - einer ist bereits erwachsen - ein Vater sein. Er sei kein "Troublemaker", habe sich entschuldigt.

Pelzl schärfte B. ein, dass er sich während der Bewährungszeit von vier Jahren nichts zu Schulden kommen lassen darf. "Sie werden wieder in Belastungssituationen kommen - es darf nicht nochmal etwas Ähnliches passieren", so der Richter.