Vor 30 Jahren wurde der geplante Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennelemente in einem oberpfälzischen Wald aufgegeben. Zehn Milliarden Mark hatte das Projekt da bereits gekostet. Die Massen-Proteste gegen die geplante "Atomfabrik" in Wackersdorf hatten über Jahre angehalten. Meist war es friedlich.1986, nach Tschernobyl, war von bürgerkriegsähnlichen Zuständen die Rede. Zwei Zeitzeugen erinnern sich. Damals standen sie auf entgegengesetzten Seiten.

Hubert Weiger (72) ist heute Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Er lebt in Fürth.

Rainer Seebauer (58) ist Polizeihauptkommissar, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken und ein alteingesessener Nürnberger.

1. Wie haben Sie Wackersdorf erlebt?

Hubert Weiger: Wir haben 1981 die Bürgerinitiative mit auf den Weg gebracht und waren oft vor Ort. Damals gab's nur Festnetz und Fax: So haben wir 1982 die erste Großkundgebung organisiert. Es war Februar, es war kalt, wir haben mit 500 bis 1000 Leuten gerechnet. Gekommen sind 10 000. Das war der Durchbruch. Da engagierten sich anerkannte Persönlichkeiten wie Förster und Pfarrer. 1984 wurde das Franziskus-Marterl geweiht und jeden Sonntag trafen sich da WAA-Gegner zur Andacht. Landrat Hans Schuierer (SPD) hat zentral dazu beigetragen, die WAA zu verhindern, Landwirt Michael Meier weigerte sich trotz eines Millionengebots, sein Grundstück zu verkaufen. Mich jungen Naturschützer beeindruckten diese Persönlichkeiten. In der Hauptphase von '84 bis '88 war ich als Nordbayern-Beauftragter des BUND alle zwei Wochen dort. Zum Anti-WAA-Festival kamen 1986 über 100 000 Menschen. Größen wie Grönemeyer, Lindenberg und BAP traten auf. Das machte Mut.

Rainer Seebauer: Ich war in Nürnberg in der Einsatzhundertschaft, als es im April '83 hieß: Ein Zug muss nach Wackersdorf. Ich war 22 - wir haben uns alle angeschaut: Wohin? Wackersdorf? Und was ist eine WAA? Vor Ort gab's nur Wald. Demonstranten hatten einen Holzturm gebaut, wir sind eine Woche mit Geländefahrzeugen im Wald Streife gefahren. Dann kam eine Technische Hundertschaft und hat den Turm abgesägt. Das war's für mich erst mal: Im September bin ich nach Fürstenfeldbruck zur Ausbildung für den gehobenen Dienst, im Sommer 1986 kam ich als Zugführer nach Nürnberg zurück. Aber von da an war ich fast jedes Wochenende in Wackersdorf. Jahrelang. Jetzt war da eine brach gerodete Fläche mit einem Riesenzaun außen herum. Den mussten wir schützen. Die meisten Kundgebungen waren ja friedlich: Wackersdorfer Bürger, die sonntags von der Andacht am Franziskus-Marterl aus ums Gelände marschiert sind. Die Großdemos, vor allem '86, waren allerdings heftig.

2.Was machte Ihnen damals Angst?

Hubert Weiger:

Beängstigend war das Projekt als solches: eine Anlage, mit der atomwaffenfähiges Plutonium auf den Markt kommen sollte, die Gefahr des Missbrauchs, Gefahr für Leib und Leben. Als Demonstrant machte ich mir auch um unsere Demokratie Sorgen: Wenn Du das Auto irgendwo abstellen und im Winter kilometerweit zur Demo laufen musst, ist das Schikane. Ständige Überwachung, Kontrolle, dieser drohende Polizeistaat, der nötig gewesen wäre, um eine so gefährliche Anlage zu sichern: Auch das war beängstigend.

Rainer Seebauer: Dass jemand verletzt werden könnte. In den Hoch-Zeiten, vor allem 1986, hatten sich unter Tausende normale Demonstranten auch 'mal 400 gewaltbereite gemischt. Im Zuge der Strafverfolgung mussten wir da mit 20, 25 Mann reingehen. Der autonome Block hat Stahlkugeln mit Zwillen geschossen. Steinewerfen war obligatorisch. Wir wollten unbeschadet aus dem Einsatz rauskommen, ohne dass einer getroffen wird. Es kam auch vor, dass Kollegen ins Krankenhaus mussten, weil einer beide Enden der Krawatte erwischt und zugezogen hat. Deshalb wurden die Clip-Krawatten erfunden.

3. Wie haben Sie die Gegenseite wahrgenommen?

Hubert Weiger:

Franz-Josef Strauß (CSU) hatte verkündet, dass er in Bayern die WAA baut, die Ernst Albrecht (CDU) als Ministerpräsident in Niedersachsen nicht durchsetzen konnte. Der Standort Wackersdorf schien ideal: Mit dem Ende des Braunkohleabbaus und der Maxhütte drohte der Region hohe Arbeitslosigkeit. Außerdem war die Bevölkerung Industrie und damit verbundene Belastungen und massive Eingriffe in die Natur gewohnt. Das Waldgebiet, in dem die Anlage errichtet werden sollte, gehörte dem Freistaat. Die Staatsregierung rechnete nicht mit Widerstand. Als der Landrat sich weigerte, den Bebauungsplan freizugeben, wurde das mit einem neuen Gesetz umgangen. Man wollte die WAA mit allen Mitteln. Dazu gehörte auch der massive Polizeieinsatz mit partiell unfriedlichen Polizisten. Dafür wurden beispielsweise Kräfte aus Berlin geholt, die keinen Bezug zur Region hatten, und denen hat man gesagt: Das sind alles Chaoten.

Rainer Seebauer: Zur damaligen Zeit war das ein Projekt von Franz Josef Strauß (CSU) und das hat er durchgedrückt wie nichts. Ich hatte auch Verständnis für die Bürger. Logischerweise hatten die Anwohner Angst vor Unfällen in der WAA und davor, dass irgendwo Radioaktivität austritt. Franz Josef Strauß war nicht da. Die Polizei war da. "Ihr verteidigt die Atomlobby", hieß es, dabei waren ja viele Kollegen selbst gegen Atomkraft. Gegen Demonstranten haben wir nichts unternommen, nur gegen den gewalttätigen Block. Da hat einer am Zaun gesägt, wir mussten vorrücken, dann haben sie geschossen, also sind wir zurück. "Bullenballett" nannte das die andere Seite. Die wollten da irgendeinen Frust los werden. Oft kamen die Gewaltbereiten von weiter weg. Ich erinnere mich an eine Frau, die aggressiv gegen den Zaun schlug und rief: "Scheiß Polizei". Als ich mit ihr gesprochen habe, hat sie erzählt, dass in ihrem Garten immer wieder ein Spanner steht. Sie wollte, dass dauerhaft ein Beamter abgestellt wird, und weil das nicht möglich war, richtete sich ihr Zorn auf die Polizei.

4.Was bedeutet Wackersdorf heute?

Hubert Weiger: Es war das Ende des Mythos von der segensreichen, sauberen Technologie. Jetzt gab's permanent negative Berichte über Atomkraft. Der Super-GAU in Tschernobyl machte 1986 zusätzlich klar, dass es eine nicht beherrschbare Risikotechnologie ist. Und es gibt keinen Unterschied zwischen friedlicher und unfriedlicher Nutzung. Alle Länder, die heute Atomwaffen herstellen wollen, haben AKWs, ob China, Frankreich, Großbritannien oder der Iran. Die Wiederaufbereitung ist Teil dieses Systems. Nach Strauß' Tod wurde die WAA '89 aufgegeben. Aber es war das erste Mal, dass in Bayern flächendeckend über Atomkraft diskutiert wurde, sonst war es wie in Grafenrheinfeld oder Viereth nur regional Thema. Ich glaube, das hat Grundlagen für den späteren Atomausstieg gelegt.

Rainer Seebauer: Nach Strauß' Tod hat sich das Ganze in Wohlgefallen aufgelöst. Ich war viele Jahre nicht mehr in Wackersdorf - bis letztes Jahr. Weil es dort eine Gokartbahn gibt, auf der man auch außen fahren kann. Als ich dann dort war, kamen die Erinnerungen: Wie wir am Absperrr-Zaun standen. Diese vielen Wochenenden, diese lange Zeit. Wackersdorf hat Bayern geprägt. Gewalttätige Ausschreitungen hat es vorher nicht gegeben. Und es gibt immer wieder mal etwas, dass eine Zeitlang Aufsehen erregt. Aber nicht über so viele Jahre.

5.Welche Musik verbinden Sie mit dieser Zeit?

Hubert Weiger: Mich hat beeindruckt, dass sich deutschlandweit große Musiker dem Widerstand anschlossen. In Bayern war für mich dabei die Biermösl Blosn besonders bedeutend.

Rainer Seebauer: Im Einsatzfahrzeug gab's ja keine Musik, aber privat habe ich alles gehört. Pop, Rock. Ich war selbst Musiker, Keyboarder. Meine Favorites waren Phil Collins, Dire Straits und klar: Die Deutsche Welle war absolut in.