"Verschiedensein ist nicht langweilig": Mit dieser schlichten, doch zeitlos gültigen Moral entließ Alexander Kos-tinskij am Sonntagabend seine Zuhörer. Eine Moral, die der 68-jährige Schriftsteller nicht betroffenheitsheischend, sondern mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit in seinen Geschichten an den Mann und die Frau brachte.

Was weiß man heute noch von jiddischer Literatur? Einigen wird vielleicht Scholem Alejchem einfallen, der die Vorlage zum Musical Anatevka ("Wenn ich einmal reich wär' ...") schrieb; einige kennen die Welt der jüdischen Schtetl in Osteuropa, wie sie Manès Sperber in seinen "Wasserträgern Gottes" so eindringlich schildert. Diese Welt erlebte Kostinskij, den der Freundeskreis Höchstadt-Krasnogorsk unter Federführung von Sibylle Menzel eingeladen hatte, nicht mehr unmittelbar - doch für ihn ist das Kiewer Haus, in dem der 1946 geborene Künstler inmitten seiner jüdischen "Mischpoke" aufgewachsen ist, sein Schtetl. Ein letztes Refugium, ein Überbleibsel, denn diese jüdische Welt ist von den Nationalsozialisten fast vollständig vernichtet worden.

Auch viele Verwandte Kos-tinskijs fielen den Vernichtungsaktionen zum Opfer. Eine Tatsache, die den gütigen Mann nicht mit Hass erfüllt. Er habe, sagt er, in Deutschland, wo er seit 1992 wohnt, so viel Zuneigung erfahren, dass ihm eine pauschale Aburteilung ganz fremd ist. Vielleicht wächst diese Haltung auch aus einer jüdischen Geistestradition, speziell dem Chassidismus, die mit Krieg, Krankheit, unglaublicher Armut - "Luftmenschen" nennt Sperber die Schtetl-Bewohner, weil sie buchstäblich von nichts lebten - und immer wieder aufflackernden Pogromen zurechtkommen musste. So geht es auch in den frei vorgetragenen Erzählungen Kostinskijs um Schlamassel und kluge Rabbiner, um den guten Geist Schmulik und die Frage, ob man am Schabbes fliegen kann und darf. Und passend dazu spielten Alexander Krisch (Klarinette) und Erek Mennecke (Kontrabass) Klezmermusik.

Literarisches Ventil

Es ist die poetische Bewältigung eines tristen Alltags voller Bedrohungen, eines Alltags, wie ihn Marc Chagall gemalt hat, an den sich Kostinskij in seinen Zeichnungen orientiert. Da helfen Fantasie wie in der Geschichte vom Tischler, der mit dem Wind reden konnte, oder Witze, vom tief verehrten Großvater überliefert. In der Sowjetunion war Kostinskij auch erfolgreicher Trickfilm-Designer. Seine Muttersprache ist Russisch; der Akzent ist nicht hart, sondern bereichert eine angenehm weiche Stimme, mit der er Geschichten für Erwachsene und Kinder vorträgt. Die Kinderbücher sind kleine bibliophile Kostbarkeiten, schön gestaltet mit Illustrationen des Autors. Unaufdringlich transportieren sie eine Botschaft vom gegenseitigen Verständnis, so wie in der Geschichte vom Froschmädchen und dem Hasen.

Der "Sternenverkäufer" rehabilitiert den Träumer, die Redensart "Er hat seine grüne Katze gefunden" ist in Kostinskijs Heimat ein Synonym für eine glückliche Partnerwahl. Glücklich war auf jeden Fall, dass die Wahl des Freundeskreises auf diesen Mann gefallen ist. Den nicht unsympathischer macht, dass er sich zur aktuellen Politik in der Ukraine nicht äußern will. Ihm ist nur völlig unbegreiflich, dass bislang friedlich zusammenlebende Nachbarn übereinander herfallen. Wer könnte das auch begreifen?