Sein Lächeln verschmitzt, seine Weisheiten alt, seine Augen jung und blitzgescheit: Herbert Brunner, Oberstudiendirektor am Gymnasium Alexandrinum, wird am 12. Februar verabschiedet. Er ist nicht für "das Beenden einer Arbeit, nicht für das Beginnen eines neuen Lebensabschnitts - auch nicht für abschließende Urteile". Er mag die Worte von Bertolt Brecht, wie er zugibt. Und er mag die geistige Auseinandersetzung. Deshalb hat ihn unsere Redakteurin Christiane Lehmann im persönlichen Gespräch zum Nachdenken und ein bisschen zum Philosophieren gebracht:

Vergangenheit

Der Altphilologe A lte Denker faszinieren Herbert Brunner seit jeher. Fürs Rezitieren ist er bekannt - ebenso wie für seine Wortwahl. Gern spricht er durch die Blume und freut sich, wenn jemand in seinen Texten zwischen den Zeilen lesen kann.

Eigens für die Zeit des Umbruchs ausgewählte Zitate hat er für uns interpretiert:

"Alles, Lucilius, ist fremdes Eigentum, die Zeit allein ist unsere." Senecea Das Verhältnis des Menschen zur Zeit ist vor allem dann interessant, wenn Veränderungen anstehen. Was tue ich mit meiner Zeit? Wie nutze ich sie? Verschwende ich sie gar oder raube sie anderen? Fragen, die ich mir stelle. Ich freue mich schon sehr auf die vielen historischen Bücher über das 20. Jahrhundert, die ich demnächst lesen werde. Dazu gehört "Achterbahn" von Ian Kershaw, der die Geschichte Europas seit 1950 reflektiert.

"Ich weiß, dass ich nichts weiß." Sokrates

Da muss ich an unsere Schüler denken. Im Hinblick auf unsere jüngste Geschichte haben sie viele Defizite. Kaum einer weiß noch etwas über die Wende oder gar die Zeit davor.

"In Gesellschaft vermeide es, weitschweifig und maßlos von deinen Leistungen und Abenteuern zu reden. Denn wenn es dir auch Spaß bereitet, von deinen Abenteuern zu erzählen, so braucht es den andern noch lange nicht denselben Spaß zu bereiten, deine Erlebnisse anzuhören." Epiktet

Wir sollten viel öfter darauf achten, wie andere auf unser Reden reagieren. Es geht nicht darum, wie ich etwas meine, sondern wie es beim anderen ankommt.Viel öfter sollten wir uns in die Lage des anderen versetzen und unsere eigenen Interessen hinten anstellen - das gilt insbesondere im Schulalltag.

"Ich denke, also bin ich!" Descartes

Lange geistig fit zu bleiben, wäre schon eine Gnade. Ich denke da ganz besonders an meine 96-jährige Freundin im Ernst-Faber-Haus. Dass sie mittlerweile im Rollstuhl sitzt, ist ihr ziemlich egal. Sie ist nach wie vor ein wacher Geist, der mich mit verblüffenden Antworten immer wieder überrascht.

Gegenwart

Der Gefühlsmensch S chon an seinem eigenen ersten Schultag in der Pestalozzischule (Foto) hat er gespürt, dass das seine Welt ist. "Da wusste ich, dass ich Lehrer werden möchte", erzählt Herbert Brunner, 65, und seit 40 Jahren im Schuldienst. Er redet ruhig, lächelt viel(sagend). Das Unterrichten macht ihm heute noch am meisten Spaß. Trotzdem sagt er ganz bestimmt: "Ich werde nicht einspringen. Ich bin da jetzt raus!" Er, der wenig über sich selbst sagen mag, spricht hier mal einfach so "von der Leber weg".

Wann sind Sie ganz Ohr?

Wenn ich eine gute Predigt höre oder einen interessanten Vortrag. Schöne Musikstücke können mich begeistern, gern russische Komponisten.

Wann platzt Ihnen der Kragen?

Mich nervt Ignoranz - auch im Hinblick auf die Zeit. Zeitdiebstahl ist für mich ein Straftatbestand. Wiederholungstäter sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Herablassung als Haltung anderen gegenüber geht für mich gar nicht. So werde ich mich weder über andere Schulen auslassen, noch über Menschen herziehen, die kein Abitur haben. Oft können die nämlich viel mehr.

In welchen Momenten geht Ihnen das Herz auf?

Zum Beispiel, wenn ich einen brillanten Aufsatz lese. Wie im vergangenen Jahr bei der Abiturprüfung. Die Schülerin war im Unterricht eine brillante Zuhörerin und hat vieles umgesetzt, was sie gelernt hat. Sprache ist mir ganz wichtig. Deshalb liebe ich auch ein schönes Gedicht. Kennen Sie "Vergnügungen" von Berthold Brecht? Wunderbar! Auch Gemälde lassen mein Herz aufgehen. Ich mag die Portraits von Max Liebermann und Bilder von Edward Hopper.

Wer oder was kann Ihnen den Buckel runterutschen?

Leute, die immer wieder das Gleiche wollen, die nichts verstehen, nerven. Ich kann Besserwisserei nicht leiden. Irgendwann ist genug.

Womit möchten Sie noch Schritt halten?

Millowitsch hat einmal gesagt: Wer seiner Jugend hinterherläuft, läuft dem Alter in die Arme. Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Ich würde gern geistig fit bleiben - aber man weiß ja nie.

Zukunft

Der Ratgeber I n der Einladung zu seiner Verabschiedung zitiert Herbert Brunner ein Brecht-Gedicht. Darin heißt es sinngemäß: Er war nicht für Abrechnungen, nicht für Rache, nicht für abschließende Urteile. Also, wie wäre es dann mit ein paar guten Ratschlägen aus Erfahrung?

Was sollte jeder Schüler einmal ausprobieren?

Schüler (aber auch Lehrer) sollten versuchen, immer mal wieder die Perspektive zu wechseln und die Sicht des anderen einnehmen. Wie sieht ein Schüler den Schüler, der im Klassenzimmer vor ihm sitzt? Wer sich auch mal auf die andere Seite stellt, kann seine eigene Position besser einschätzen.

Wovon sollten sich Eltern nicht beeinflussen lassen?

Gelassenheit ist ganz wichtig. Falscher Ehrgeiz geht immer zu Lasten der Kinder. deshalb sollten sich Eltern dem gesellschaftlichen Druck nicht beugen. Nicht jedes Kind muss auf ein Gymnasium gehen. Hauptaufgabe ist es, das Kind als Individuum zu sehen - mit ganz eigenen Fähigkeiten und Talenten.

Was sollte jeder Lehrer einmal gemacht haben?

Ein guter Lehrer braucht eine gute Menschenkenntnis und eine gute Beobachtungsgabe. Deshalb wäre es sinnvoll, wenn jeder längere Zeit in einem Bereich arbeiten (oder schnuppern) würde, in dem viele unterschiedliche Menschen zusammen sind. Ich beispielsweise war bei der Bundeswehr im Sanitätsbereich. Da lernst Du schnell, wer simuliert, wer lügt, Angst hat oder stark sein möchte. Auch ein soziales Jahr könnte helfen, um die Entscheidung für den Lehrerberuf mit einem guten Gefühl zu treffen.

Was sollte sich das Kultusministerium zu Herzen nehmen?

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Schule ist "Muße". So sollte Schule auch wieder gesehen werden. In den vergangenen Jahren hat sich viel gravierend verändert. Es wäre gut, wenn für die Schüler das Ziel besser vor Augen stünde. Wohin kann ich mich orientieren? Durch die Vereinheitlichung der Prüfungsfächer ist das schwieriger geworden. Ich plädiere für geschärftere Schulprofile, damit auch Eltern besser entscheiden können, welche Schule für ihr Kind geeignet ist.