Nähert sich die Bühnenkunst dem Leinwand-Spektakel an? Das Landestheater Coburg jedenfalls greift erstmals zu einem Instrument, das ansonsten der Filmindustrie und den Kinos vorbehalten ist - der "freiwilligen Selbstkontrolle".

Auf den Werbehinweisen zur Neuinszenierung von Leos Janáceks Oper "Das schlaue Füchslein" prangt der Hinweis "Empfohlen für Menschen ab 16 Jahren". Droht den Besuchern also ein Opernabend der drastischen Art? Im Gespräch verrät das ungarische Regie- und Ausstattungsduo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, wie Oper mit Altersbeschränkung funktionieren soll.

Leos Janácek selbst hat "Das schlaue Füchslein" als "heiteres Stück mit traurigem Ende" charakterisiert. Wie sehen Sie das Werk?

Alexandra Szemerédy: Das ist ein trauriges Stück mit einem traurigen Schluss. In der deutschen Übersetzung gibt es eine Frage, die sich der Förster am Schluss wiederholt stellt: Ist das Märchen oder Wahrheit? Wir haben uns für die Wahrheit entschieden - oder zumindest versuchen wir, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Wir sehen in diesem Füchslein, dieser Füchsin, tatsächlich nicht die Füchsin, sondern Terynka. Für uns ist das wirklich ein Mädchen, das verschleppt und missbraucht wird und dann durch psychologische Hilfe ein neues Leben wagt und schließlich auch daran scheitern muss. Die Vergangenheit holt sie ein.
Magdolna Parditka: Janácek hat in diesem Stück ganz viele Themen durch die Musik angesprochen, die er mit Worten nicht unbedingt ausdrücken konnte. Er hat ganz viele unterbewusste Themen in Noten gefasst. Ich habe nie verstanden, wie man versuchen kann, diese traurige Geschichte als Kindermärchen darzustellen. Gleich zu Beginn stellt sich eine unheimliche, bedrohliche Stimmung ein. Es klingt so viel Unberechenbares, Bedrohliches und Furchtbares durch die Musik an.

Sie inszenieren "Das schlaue Füchslein" in deutscher Übersetzung. Was war der Grund für diese Entscheidung?

Alexandra Szemerédy: In dieser Oper kommt dem Text eine ganz besondere Rolle zu. Wir denken, dass wir das Thema direkter treffen, wenn wir das Stück auf Deutsch spielen lassen. Die Begegnung mit diesem Stoff geschieht doch direkter. Die Übersetzung von Peter Brenner kommt dem tschechischen Original sehr nahe - viel näher als die Übersetzung von Max Brod.
Magdolna Parditka: Außerdem gibt es in Deutschland tatsächlich die Tradition, dieses Stück auf Deutsch zu machen. Wir halten das für eine sehr gute Tradition - gerade unter dem Aspekt der Verständlichkeit.

Was hat den Ausschlag gegeben, "Das schlaue Füchslein" nicht als Tierfabel zu erzählen?

Alexandra Szemerédy: Für mich entscheidend war auch die Aggressivität des Textes. Es gibt im Text beim Förster permanent eine unterschwellige Aggression. Der Förster ist für mich auf gar keinen Fall ein jovialer, angenehmer älterer Herr mit Bauch, der gelegentlich ein paar Hasen abknallt.
Magdolna Parditka: Die Tierwelt ist nur eine Tarnung für Dinge, die man sonst nicht aussprechen würde.

Wie lässt sich Ihr Regieansatz beschreiben?

Alexandra Szemerédy: Wir haben aus dem Stück einen Psychothriller gemacht. Dabei stellt sich heraus, dass die Vertrauenspersonen des Stücks alles andere sind als fair und korrekt. Bei uns wird der Förster zum Polizeichef, der es versteht, alles zu vertuschen.

Wie sieht Ihr Ausstattungskonzept aus?

Magdolna Parditka: Wir haben uns entschieden, die reale Welt auf die Bühne zu bringen. Die reale, einfache Welt der Menschen, die in dieser Geschichte auftreten. Es fängt beim Schulmeister an, wo noch alles sehr harmonisch und glücklich zugeht. Die Szenen, die bei Janácek im Wald spielen, sind immer die Szenen, in denen das Unterbewusstsein sehr stark an die Tür klopft.

Was genau hören Sie in der Musik von Janácek?

Alexandra Szemerédy: Es klingt viel Unerwartetes an. Es gibt viele symphonische Stellen und Naturschilderungen, aber es gibt auch ganz tolle Brechungen, wo plötzlich eine ganz andere Geschichte in der Musik anfängt, wo plötzlich etwas Unterbewusstes anklingt.
Magdolna Parditka: Janácek spielt mit den Farben, er kann aus einer sehr harmonischen Heiterkeit ganz plötzlich in eine tiefe Düsterkeit wechseln. In diesem Stück gibt es eine Art böse Volkstümlichkeit.

Was kommt für Sie nach Coburg?

Magdolna Parditka: Wir werden unsere Budapester "Parsifal"-Inszenierung von 2006 wieder aufnehmen - Anfang Juni wird das sein. Und im November kommt "La Gioconda" in Innsbruck.

Haben Sie sich für den Tag nach der Premiere schon etwas vorgenommen?

Magdolna Parditka: Schlafen.
Alexandra Szemerédy: Ich lasse mir gerne noch mal alles durch den Kopf gehen - man ist sozusagen befreit und kann dann noch mal darüber nachdenken mit einem gewissen Abstand. Vielleicht nicht gleich am nächsten Tag - aber wenn man ein bisschen Distanz hat, sieht man das ganze Stück noch einmal vor sich.



Sie bringen "Das schlaue Füchslein" in Coburg auf die Bühne



Premieren-Tipp "Das schlaue Füchslein" - Oper von Leoš Ja nácek (in deutscher Sprache), Samstag, 4. Februar, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Produktionsteam
Musikalische Leitung: Roland Kluttig
Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Alexandra Szemerédy, Magdolna Parditka
Dramaturgie: Renate Liedtke
Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio
Einstudierung Kinderchor: Daniela Pfaff-Lapins

Termine 9., 16. Februar, 19.30 Uhr, 19. Februar, 15 Uhr, 21., 24. Februar, 3., 8., 11., 15. März, 29. April, 19.30 Uhr, 7. Mai, 15 Uhr

Das Regieteam Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka verbindet seit dem Studium am Béla-Bartók-Konservatorium in Budapest eine enge künstlerische Zusammenarbeit. Unter anderem inszenierte das Team auf Einladung des Dirigenten Adam Fischer in Budapest 2006 Wagners "Parsifal". Mit "Madama Butterfly" stellten sie sich im Jahr 2013 erstmals dem Coburger Publikum vor. Diese Produktion wurde für den Theaterpreis "Faust" nominiert. Im Juni 2014 brachten sie in Coburg Glucks "Orpheus und Eurydike" und die Kammeroper "Savitri" von Gustav Holst auf die Bühne. Im März 2015 feierte ihre Inszenierung von Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" Premiere am Landestheater Coburg.