Keine Kompromisse! Michael Stoschek ist einer, der sagt, was er denkt. Und der nicht davor zurückschreckt, wenn er aneckt. Deshalb war zu erwarten gewesen, dass die Rede des Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung der Brose Unternehmensgruppe beim Neujahrsempfang der Stadt Bamberg für Aufsehen sorgen würde. Und so kam es am Samstag in der Konzert- und Kongresshalle dann auch.

Vor rund 1300 Zuhörern im gut gefüllten Joseph-Keilberth-Saal brauchte er dafür nicht einmal ein spezielles Bamberger Thema - dabei hätte es für Stoschek, der sich entsprechendes Lob verbeten hatte, aber als Gönner der Stadt bezeichnet werden darf, genügend Anknüpfungspunkte gegeben: vom Basketball bis zu den Symphonikern und vom Weltkulturerbe bis zu seinem eigenen Unternehmen. Nein, diesmal ließ der Coburger mit Aussagen zu Merkels Energiepolitik aufhorchen.


Mobilitätsverhalten wird sich ändern

Um die "Zukunft der Mobilität" im Allgemeinen drehte sich seine Festrede und damit um ein Thema auch mit Bedeutung für Bamberg, da "die Stadt wirtschaftlich von der Entwicklung des Automobils stark abhängig ist". Der Chef von "Brose Fahrzeugteile" ging - untermauert durch viele Fakten und Zahlen - auf Trends wie Konnektivität, autonomes Fahren und Carsharing ein, die alle "unser Mobilitätsverhalten ändern werden".

Am intensivsten widmete er sich jedoch der Elektro-Mobilität, äußerte Zweifel am raschen Siegeszug dieser Technologie und prognostizierte dem Verbrennungsmotor noch eine längere Zukunft. Ein wesentliches Problem für Elektro-Autos sei die Speicherung der Energie: "Batterien benötigen viel Platz, sind schwer, teuer, haben eine begrenzte Lebensdauer und sind schwierig zu entsorgen." Viel entscheidender sei für ihn jedoch die Frage: "Woher soll die Energie für diese Antriebstechnik eigentlich kommen?"

Das durch erneuerbare Energien erzeugte Stromvolumen reiche schon jetzt nicht aus, den Bedarf hierzulande zu decken. "Und schon gar nicht für eine flächendeckende Elektro-Mobilität in Deutschland", betont Stoschek. "Die traurige Konsequenz ist, jeder bei uns gefahrene Kilometer mit einem Elektro-Auto schadet der Umwelt mehr als mit einem Verbrennungsmotor, zumal dessen Immission im Laufe der nächsten Jahre weiter deutlich verringert wird." Damit trat er unter anderem einem Mann in der ersten Zuschauer-Reihe auf die Füße: Erzbischof Ludwig Schick war nämlich im E-Mobil zum Empfang gekommen.


Der Ausstieg vom Ausstieg?

Stoschek ließ nun durchblicken, dass er die Abkehr von der Kernenergie, der "saubersten Technologie der Stromerzeugung", für eine emotionale und keine nüchtern-sachliche Entscheidung hält. Provokant äußerte er: "Ob die nächste Bundesregierung vor diesem Hintergrund doch noch einmal über den Ausstieg vom Ausstieg nachdenkt, wird interessant zu beobachten sein."

An dieser Stelle platzte der GAL-Stadträtin Ursula Sowa, die zuvor schon einmal verhalten gebuht hatte, der Kragen: "Ganz bestimmt nicht!", rief die ehemalige Grüne Bundestagsabgeordnete dazwischen. Wenig später bezeichnete ihre Partei auf Facebook die Veranstaltung als "Neujahrsempfang 1987" und urteilte: "Die Rezepte des 20. Jahrhunderts werden nicht die Rezepte für die Zukunft sein."


Völlig ausgeschlossen

Auch die aktuellen Bundestagsabgeordneten der Region schüttelten den Kopf zu diesem Teil der Rede. Andreas Schwarz (SPD) billigt Michael Stoschek eine "persönliche Meinung" zu, aber ein Ausstieg vom Ausstieg würde schon in der Gesellschaft überhaupt keine Mehrheit finden. Auch sein Kollege Thomas Silberhorn (CSU) betont: "Den wird es nicht geben!" Richtig sei jedoch die Feststellung: "Die Elektromotoren werden sich im Automobil nur dann besser rechnen, wenn die Energie dafür aus erneuerbaren Energieträgern kommt und nicht aus fossilen." Insgesamt wertete der CSU-Abgeordnete die Rede als "realistische Analyse", während Schwarz viele "spannende, interessante Aspekte" darin entdeckt hatte.

Bei den offiziellen Schlussworten - OB Andreas Starke (SPD) hatte die Begrüßung übernommen - dankte Bürgermeister Christian Lange (CSU) dem Coburger Unternehmer, der im Dezember seinen 70. Geburtstag feiert, für den "Blick in die Zukunft". Und er sei sich sicher: Stoschek werde "auch weiterhin die Finger in die Wunde legen". Schließlich werde er genau dafür geschätzt.


Ausführliche Stimmen zur Rede

Thomas Silberhorn (MdB, CSU): "Stoschek hat mit einer universellen Perspektive die Entwicklung der Mobilität betrachtet und sehr auf die Fakten geachtet. Er hat eine realistische Analyse geboten. Er hat aber nicht nur die Fakten gesehen, sondern auch die Emotionen bewertet, die für ihn als Unternehmer auch Konsequenzen haben. Ich teile, die Einschätzung von Herrn Stoschek zur Urbanisierung - sie wird dazu führen, dass in den Städten nicht mehr jeder ein eigenes Auto hat, sondern sie werden individuell angefordert werden. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die Industrie auf diese Entwicklung einstellen wird. Einen Ausstieg vom Ausstieg von der Kernenergie wird es allerdings nicht geben. Wenn wir die Gefährdungen einpreisen, stellen wir fest, dass die Kernenergie deutlich teurer kommt, als sie bisher immer alle gerechnet haben. Und die Konsequenz, die Herr Stoschek aufgezeigt hat, ist allgemein bekannt und auch richtig: Die Elektromotoren werden sich im Automobil nur dann besser rechnen, wenn die Energie dafür aus erneuerbaren Energieträgern kommt und nicht aus fossilen."

Andreas Schwarz (MdB, SPD): "Die Rede war interessant, spannend, was Atomkraft betrifft war der Blick sehr, sehr zurückgewandt. Ansonsten waren im Ausblick, den er da gegeben hat, sehr spannende, interessante Aspekte, die der Politik, auch der Kommunalpolitik Hausaufgaben geben. Über den Ausstieg vom Ausstieg bei der Atomkraft brauchen wir nicht mehr nachdenken, das findet auch in der Gesellschaft überhaupt keine Mehrheit mehr, jetzt wieder auf Atomkraft zu setzen. Das war eine Idee von Herrn Stoschek, eine persönliche Meinung, die steht ihm zu, aber in Berlin wird das nicht mehr Thema werden."

Johann Kalb (Landrat, CSU): "Wie man halt den Herrn Stoschek kennt: Er formuliert sehr klar und hat immer Botschaften mit auf dem Weg zu geben. Und das sehr kritisch, was wir auch an ihm schätzen. Mit Carsharing hat er ein Thema angesprochen, das erstens wichtig ist und dass wir zweitens auch bei uns im Landkreis Bamberg erkannt haben. Wir begleiten das Thema E-Mobilität plus Carsharing ja sehr intensiv. Das ist sicherlich ein Weg der Zukunft, da gibt es noch viel, viel zu tun, aber man muss halt anfangen - einen Schritt nach dem anderen."

Andreas Starke (Oberbürgermeister, SPD): "Zur Atomkraft habe ich eine andere Meinung, nämlich dass das Thema passé ist. Am besten wäre es natürlich, wenn wir eine technologische Weiterentwicklung erleben, so dass sich aus Wind, Wasser und Sonne so viel Strom erzeugen lässt, dass diese Energiequellen ausreichen, um die Elektromobilität zu ermöglichen. Das wäre unsere Wunschvorstellung, aber davon sind wir offensichtlich noch weit entfernt, wie wir gelernt haben. Trotzdem glaube ich, dass bei der Atomenergie der Point of no Return überschritten ist. Es wird hier keine Änderung geben, auch wenn sie Herr Stoschek angemahnt hat.


Kommentar: Von Anstand und Haltung

von Michael Memmel

"Quiet please", heißt es in diesen Tagen wieder bei den Australian Open in Melbourne, wenn das Publikum zwischen den Ballwechseln zu viel tuschelt und hineinruft. Die Spieler stehen im Mittelpunkt, nicht die Zuschauer.

Einen der wie der Schiedsrichter beim Tennis streng um Ruhe bittet, hätte man sich auch am Samstag beim Neujahrsempfang der Stadt gewünscht. Keiner muss den Thesen von Festredner Michael Stoschek beipflichten. Es darf kommentiert und kritisiert werden - aber nicht postwendend. Der Anstand gebührt, den Hauptakteur ausreden zu lassen. Für Widerspruch ist danach noch reichlich Raum, und die eigene Homepage, soziale Netzwerke und die Zeitung garantieren im Nachgang genug Aufmerksamkeit.

Das ist auch kein Widerspruch zu dem von Oberbürgermeister Andreas Starke eingangs proklamierten "Jahr der Haltung", in dem Zivilcourage gefordert sei. Schließlich stand am Rednerpult kein Demagoge à la Björn Höcke, der in seinen Ansprachen wesentliche Punkte unserer Demokratie torpediert, sondern ein angesehener, erfolgreicher Unternehmer. Und die Abkehr von der Kernenergie ist keineswegs im Grundgesetz verankert.