Zu einem Kriminalstück hat sich der Tod von zwei Jungstörchen im zurückliegenden Sommer entwickelt. Eine toxikologische Untersuchung der Vögel im Auftrag des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) hat in den beiden Vögeln das Nervengift "Promecarb" nachgewiesen. Dabei handelt es sich um ein Gift, das seit langer Zeit EU-weit verboten ist. Dr. Andreas von Lindeiner, LBV-Landesfachbeauftragter Naturschutz, spricht von 2002, andere Quellen im Internet sogar vom Jahr 1992.

Futterköder?

Wie genau das Gift in die Blutbahn der Tiere gekommen ist, vermag noch niemand zu sagen. Klar: Grundsätzlich könnte dies über mit Gift präparierte Futterköder geschehen sein, sagt Frank Reißenweber, der Vorsitzende im Kreisverband Coburg des LBV. Aber mal ehrlich, wundert sich der Diplom-Biologe: "Wer soll den schon Interesse daran haben, Weißstörche zu vergiften?" Noch dazu mit "Promecarb"? Das Gift wurde früher oft in Kombination mit Lindan zur Insektenbekämpfung eingesetzt, darf aber schon seit ewigen Zeiten nicht mehr verwendet werden. "Selbst im Internet ist es nicht oder nur extrem schwer finden", sagt Reißenweber. Es bleibe also nur die Vermutung, dass da jemand mit Restbeständen rumhantiert haben muss.

Kontrollen bei Landwirten

Ein Landwirt kann es kaum gewesen sein. Alleine schon deshalb, weil "Promecarb" in Agrarbereichen eingesetzt wurde, die im Coburger Land keine Rolle spielten. Hans Rebelein, erfahrener Landwirt und Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes in Coburg, kennt zum Beispiel "Promecarb" gar nicht. In einem Lager eines Landwirtes kann das Gift wohl auch kaum gestanden haben. Die Bauern sind nämlich schon seit Jahrzehnten dazu verpflichtet, ihre Bestände und Lagerräume überprüfen zu lassen. Wäre da irgendwo noch "Promecarb" herumgestanden, wäre das bei einer Kontrolle auf jeden Fall aufgefallen und hätte eine Strafe nach sich gezogen.

Rückblick: Als die zwei Jungvögel im August tot aufgefunden wurden, kamen bei einer Untersuchung beim LGL zahlreiche innere Verletzungen und Blutungen zutage - unter anderem an Lunge, Nieren und Leber. Um zu klären, woher die Verletzungen stammten, zog der LBV daraufhin die Ludwig-Maximilians-Universität München hinzu. "Promecarb ist ein sogenannter Acetylcholinesterase-Inhibitor, ein reversibles Nerventoxin, das die Übertragung von Signalen in den Nerven blockiert und in hohen Dosen zu Anfällen und Tod führen kann", erklärt Dr. Andreas von Lindeiner.

Wo der "Tatort" gewesen sein könnte

Der LBV Coburg hat nun Anzeige bei der Polizei erstattet. Da nach wie vor völlig unklar ist, wie das verbotene Nervengift "Promecarb" in die Körper der beiden Störche gelangt sein könnte, bitten die Vogelschützer alle Bürger im Coburger Land um Mithilfe und konkrete Hinweise. "Wir vermuten, dass jemand gezielt Giftköder gegen Fuchs, Rabenvögel, aasfressende Greifvögel präpariert und ausgelegt hat oder Hunde vergiften wollte", sagt Hans Schönecker, der ehrenamtliche Storchenbeauftragte beim Coburger LBV. Als "Tatort" der Vergiftung kommt ein relativ eng begrenzter Raum rund um den Storchenhorst am Dörfleser Ortseingang infrage. "Die Vögel sind am liebsten in einem Zwei-Kilometer-Umkreis rund um ihr Nest unterwegs", erklärt Frank Reißenweber. Da sich westlich des Horstes das Coburger Stadtgebiet befindet, betrifft dies in erster Linie Dörfles-Esbach, die Wiesen rund um die Rosenau in Rödental und den bei Fußgängern beliebten Weg Richtung Bausenberg.

Die Coburger Vogelschützer gehen übrigens davon aus, dass es neben den zwei nachgewiesenen Gift-Todesfällen noch ein weiteres derartiges Ereignis gibt: Einer der beiden Altstörche wurde im August von heute auf morgen nicht mehr am Horst gesehen. Da ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch der Vogel irgendwo an "Promecarb" zugrunde gegangen ist.