Über 600 Besucher bei vier Leseabenden, das ist erneut ein eindrucksvolles Ergebnis für "Coburg liest", die Besucher der beliebten Landestheater-Reihe "Literatur in den Häusern unserer Stadt" noch gar nicht gerechnet. Die 13. Coburger Literaturtage gingen am Donnerstag zu Ende mit dem klang-verrückten Auftritt der in dieser Art wohl einmaligen Lyrikerin Nora Gomringer und ihrem Stimmungszauberer am Schlagzeug, Philipp Scholz. Auch der Saal des Kunstvereines war voll, das Publikum hingerissen. Wie auch nicht, angesichts solch verblüffenden Wortsanges. Ihnen vorausgegangen waren der Roman-Marathon, die beeindruckende Eva Gesine Baur und Martin Walser.


Die Organisatoren von "Coburg liest", der Literaturkreis, die Buchhandlung Riemann, die Volkshochschule und das Landestheater, unterstützt von einigen unverwüstlichen Einzelkämpfern, sind rundum zufrieden, ja glücklich, wie es Alois Schnitzer gegenüber dem Tageblatt sagte.


Bei den Verlagen hat Coburg mittlerweile einen herausragenden Ruf. Die Autoren kommen sehr gerne, weil sie hier auf ganz besondere Stimmung und Resonanz stoßen. "Coburg liest" hat offensichtlich keinerlei Mühe mehr, die Autoren zu bekommen, die man haben möchte.


Krönendes Finale

Man muss darüber nachdenken, ob für den Roman-Marathon ein größerer Veranstaltungsraum gesucht werden soll. Aber irgendwie hängt man an der Reithalle mit eben dieser Stimmung, aber eben auch nur 99 Plätzen. Schon Wochen vorher ausverkauft, wissen die Leute mittlerweile, dass ihnen dort Neues, Ungewöhnliches, Berührendes geboten wird. Heuer waren es Ursula März, Matthias Nawrat und Abbas Khider. Welch größeres Kompliment gibt es für Organisatoren, wenn am Ende eines Festivals schon wieder fiebrig nach dem Programm des nächsten gefragt wird.


Zum krönenden Schluss der Coburger Literaturtage 2016 also nun noch Nora Gomringer. Die mögen viele ja immer noch unter Vertreterin des Poetslams einstufen, zu dessen Etablierung sie Wesentliches geleistet hat. Mal davon abgesehen, dass diese frische und wagemutige Form literarischer Betätigung nicht unterschätzt werden darf.


Aber das begabte, freche Mädel Nora Gomringer hat sich zur wahrlich großen Diva ihrer eigenen Kunst entwickelt. Die literarische Adelung erhielt sie letztes Jahr mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises.
Aber erst wer sie live erlebt hat, weiß, was "Nora Gomringer" bedeutet den Abflug der Sprache in den freien Klangweltraum.


Verblüffende Wirkungen

Dass sie als Tochter des Schweizer Dichters und früheren Professors an der Düsseldorfer Kunstakademie, Eugen Gomringer, dessen Wortschöpfungen sie auch vorträgt, in der Nähe von Hof aufgewachsen ist, in Bamberg studiert hat und als Leiterin der Villa Concordia in Bamberg bewusst "eine von uns Oberfranken" geblieben ist, statt modisch nach Berlin zu ziehen, rührt uns hier natürlich ganz besonders.


Nora Gomringer kann in ihren Gedichten in aller Kürze große Geschichten herbeirufen, atmosphärisch sofort von Anfang bis Ende präsent, in tiefer Nachdenklichkeit oder übermütigem Lachen, in philosophischer Tiefe oder kindlicher Offenheit für das Leben. "Fortziehen, Geister vergessen" etwa, und die Freundin sagt süffisant: "Die kommen nach."


Wie einfache Worte, pure Worte plötzlich befreit vor uns stehen und auf uns wirken: "Sprich die raren Dinge."
Nun aber kommt die machtvolle Sprechkünstlerin, suggestive Schauspielerin, die Sängerin mit voller, weit greifender Stimme dazu, die experimentell mit Lauten, Buchstaben, Tönen, Wort und Sinn jongliert, nicht nur assistiert, sondern im Wechselspiel mit dem ganz zart agierenden Philipp Scholz, der schon ausgezeichnet ist mit dem Münchner Jazz-Preis. Was aus dem wohl noch wird, wenn er sein Leipziger Meisterstudium abgeschlossen hat?
Verblüffende Wirkungen, die Ernst Jandl, den Gomringer auch gerne vorträgt, weit hinter sich lassen. Allen Gehalt von Dingen, Gedanken, Zuständen in einem klingenden Wort, einem Klang zu entfalten, ist ihr Bestreben, "Artikulationsanomalien zur Effektsteigerung" gerne nutzend. Es geht aber eben nicht um puren Sound, es geht um den Geist der Dinge, der klingt.
Mit verblüfftem Staunen hört man "wie Deutsch klingt". Das ist so treffend analysiert, so Geschichte reflektiert, so uns treffend in unserer Eigenheit, selbstverständlich sehr wohl ironisierend, und gleichzeitig so schön. Oder lassen Sie sich mal die Bremer Stadtmusikanten, diese vier Viecher in heutiger Version von Nora Gomringer erzählen. Oder die Wanderung einer Wanderunwilligen in den Schweizer Bergen, wo sie einem sprechenden Hermelin begegnet, einem mit nur ganz kleinem Sprachfehler sprechenden Hermelin.
Ach, wieder einmal und erst Recht bei Nora Gomringer scheitert jede Berichterstattung über derlei Kunst. Man muss sie selbst hören.