Bamberg/CoburgEs gibt Momente, die vergisst man nicht. Für Moritz Plescher war es der, als er 2017 vom Angebot aus Bamberg erfuhr. "Ich war damals für ein Jahr in den USA und gerade auf dem Weg zu einem High-School-Spiel, als mir meine Mutter vom Bamberger Interesse geschrieben hat. Ich habe als kleiner Junge damals in der Zeit unter Chris Fleming viele Bamberg-Spiele im Fernsehen gesehen. Dass mich dann dieser Klub wollte, war für mich fast ein kleiner Schock", erzählt der inzwischen 20-Jährige. Die Frage, ob Plescher nach seinem Austauschjahr in Ohio seinen Aufenthalt in den USA verlängert und das College anstrebt oder wieder in die Heimat geht, war damit schnell beantwortet.

Der Shooting Guard entwickelte sich in der Nachwuchs-Bundesliga (NBBL) zum Leistungsträger und hatte großen Anteil an der Bamberger Vizemeisterschaft 2019. In der vergangenen Saison mauserte sich der 1,95 Meter große Plescher zu einer Stütze im Baunacher ProB-Team und feierte im Januar 2020 in der Champions League gegen Riga sein Debüt im Brose-Trikot. Seit dem Finalturnier in München im Juni ist er fester Bestandteil des Bamberger Bundesliga-Teams. Beim neuen Kooperationspartner BBC Coburg nimmt der gebürtige Mettmanner (Nordrhein-Westfalen) eine Schlüsselrolle ein.

Die Familie

Während Moritz noch dabei ist, sich einen Namen in der Basketball-Welt zu machen, hat dies seine Mutter, Birgit Plescher (Mädchenname: Schlung), in den 80er- und 90er-Jahren als Profispielerin bereits geschafft. Die heute 54-Jährige bestritt 130 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft, war teilweise sogar Kapitänin. In der Bundesliga war sie unter anderem für ihre Geburtsstadt Aschaffenburg, Düsseldorf und Wuppertal aktiv und gewann fünf deutsche Meisterschaften.

Auch nach ihrer aktiven Karriere blieb sie dem Basketball treu und trainierte neben ihrem Beruf als Krankenschwester unterschiedliche Mannschaften. "Ich war schon mit zwei, drei Jahren mit in der Halle und habe im Geräteraum auf kleine Körbe geworfen. Mir hat es direkt gefallen. Gezwungen, Basketball zu spielen, wurden wir nie", sagt Moritz Plescher. Mit "wir" meint der 20-Jährige seinen vier Jahre älteren Bruder Felix und seine zwei Jahre ältere Schwester Caro, die der Sportart ebenso verfallen sind. Vater Wolfgang ist Chirurg in Duisburg und begleitet seit vielen Jahren im Sommer als Teamarzt deutsche Jugend-Nationalmannschaften. "Er ist aber nur Fan. Selbst gespielt hat er Volleyball, unter anderem in der ersten französischen Liga", erklärt Moritz Plescher, der sich im Alter von elf Jahren endgültig für Basketball entschied - bis dahin spielte er auch noch Fußball.

In der Halle in Mettmann war seine Mutter immer die erste Ansprechpartnerin. "Wirklich trainiert hat sie mich nur eine Saison, da haben wir uns auch mal gestritten, aber das ist ja normal. Sie hat mir sehr beim Wurf geholfen. Regelmäßige Ratschläge von einer ehemaligen Profispielerin helfen einem schon sehr."

Der Lebenstraum

Für eine gewisse Zeit in den USA leben: Ein Lebenstraum für Moritz Plescher, den er sich nach der zehnten Klasse mit einem Austauschjahr bei Akron im Bundesstaat Ohio bei einer Gastfamilie erfüllte. "Mein Bruder war zuvor bereits in den USA, er hat mich inspiriert. Die USA sind das Land des Basketballs, ich mochte die Musik, die Sprache, die Kultur."

Und er mochte einen Basketballer ganz besonders: LeBron James. Und seine Schule, die Copley High School, war mitten im Hoheitsgebiet des "Königs", der nicht nur dort geboren und aufgewachsen ist, sondern zu der Zeit im nur 30 Meilen entfernten Cleveland spielte. "Meine Schule war fünf Autominuten von seinem Haus entfernt, wir sind einige Male vorbeigefahren. Wir haben ihn dort zwar nicht gesehen, waren aber einige Male bei Heimspielen der Cavaliers", sagt Plescher.

Was ihm besonders an "King" James imponiert? "Spieler werden ja normalerweise älter, nur bei ihm merkt man davon einfach nichts." Konstant hoch bleiben nicht nur seine Leistungen, sondern auch sein Kontostand. Jüngst unterzeichnete der bald 36-Jährige einen neuen Zwei-Jahres-Vertrag bei den Los Angeles Lakers, der mit 85 Millionen US-Dollar dotiert ist. "Das ist Geld, das in dem System drin ist. Man muss auch sehen, was er für die Franchise leistet und wie viel Druck auf ihn lastet", sagt Plescher. "Aber über solche Summen mache ich mir eigentlich keine Gedanken. Für mich persönlich spielt Geld jetzt noch keine große Rolle. Mir geht es aktuell um den Spaß und darum, mich zu verbessern."

Die sportliche Rolle

Verbessern soll sich Plescher vor allem in seinen Einsätzen für den Kooperationspartner BBC Coburg. Da die Basketball-Bundesliga (BBL) ihr Hygienekonzept kürzlich überarbeitete, dürfen Plescher und die anderen Doppellizenzspieler Mateo Seric und Elias Baggette aber aktuell nur bei ihrem "Stammverein", Brose Bamberg, trainieren. In der Vorbereitung und zu Saisonbeginn war das Trio noch bei je zwei BBC-Einheiten pro Woche dabei.

Für Plescher aber nur bedingt ein Problem, da er mehr als die Hälfte seiner Coburger Kollegen bereits aus seiner Zeit in der NBBL oder Baunach kennt. "Das Wichtigste ist, dass Moritz charakterlich in die Mannschaft passt. Er ist ein Spieler, der ständig besser werden will und sehr zielstrebig ist. Dass er dann auch noch ein gewisses Talent mitbringt, ist Glück", sagt BBC-Coach Valentino Lott und ergänzt: "Dazu ist er ein sehr selbstbewusster Typ, was man unter anderem an den elf Dreierversuchen zuletzt gegen Dresden sehen konnte." Plescher traf an besagtem Nachmittag nur drei Dreier (insgesamt 4 von 18 aus dem Feld) und leistete sich fünf Ballverluste. Eine Woche zuvor hatte er beim klaren Heimsieg über Speyer eine Gala abgeliefert und seine Vielseitigkeit unterstrichen: 20 Punkte, neun Assists, sechs Rebounds und drei Steals ergaben einen Effektivitätswert von 32. Schwankende Leistungen, die Lott bei seinen Talenten einkalkuliert.

Noch nicht einkalkulieren kann Plescher Spielminuten in der Bundesliga. Nach seinem Champions-League-Debüt im Januar, bei dem er einen Wurf traf, kam der 20-Jährige danach noch auf fünf Kurzeinsätze in der BBL und im Pokal. "Wenn man auf dem Niveau einmal einen Wurf trifft und die Fans einem zujubeln, ist man hungrig und will im Training noch härter arbeiten."

Etwas mehr im Fokus als sonst stand Plescher bei den Einheiten in den vergangenen zwei Wochen, als fünf Brose-Akteure bei ihren Nationalmannschaften weilten. "Ich denke schon, dass es eine Chance war, mich ein bisschen zu empfehlen und zu zeigen, dass ich mithalten kann." Und das kann er anscheinend, immerhin gelangen Plescher im Testspiel gegen Frankfurt neun Punkte. "Coach Roijakkers wird nicht davor zurückschrecken, mich auch mal in einem Pflichtspiel einzuwechseln. Aber Druck mache ich mir keinen. Klar ist, dass ich mich weiter im Training beweisen muss. Besonders in der Defense muss ich besser werden."

Das Private

2019 machte Plescher sein Abitur am Kaiser-Heinrich-Gymnasium in Bamberg. Vor kurzem verließ er das Sportinternat im Bamberger Aufseesianum und zog in seine erste eigene Wohnung. "Das ist schon eine Umstellung, aber viele Sachen neu zu entdecken, macht schon Spaß. Ich liebe es, zu kochen. Am besten kann ich Thai-Curry", gibt er preis. Das amerikanische Essen vermisst er nicht. "Ab und zu schicken mir meine alten Freunde mal ein Paket, aber generell ist Fast Food für mich keine Option. Ich esse so viel Salat und Gemüse wie es nur geht."

Wenn es um weitere Freizeitbeschäftigungen geht, bleibt Plescher allerdings seinem Lieblingsland treu. Um vom Basketball-Alltag abzuschalten, hört er amerikanischen Rap oder schaut eine Serie an, die lange vor seiner Geburt abgedreht wurde: Fresh Prince of Bel-Air. "Ich habe die Serie erst neulich entdeckt und die sechs Staffeln sehr schnell durchgeschaut. Ich liebe Will Smith, das ist genau mein Humor."