Die ältere Frau, die am Mittwoch auf dem Wochenmarkt Obst und Gemüse einkauft, wirkt verunsichert. Als sie plötzlich eine Gruppe wichtig aussehender Menschen erblickt, nutzt sie diese Chance beim Schopfe: "Unser Markt muss fei scho bleiben!" Louay Yassin, Pressesprecher der Stadt, versucht zu beruhigen: "Das tut er doch auch! Und wir wollen ihn sogar noch schöner machen." Mit "wir" meint Yassin unter anderem Oberbürgermeister Dominik Sauerteig (SPD) sowie Thomas Egger.

Der aus Linz stammende Egger ist ein Spezialist für Wochenmärkte. Auf der Referenzliste seines Beratungsunternehmens stehen 200 Städte, in denen er entweder bestehende Wochenmärkte optimiert oder gar neue Märkte "von 0 auf 100", wie er es nennt, komplett neu aufgebaut hat.

Das Fundament ist "super"

In Coburg muss nicht bei Null angefangen werden. Thomas Egger stuft den Wochenmarkt in seiner jetzigen Form sogar bei "etwa 90" ein. Doch der Experte weiß natürlich auch um die Zukunftsängste der Marktbeschicker. Am vergangen Samstag hatten diese einen Sarg zwischen ihren Ständen platziert - als "Mahnmal", dass der Wochenmarkt zu sterben drohe, falls sich nicht die Rahmenbedingungen verbessern.

Während sich die Marktbeschicker vor allem zusätzliche kostenlose Kurzzeit-Parkplätze in der Nähe wünschen, sieht Thomas Egger die Herausforderungen sehr viel umfassender. Unterstützt wird er darin von der Stadtspitze. So sagt Louay Yassin: "Der Wochenmarkt wird nicht alleine durch Parkplätze gestützt, sondern durch ein Gesamtkonzept." Egger geht noch einen Schritt weiter: "Das Marktwesen und die Nahversorgung müssen im Kontext der Stadtentwicklung gesehen werden." Für den Coburger Wochenmarkt sieht er diesbezüglich gleich aus mehreren Gründen eine gute Zukunft. So bezeichnet er das "Fundament" aus Lage und Ambiente als "super". Hinzu komme, dass in der direkten Innenstadt in den vergangenen Jahren einiges an Nahversorgung weggebrochen sei. Gleichzeitig müsse festgestellt werden, dass viele der Kunden immer älter werden. Aber wie können jüngere Menschen, die Supermärkte auf der grünen Wiese sowie vor allem auch Online-Shopping seit jeher gewohnt sind, angelockt werden?

"Zu jedem Trend gibt es einen Gegentrend", sagt Thomas Egger, "und der Gegentrend zur Digitalisierung ist eine ,neue Menschlichkeit‘." Und wo sei diese "neue Menschlichkeit" besser zu greifen als auf einem Wochenmarkt, der nicht nur für ein Einkaufserlebnis stehe, sondern eben auch ein Treffpunkt sei. Ohnehin sollten Innenstädte verstärkt auf den "Faktor Humanisierung" setzen - ohne dabei die Digitalisierung völlig auszublenden. "Natürlich muss der Wochenmarkt auch online beworben werden", so Egger. Ebenso könnte nachgedacht werden, ob Beschicker auch Waren nach Hause liefern, die zuvor im Internet bestellt wird.

Ja, Thomas Egger hat bereits einige erste Ideen, wie der Coburger Wochenmarkt attraktiver gestaltet werden könnte (siehe dazu auch Auflistung am Ende dieses Textes). Doch er will nicht zu sehr vorpreschen: "Ich bin nicht der Besserwisser von außen!" Stattdessen sehe er sich als "Coach" und "Prozessbegleiter". In diesen Prozess, an dessen Ende ein Bündel an Maßnahmen stehen wird, sollen möglichst viele Menschen einbezogen werden: Außer den Beschickern des Wochenmarkts und des Bauernmarkts etwa auch Einzelhändler, Gastronomen, Coburg Marketing oder die Wifög. Eine entsprechende Projektgruppe soll erstmals im September tagen. Auch ist eine Umfrage sowohl unter den Marktbeschickern als auch der Bevölkerung geplant. "Spätestens im kommenden Frühjahr wollen wir mit dem Wochenmarkt neu durchstarten", so Egger.

Heftige Diskussion im Internet

Bereits am Donnerstag (6. August) wird Dominik Sauerteig die Vorsitzende der Coburger Marktkaufleute, Claudia Hartan, zu einem Gespräch empfangen. Das Gespräch geht auf eine Initiative von Sauerteig zurück, nachdem es am vergangenen Wochenende im Internet (Facebook) sehr heftige Diskussionen rund um den Wochenmarkt gab.

Auf welche ungewöhnliche Weise die Beschicker des Wochenmarkts am vergangenen Samstag ihrem Unmut Luft gemacht haben, lesen Sie hier

Apropos: Dem Oberbürgermeister ist die Feststellung wichtig, dass man sich im Rathaus bereits seit geraumer Zeit Gedanken darüber macht, wie die Existenz des Wochenmarkts dauerhaft gesichert werden kann. So sei die Erstellung eines Konzepts schon von seinem Vorgänger auf den Weg gebracht worden. Der erstmalige Besuch von Thomas Egger in Coburg und damit verbunden auch das Pressegespräch am Mittwoch seien deshalb keine Reaktion auf die Sarg-Aktion am vergangenen Samstag. Doch Dominik Sauerteig hofft, dass die Erläuterungen Eggers einen "Beitrag zur Versachlichung" darstellen können. "Wir wollen gemeinsam ein gutes Konzept auf die Beine stellen!"

Erste Ideen für einen attraktiveren Wochenmarkt

Als Thomas Egger am Dienstag zum ersten Mal nach Coburg kam, lief er auch über den Marktplatz. Ein paar Händler verkauften dort Obst und Gemüse - "auf Tapeziertischen und aus Boxen, die vor Autos standen". Sein Kommentar dazu: "Naja..." Am Mittwoch sah die Welt beim "richtigen" Wochenmarkt allerdings schon deutlich besser aus. "Heute bin ich begeistert", sagte Thomas Egger beim Pressegespräch, wobei speziell bei der Produktpräsentation immer noch "Luft nach oben" sei. Seine Devise: "Es geht darum, Weltmeister der Kleinigkeiten zu werden!"

Mit Blick auf die Corona-Krise ("Die wirkt bei vielen Problemen wie ein Brandbeschleuniger!") drückt Egger aufs Tempo: "Wir brauchen schnelle Erfolge, ohne dabei die mittel- und langfristigen sowie die nachhaltigen Ziele zu vernachlässigen."

Und wie können schnelle Erfolge erzielt werden? Zunächst einmal machte Egger am Mittwoch deutlich, dass es nicht nur darum gehe, die Besucherfrequenz zu erhöhen. "Wichtig ist, die Aufenthaltsdauer des Einzelnen zu verlängern." Denn: "Wer länger bleibt, gibt auch mehr Geld aus und kommt wieder."

Trotzdem möchte Egger neue Zielgruppen für den Wochenmarkt gewinnen. Gelingen könnte dies durch zusätzliche Aktivitäten - seine Ideen reichen von "Frühstück am Markt" oder einem Biergarten bis zum Schaffen von Verweil- und Ruhezonen sowie einem Kinderspielbereich. Außerdem sollte es ein Mal im Monat eine Attraktion geben, die über das normale Marktgeschehen hinausgeht.

Das Thema Parkplätze, das den Marktbeschickern so am Herzen liegt, will Egger zwar ebenfalls aufgreifen. Aber: "Wir dürfen dieses Thema nicht nur für den Wochenmarkt sehen, sondern für die ganze Innenstadt." Und: "Parken hat nicht nur mit Parkplätzen zu tun, sondern auch mit einem Park-Leitsystem." Selbiges wird in Coburg derzeit ohnehin überarbeitet.

Ob die Zeiten des Wochenmarkts verändert werden sollten, vermag Egger noch nicht einzuschätzen. Grundsätzlich warnt er: "An den Marktzeiten muss vorsichtig gedreht werden, weil das viel mit Tradition zu tun hat." Gleichwohl hält er es für "ungünstig", dass derzeit die Stände bereits um 13 Uhr abgebaut werden. Doch an dieser Stelle schließt die nächste Herausforderung an: Wenn die Beschicker länger stehen bleiben sollen, dann muss sich diese zusätzliche Zeit auch wirtschaftlich lohnen - mal abgesehen von der körperlichen Belastung der oft etwas älteren Beschicker.

Impuls für gesamte Innenstadt

Dass sich eine Investition in den Wochenmarkt lohnt, steht für Egger außer Frage: "Das Marktwesen zählt zu den stärksten und nachhaltigsten Frequenzbringern einer Innenstadt." Die Erfahrung zeige, dass jemand, der 30 Euro auf dem Wochenmarkt ausgibt, noch weitere 60 Euro im umliegenden Einzelhandel oder der Gastronomie ausgebe."