Coburg
Interview

"Rosenkavalier" in Coburg: Eine Komödie mit Trauerrand

Was kann "Der Rosenkavalier" Menschen des 21. Jahrhunderts noch sagen? Gast-Regisseur Jakob Peters-Messer im Gespräch.
Regisseur Jakob Peters-Messer bei der Probenarbeit am "Rosenkavalier" Die "Komödie für Musik" feiert am 6. März Premiere. Foto: Andrea Kremper
Regisseur Jakob Peters-Messer bei der Probenarbeit am "Rosenkavalier" Die "Komödie für Musik" feiert am 6. März Premiere. Foto: Andrea Kremper
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Jakob Peters-Messer ist ein gefragter Regisseur. Erst vor wenigen Wochen brachte er Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt" in Magdeburg auf die Bühne. Jetzt kehrt er mit dem "Rosenkavalier" zurück ans Landestheater Coburg (Premiere: Sonntag, 6. März, 17 Uhr), wo er bereits mit Glucks "Iphigenie auf Tauris", Händels "Rinaldo" und zuletzt mit Debussys "Pelléas et Mélisande" große Beachtung fand.

Wann ist Ihnen "Der Rosenkavalier" zum ersten Mal begegnet?
Jakob Peters-Messer: Im Studium galten nur "Salome" und "Elektra", der Rest war als reaktionär verpönt. Otto Schenks "Rosenkavalier" aber ist so stilbildend wie zur Urauffführung die Entwürfe Rollers: ein Blick auf eine vergangene Epoche, Imagination des Barock, des barocken Lebensgefühls. Lebenslust und Erotik kontrastiert mit Vergänglichkeit und Tod, exemplarisch aufgezeigt an den Figuren Ochs und Marschallin im ersten Akt. Gleichzeitig wird der "Rosenkavalier" zum Abbild einer zu Ende gehenden Epoche am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Was ist aus Sicht des Regisseurs die größte Herausforderung bei dieser "Komödie für Musik"?
Die Unübersichtlichkeit und Kleinteiligkeit eines barocken Gesellschaftspanoramas. "Der Rosenkavalier" ist ein barockes Panoptikum skurriler Typen mit dem Ornament als Stilmerkmal des Barocks. Die Nebenfiguren und Nebenhandlungen sind mit vielen Details verwoben und umgeben die Hauptfiguren und Hauptverhandlungen wie barockes Stuckwerk. Wichtig ist, den Fokus auf die entscheidenden Momente zu lenken. Die Personenregie ist bei diesem Werk wie ein artifizielles Räderwerk.

Wer über den "Rosenkavalier" spricht, landet schnell beim Thema Zeit. Was ist aus Ihrer Sicht das zentrale Motiv dieses Werkes?
Das Problem des Alterns steht bei der Marschallin im Vordergrund. Es geht aber nicht nur um Verzicht und Entsagung, sondern auch um das Einordnen in den Kreislauf des Lebens, das Fließen der Zeit als etwas Natürliches und Notwendiges, wie die Marschallin sagt: man muss es ertragen, aber "in dem Wie, da liegt der ganze Unterschied".
Die Zusammenarbeit von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss gerade im Fall des "Rosenkavaliers" wird gern als mustergültig bezeichnet. Wenn man den Briefwechsel liest, kann man im Detail aber durchaus leise Zweifel anmelden, ob Strauss seinen Textdichter wirklich immer richtig verstanden hat. Wie sehen Sie diese besondere Verbindung von Dichter und Komponist?
Hofmannsthal macht sich über Strauss oft ein wenig lustig, doch Strauss hat in den großen dramaturgischen Fragen oft den richtigen Riecher. Die großen Linien des zweiten Aktes zum Beispiel sind von ihm. Viele der Hofmannsthalschen Ideen hat Strauss im Gegenzug dennoch bis ins Detail auskomponiert, teilweise sogar die Regieanweisungen.

Wo und wann siedeln Sie mit Ihrem Bühnenbildner Markus Meyer und Ihrem Kostümbildner Sven Bindseil den "Rosenkavalier" an?
Für uns ist der "Rosenkavalier" eine Komödie mit Trauerrand - schwarz-weiß wie mit dem Silberstift gezeichnet. Der Einsatz der Drehbühne schafft fließende Übergänge. Die Ausstattung zeigt Aspekte einer barocken und einer Rokoko-Welt. Im Fundus des Landestheaters gibt es Kostümteile, die möglicherweise aus der Produktion von 1911 stammen, die Richard Strauss im November 1918 selbst dirigierte. Sie tragen den Stempel der "Coburg-Gothaischen Hoftheater-Garderobe". Sie werden restauriert und in das Schwarz-Weiß-Konzept der Kostüme integriert.

Ochs und Mariandl, Haushofmeister und Rosenkavalier - was haben uns diese Figuren heute noch zu sagen?
Das Personal des 18. Jahrhunderts ist möglicherweise moderner als die bürgerlichen Figuren des 19. Jahrhunderts. Es geht um Klassengrenzen und soziale Schranken, um Karriere und Aufstiegsmöglichkeiten, um Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit und die Angst vor dem öffentlichen "shit-storm". Faninal ist ein Parvenu, der sein Geld mit Rüstungsgeschäften macht und sich das Prestige des alten Adels durch die Hochzeit seiner Tochter mit dem Baron von Lerchenau kauft. Ochs ist ein "ländlicher Don Juan", kein schwerfälliger Grobian, der sich wenig um Normen und Moral kümmert - ein Macho und Clown, aber auch ein aristokratischer Anarchist, der Leben in die artifizielle und teilweise verschattete Welt der Marschallin bringt. Aus meiner Sicht ist auch der Spaß am Rollenspiel und am Spiel mit der Geschlechteridentität ein eher modernes Motiv: Octavian/Mariandel - eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt. Zur Zeit der Uraufführung war die Szene am Anfang des 1. Aktes mit zwei Frauen im Bett der Skandal.