Am Montagvormittag herrscht unterhalb von Schloss Callenberg wieder mal Idylle pur: Der Wald strahlt Ruhe aus, auf einer Wiese grasen Rinder, und vom Schulhof der Rudolf-Steiner-Schule ist lautes Kinderlachen zu hören. 36 Stunden ist es hier jedoch alles andere als idyllisch zugegangen: In einer regelrechten Nacht- und Nebelaktion haben sich 55 Reichsbürgern aus ganz Deutschland im Festsaal der Schule getroffen. Wohlgemerkt:

Die Schulleitung wusste davon nichts; wer auf welche Weise den Reichsbürgern geholfen hat, um am Samstagabend in das Gebäude zu gelangen, ist derzeit noch völlig unklar. Deshalb bleibt auch dem Schulleiter Hans-Joachim Döhner vorerst nicht viel anderes übrig, als sich von dem Treiben zu distanzieren. "Wir sind entsetzt und einfach fassungslos", sagt er im Gespräch mit dem Tageblatt, "der Schock steckt uns noch immer in den Knochen." Und er betont immer und wieder, auch wenn Anrufe von besorgten Eltern kommen: "Unsere Schulgemeinschaft distanziert sich klar von jeder Form von Reichsbürgertum."

Der Festsaal, der Platz für 200 Personen bietet, befindet sich in einem separaten Gebäude mitten auf dem Schulgelände am Callenberg im Stadtteil Beiersdorf. Es gibt zwar eine Verbindung zum eigentlichen Schulhaus. Doch die Reichsbürger haben offensichtlich eine Tür benutzt, die vom Außenbereich direkt in den Saal führt. Der Raum könne zwar für Veranstaltungen, beispielsweise zur feier von Jubiläen, genutzt werden, erklärt Döhner. "Aber nicht für politische Veranstaltungen, und schon gar nicht für eine solche." Für besagten Samstag habe es aber keine Vermietung gegeben. Was sich am Samstagabend in der Schulaula abgespielt hat, schildert der Schulleiter wie folgt:

19 Uhr: Bis eben fand im Festsaal der Rudolf-Steiner-Schule eine interne Veranstaltung statt, bei der Schüler ihre Jahresarbeiten präsentierten. Ende war gegen 18 Uhr, danach wird noch aufgeräumt. Gegen 19 Uhr verlässt die letzte Lehrkraft die Aula und schließt alle Türen ab.

20.30 Uhr: Hans-Joachim Döhner ist zu Hause, als die Polizei bei ihm anruft. Ob er von der Veranstaltung wisse, die gerade in seiner Schule stattfindet, wollen die Beamten wissen. "Das habe ich verneint und bin dann sofort ins Auto gestiegen, um zur Schule zu fahren."

Gegen 21 Uhr: Der Leiter trifft an der Schule ein. "Da habe ich schon gesehen, dass die Polizei unsere Schule weiträumig abgeriegelt hat." Hans-Joachim Döhner wird vom Einsatzleiter darüber informiert, dass in der Aula ein Treffen von Reichsbürgern stattfindet. Der Schulleiter ist schockiert. Was er da noch nicht wissen kann: Die oberfränkische Polizei wusste bereits seit längerem, dass am Samstagabend ein Reichsbürgertreffen irgendwo im Raum Coburg geplant ist. Der genaue Ort stand bis zuletzt allerdings nicht fest.

Kurz nach 21 Uhr: Döhners Kollegin Peggy Fruntke trifft ein. Gemeinsam mit der Polizei gehen sie in den Festsaal, wo 55 Personen augenscheinlich eine Versammlung abhalten. "Wir waren nur ganz kurz drin und haben gesehen, dass diese Leute auch unser Mobiliar genutzt haben." Auch wenn Peggy Fruntke zu diesem Zeitpunkt bereits gewusst hat, dass es sich um Reichsbürger handelt: "Man hat es ihnen auf den ersten Blick nicht angesehen. Nicht nur Männer, auch Frauen und sogar ein paar Kinder waren dabei." Kurz und knapp teilt die Schulleitung den Anwesenden mit, dass sie von ihrem Hausrecht Gebrauch macht und die Versammlung beendet ist.

Die Teilnehmer der illegalen Versammlung werden einzeln nach draußen geführt, wo die Polizei die persönlichen Daten jedes Einzelnen erfasst. Sie leisten den Uniformierten Folge, jedoch mit einer mitunter "sehr überlegenen Haltung", sagt Hans-Joachin Döhner.

23.30 Uhr: "Wir haben gegen jeden Einzelnen eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch gestellt und ein Platzverbot erteilt", erklärt Peggy Fruntke. Nachdem von allen Teilnehmern die Personalien aufgenommen wurden, sind die Reichsbürger kurz vor Mitternacht vom Schulgelände verschwunden.

Wie kamen die Reichsbürger rein?

Jetzt drängen sich natürlich viele Fragen auf. Noch am leichtesten zu beantworten ist die, warum ausgerechnet die Coburger Waldorfschule als Ort ausgewählt wurde. Das dürfte nämlich mit der Lage zu tun haben: Von der Staatsstraße aus ist die Schule sowieso nicht einsehbar; und selbst, wer zum Schloss Callenberg fährt und am Schulgelände vorbeikommt, kann nicht das Gebäude mit dem Festsaal sehen. "Hinzu kommt, dass die Fenster Rollos haben", erklärt Döhner. Von außen war also noch nicht einmal zu erkennen, dass im FestsaalLicht brannte.

Die Frage, auf die bislang weder die Polizei noch der Schulleiter eine Antwort haben, lautet freilich: Wie haben sich die die Teilnehmer der illegalen Versammlung Zutritt in den Festsaal verschaffen können? Hinweise auf einen gewaltsamen Zutritt zum Gebäude gibt es laut Polizei nicht. "Ein Einbruch wird es nicht gewesen sein", bestätigt Matthias Potzel vom Polizeipräsidium Oberfranken. Ob jemand die Teilnehmer in den Festsaal gelassen hat - und wenn ja, wer - müssen die Beamten nun klären. "Ich kann nur sagen, dass vonseiten unserer Schule keine Fahrlässigkeit vorliegt", beteuert Hans-Joachim Döhner.

Hatten Reichsbürger Insiderwissen?

Was dem Schulleiter Kopfzerbrechen bereitet: "Kurz nachdem unsere Kollegen am Samstag weg waren, müssen diese Leute angerückt sein." Deshalb liege der Verdacht nahe, dass jemand mit einem Schlüssel den Reichsbürgern die Tür geöffnet hat.

An der Rudolf-Steiner-Schule gibt es 60 Mitarbeiter, 30 davon sind pädagogisches Personal und Verwaltungskräfte. "Wir können definitiv ausschließen, dass von ihnen jemand Sympathien oder Kontakte zu dieser Szene hegt", betont der Schulleiter. Allerdings beschäftigt die Schule auch Reinigungskräfte, Küchenpersonal und Mitarbeiter, die Hausmeistertätigkeiten verrichten. "Es gibt derzeit keinerlei Hinweise, dass pädagogisches Personal der Schule oder Büromitarbeiter, daran beteiligt waren", sagt Matthias Potzel.

Hans-Joachim Döhner will niemanden unter Verdacht stellen. "Aber wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen, die am Samstag vorbildlich agiert hat. Es geht hier um unsere Existenz, und wir wollen wissen, wie das passieren konnte."