Der Weg von Coburg nach Coburg kann bisweilen sehr weit sein - zum Beispiel dann, wenn dieses andere Coburg eigentlich ein Stadtteil von Melbourne ist und damit viele Tausende Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Erdkugel liegt. Von Australien nach Europa, von Melbourne ins fränkische Coburg mit wichtigen Stationen in Hamburg, Freiburg und Berlin - so lässt sich der Weg des neuen Coburger Generalmusikdirektors Daniel Carter (31) in aller Kürze beschreiben. Wie es sich anfühlt, als Australier ab Februar nun ganz offiziell musikalischer Chef eines aktuell noch zur Zwangspause verurteilten Orchesters zu werden, verrät Carter im Interview.

Sie haben sich im Herbst 2019 erstmals dem Coburger Publikum als Dirigent vorstellt - damals als einer von drei Kandidaten für die Nachfolge Roland Kluttigs als Generalmusikdirektor am Landestheater. Dabei kennen Sie Coburg zumindest dem Namen nach schon viel länger - als Stadtteil von Melbourne, wo Sie studiert haben.

Daniel Carter: Mit der Straßenbahn nach Coburg bin ich meistens zur Uni gefahren. In Coburg lagen auch alle unsere Lieblingsbars damals. Die Straßenbahn hat unmittelbar vor Uni gehalten.

Vor knapp einem Jahr wurden Sie als Coburgs neuer Generalmusikdirektor vorgestellt. Wie wird sich der offizielle Dienstantritt zum 1. Februar in Zeiten der Corona-Krise gestalten?

Vor einem Jahr konnten wir natürlich nicht vorhersehen, was auf uns zukommen wird. So hatten wir große Pläne für meinen Dienstantritt, unter anderem die Fortsetzung des Coburger Rings mit "Die Walküre". In der jetzigen Situation sind solche großen Stücke selbstverständlich nicht möglich, und dementsprechend wird mein Dienstantritt anders aussehen, als wir es vor einem Jahr vorhatten. Zunächst werden wir weiter mit digitalen Formaten arbeiten, inklusive der Sonntagskonzertreihe, die am Anfang der Pandemie so erfolgreich war. Ebenso sind wir gerade dabei, neue Formate zu entwickeln. Im nächsten Schritt werden wir hoffentlich - sobald es möglich ist - vor Publikum live spielen. Das geplante Antrittsprogramm ist unter den Hygienebestimmungen möglich und wird nicht nur das erste gemeinsame Konzert einer neuen Beziehung für mich mit dem Orchester sowie dem Publikum bilden, sondern auch das erste Konzert von uns als Mitglied von "Orchester des Wandels e.V." sein. Darauf freue ich mich schon sehr.

Wie stellen Sie sich die Begegnung mit dem Philharmonischen Orchester vor, das seit fast einem Jahr - von wenigen Wochen im Sommer und im Herbst abgesehen - in Zwangspause geschickt wurde?

Das kann eine einmalige Chance sein, gemeinsam am Klang zu arbeiten. Denn es kann gut sein, dass Selbstverständlichkeiten nach dieser langen Pause keine Selbstverständlichkeiten mehr sind und gemeinsam neu erarbeitet werden müssen. Bei den ersten Proben werde ich deshalb mit Haydn und Mozart anfangen. Dabei können wir über viele Dinge auch ganz grundsätzlich sprechen. Es wird für uns alle eine neue Freude an der Arbeit geben.

Auch vor dem offiziellen Dienstantritt sind Sie schon eingebunden worden in die Planungen des Landestheaters. Wie oft mussten Sie ihre Pläne schon ändern?

Ich bin seit Januar 2020 mit den Planungen beschäftigt - das ist in "normalen" Zeiten schon eine intensive Aufgabe, die sich durch die vielen Pandemiebedingten Änderungen und Vorgaben nochmal potenziert hat! Zu Beginn habe ich versucht, auf jede neue Bestimmung angepasst eine komplett neue Konzertspielzeit zu gestalten. Nach fünf ganz neu entwickelten Konzertspielzeiten musste ich das grundsätzlich verändern, da klar wurde, dass der Pandemieverlauf uns länger einschränken wird und viele Stücke nicht kommen können. Ich wollte, insofern es geht, für Planungssicherheit sorgen. Jetzt geht es viel weniger um Pläne verändern, sondern eher darum, Pläne zu disponieren. Anders gesagt: wir wissen, was kommt, wir wissen, dass es Corona-tauglich ist, aber wir legen die Konzertdaten erst fest, wenn klar ist, dass wir wieder spielen dürfen.

Wie konkret können unter diesen Vorzeichen die Pläne für die nächste Saison sein?

Bei meiner Planung gibt es von fast allen Positionen zwei Varianten - eine, die noch Corona-Bestimmungen folgt, und eine, die wir spielen, falls Lockerungen bis dorthin erlaubt werden. Konkret sage ich auch, dass alle Auftritte von Gäste und Solisten, die wir wegen Corona verpasst haben, nachgeholt werden sollen. Mit diesen zwei Grundregeln steht die kommende Spielzeit ziemlich fest.

In der Corona-Krise haben diverse Veranstalter auch in Coburg schon Erfahrungen mit Streaming-Angeboten gesammelt und können sich Hybrid-Formate mit wenigen Zuhörern live im Saal und Streaming-Gästen online vorstellen. Wäre das auch für das Landestheater vorstellbar?

Ein neues, ähnliches Radioformat wird gerade bei uns in Zusammenarbeit mit RadioEins vorbereitet. Die Idee ist es, diese Vorstellungen zuerst vorzuproduzieren, und dann - wenn es in der Zukunft erlaubt wird - sie auch mit Zuschauern live aufzunehmen und auszustrahlen.

Welche Auswirkungen der Corona-Krise und der dabei gemachten Erfahrungen können Sie sich für die Zukunft vorstellen? Kann diese Krise auch eine Chance sein, grundsätzlich über neue Konzert- und Veranstaltungsformate nachzudenken?

Diese Krise hat uns die Gelegenheit gegeben, fundamental über unsere angebotenen Formate nachzudenken. Dadurch sind viele interessante Formate entwickelt worden, die vielleicht ein neues und breiteres Publikum ansprechen können. Für mich war es aber nicht nur eine Chance für unterschiedliche Formate, sondern besonders auch für die Konzertprogrammierung. Wie man ein Konzert zusammenbaut, hat sich auch verändert, indem man zum Beispiel ohne Pause und ohne wechselnde Besetzung spielen muss. Diese neuen Einschränkungen habe ich als eher befreiend empfunden, da ich dadurch viele neue Musik kennenlernen durfte, die ich sonst vielleicht nie gehört hätte.

Nachdem Sie nun schon seit vergangenem Jahr in die Planungen des Landestheaters eingebunden sind: Wie gut kennen Sie Coburg inzwischen?

Ursprünglich war geplant, dass ich wegen meiner Stelle in Berlin und Gastverträgen bis zum Dienstantritt einmal im Monat in Coburg bin. Da diese anderen Verpflichtungen abgesagt wurden, konnte ich viel mehr Zeit in Coburg verbringen, als geplant war. Ich habe mich in diese schöne Stadt verliebt, und versuche jedes Mal, wenn ich in Coburg bin, was Neues zu erkunden.

Gibt es für Sie - trotz aller Corona-Einschränkungen - vielleicht schon Lieblingsplätze in Coburg?

Ich verbringe sehr gerne Zeit im Grünen oder auf dem Fahrrad. Da mein Fahrrad noch nicht in Coburg ist, verbringe ich gerade meine Freizeit sehr gerne im Hofgarten - am liebsten mit meiner Hündin!

Australien gilt als Bierland. Was bedeutet es für Sie, nun im Bierland Franken zu arbeiten?

In Australien dominieren nicht die großen Brauereien. Dort gibt es vielmehr viele, viele Mikrobrauereien, die alle ganz eigene Biere herstellen. Auch in Franken gibt es sehr viele verschiedene Brauereien.

Was bedeutet für Sie als Australier Coburgs Prinz Albert als einstiger Prinzgemahl von Queen Victoria?

Für mich sind das Schönste die Gefühle für Coburg, die die Königin ganz schnell entwickelte. Sie hat sich hier wirklich Zuhause gefühlt, und wie wir wissen nach ihrer Hochzeit folgendes gesagt: "If I were not who I am, this would have been my real home, but I shall always consider it my second one." Ich habe im Gegensatz zur Königin das Privileg, hier mit meiner Arbeit leben zu dürfen und freue mich auf mein neues Zuhause.

Aus dem Leben eines jungen Dirigenten

Daniel Carter wurde im Februar 2020 als designierter neuer Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg vorgestellt. Die Nachfolge seiner langjährigen Vorgängers Roland Kluttig, der im Herbst nach Graz gewechselt war, tritt Carter offiziell im Februar an.

Werdegang Von 2013 bis 2015 war Daniel Carter, der Komposition und Klavier an der University of Melbourne studierte und 2012 mit dem "Brian Stacey Award", einem Preis für australische Nachwuchsdirigenten, ausgezeichnet wurde, an der Hamburgischen Staatsoper engagiert, zuerst als Korrepetitor und dann als Dirigent und Musikalischer Assistent der Generalmusikdirektorin Simone Young.

Berlin Von der Spielzeit 2015/2016 bis 2018/2019 war der australische Dirigent Erster Kapellmeister am Theater Freiburg, wo er ein breites Repertoire von Opern und Konzerten dirigierte. Carter war seit der Spielzeit 2019/2020 Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin und dirigiert dort zahlreiche Vorstellungen. red