Montagmittag in der Webergasse. Nur ab und zu biegt ein Auto aus der Mohrenstraße ein und fährt in Richtung Judengasse. Deutlich mehr los ist an der Ausfahrt vom Parkhaus Mauer, die in die Webergasse mündet. Plötzlich taucht ein Radfahrer auf. Er fährt - was er seit Mitte September darf - in die entgegengesetzte Einbahnstraßen-Richtung, also von der Judengasse zur Mohrenstraße. Der Radfahrer hat Glück: Die neu geschaffene Ausweichstelle vor dem Haus Nummer 30 ("Weberstübchen") ist zwar zugeparkt; doch er muss sie nicht nutzen, weil ihm kein Auto entgegenkommt.

Bedenken der Polizei

So, wie die Sache mit der zugeparkten Ausweichstelle durchaus typisch ist für das Ignorieren von Verkehrsregeln, so steht auch die gesamte Situation in der Webergasse symptomatisch für den Streit zwischen den Förderern des Fahrradverkehrs und den Skeptikern.

Zur Erinnerung: Viele Institutionen, vom Deutschen Städtetag bis zur Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern (AGFK), haben sich schon seit längerem dafür ausgesprochen, Einbahnstraßen vermehrt für den Radverkehr zu öffnen. Für Autofahrer sollte es selbstverständlich werden, dass ihnen in Einbahnstraßen Radfahrern entgegenkommen können.

Anfang des Jahres wurde in Coburg darüber diskutiert, ob auch für die Webergasse eine solche Regelung getroffen werden könnte. Polizei und Ordnungsamt äußerten Bedenken, weil die Webergasse an einigen Stellen sehr eng ist. Doch der Senat für Stadt- und Verkehrsplanung sowie Bauwesen entschied sich trotzdem für eine Freigabe - gegen die Stimmen der CSU-Vertreter. Auch Monate später herrscht im konservativen Lager noch Unverständnis: Der vergangene Woche neu gewählte CSU-Vorsitzende Kurt Knoch nannte die neue Regelung in der Webergasse als "typisches Beispiel für Aktionismus und Hysterie" in Sachen Verkehrs- und Umweltpolitik.

Wolfram Haupt, Stadtrat der Grünen und zudem Mitglied im städtischen "Arbeitskreis Rad", sieht das anders. Im Gespräch mit dem Tageblatt verweist er zunächst auf einen Beschluss des Deutschen Bundesrats: Dieser hat im Juli 2021 die Freigabe von Einbahnstraßen für Radfahrer von einer "Kann-" zu einer "Soll-Regelung" geändert. Sprich: Eine Freigabe soll jetzt bundesweit zum Regelfall werden - es sei denn, "zwingende Gründe" sprechen dagegen. Ein solcher, zwingender Grund wäre etwa eine Gesamtstraßenbreite von unter 3,50 Meter.

Tempo 20

Und damit zur Webergasse. Wolfram Haupt gibt zu: "Wenn im oberen Bereich alles mit Autos voll steht, ist es für Radler blöd zu fahren." Doch aus diesem Grund seien ja vor dem "Weberstübchen" zwei Kurzzeitparkplätze gestrichen und die besagte Ausweichstelle geschaffen worden - jetzt müsste das Ordnungsamt nur noch regelmäßig kontrollieren, dass die Ausweichstelle sowie die enge Einmündung zur Mohrenstraße nicht ständig zugeparkt werden.Wolfram Haupt gibt zu bedenken, dass in der Webergasse eine Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h gilt: "Bei Tempo 20 kann man ausweichen und auch mal aufeinander warten."

Kein Siegel für Coburg

Trotzdem drängt sich die Frage auf: Warum musste ausgerechnet mit der engen Webergasse begonnen werden, etwas für die Radfahrer zu tun? Da erinnert Wolfram Haupt an den Besuch einer Expertendelegation der AGFK im vergangenen Jahr. Am Ende des Besuchs stand das für Coburg bittere Ergebnis, dass das Siegel "fahrradfreundliche Kommune" nicht verliehen werden kann.

Wolfram Haupt kann sich noch gut daran erinnern, wie die AGFK-Experten in der Webergasse vorbeikamen. "Sie haben uns gefragt, warum wir diese Straße noch nicht für den Radverkehr freigegeben haben. Denn breit genug sei sie doch." Gut zwölf Monate später ist die Webergasse nun also freigegeben, wobei Wolfram Haupt das nur 200 Meter lange Straßenstück gerne in einem größeren Zusammenhang sehen möchte, zumal sich entlang der Itz und auch beim Globe ohnehin einiges tut mit neuen Radwegen: "Bald wird auch der Mühldamm zur Fahrradstraße. Und wer von dort weiter in Richtung Innenstadt möchte, für den ist die Webergasse eine gute Achse."

Die Freigabe von weiteren Einbahnstraßen für den Fahrradverkehr kann sich Wolfram Haupt sehr gut vorstellen und nennt als Beispiele die Casimirstraße und die Seifartshofstraße. Bei der Seifartshofstraße gibt es allerdings ein Problem: Wenn Radfahrer sie gegen die Einbahnstraßen-Richtung befahren, gelangen sie in eine unübersichtliche Kreuzung (Bahnhofstraße/Hindenburgstraße), die im jetzigen Zustand wohl einen "zwingenden Grund" darstellen könnte, der gegen eine Freigabe spricht.

"Vorhandenen Platz vernünftig verteilen"

Aber die Kreuzung lässt sich ja vielleicht umgestalten. In diesem Zusammenhang verweist Wolfram Haupt auf die nächste Sitzung des Arbeitskreises Ende Oktober. An dieser Sitzung werden auch die Planer teilnehmen, die mit der Erstellung eines neuen Verkehrswegeplans für Radfahrer für Coburg beauftragt sind. Wie dieser Plan eines Tages aussehen wird, ist noch offen. Doch für Haupt ist vor allem ein Umdenken wichtig: "Bislang war es doch immer so: Erst einmal wird Platz für die Autos geschaffen - und wenn noch etwas Platz übrig ist, dann bekommen den die Radfahrer." Das müsse sich ändern. "Es gilt, den vorhandenen Platz vernünftig zu verteilen."

Für Vernunft und vor allem für mehr Rücksichtnahme plädiert auch der ADAC als größte Interessenvertretung der Autofahrer aus. "Der ADAC begrüßt die Bemühungen von Städten und Kommunen, die Radinfrastruktur auszubauen und den Straßenverkehr für alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer in diesem Zuge auch sicherer zu machen", teilt Dennis Heldt vom ADAC Nordbayern auf Tageblatt-Anfrage mit. Als "A und O" wird allerdings die "gegenseitige Rücksichtnahme" bezeichnet.

Grundsätzlich hält man es beim ADAC für wichtig, bei Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur "alle Belange mitzudenken". Zum Beispiel könne auf Haupteinfallstraßen nicht "kurzerhand" auf eine Fahrspur verzichtet werden. "Eine ganzheitliche Planung ist hilfreich, um Konflikte zu vermeiden", erklärt Dennis Heldt.

ADAC grundsätzlich dafür

Noch einmal konkret auf die Freigabe von Einbahnstraßen für Radler angesprochen, sagt der ADAC-Experte Heldt: "Wenn die Straßenbreite es zulässt und es mit der Straßenverkehrsordnung vereinbar ist, spricht nichts gegen die Öffnung von Einbahnstraßen für Radfahrende." Entsprechende Verkehrsschilder würden Autofahrern dabei helfen, "umsichtig und aufmerksam" in solchen Einbahnstraßen unterwegs zu sein.