Äußeren Abstand wahren und zugleich innere Nähe schaffen - diesen heiklen Spagat müssen Künstler in Corona-Zeiten bewältigen. Bevor die ersten Noten bei diesem Duo-Abend im Coburger Kongresshaus erklingen können, werden Impfzertifikate geprüft, Abstandszettel mit der Aufschrift "Bitte frei lassen" auf den in luftig Reihen gestellten Stühlen verteilt und vorsorglich nochmals auf die freilich klaglos befolgte Maskenpflicht hingewiesen.

Warum Menschen in Coburg an einem unfreundlichen regnerischen Winterabend mancherlei Mühen auf sich nehmen, um klassische Musik nicht nur gestreamt zu hören, sondern live erleben zu können, wird dann aber sofort verständlich. Maskenpflicht, Abstandsgebot und 2G-Plus-Regel - sie spielen schon nach den ersten Noten der späten C-Dur-Cello-Sonate von Ludwig van Beethoven keine Rolle mehr.

Intensiver musikalischer Dialog

Denn der ungarische Cellist Lázló Fenyö und seine aus Moskau stammende Klavierpartnerin Julia Okruashvili demonstrieren sofort, was Kammermusik so besonders macht. Ihr musikalischer Dialog ist ebenso intensiv im Ausdruck wie reaktionsschnell und präzis im Zusammenspiel, dabei stets getragen von einer technischen Souveränität, die dennoch nie zum Selbstzweck wird.

Klassik am Beispiel von Beethovens C-Dur-Cello-Sonate, gemäßigte Moderne am Beispiel von Zoltán Kodálys unmittelbar darauf folgender früher Cello-Sonate - Epochen-Begriffe verlieren an diesem Abend ihre Bedeutung.

Denn das Publikum erlebt auf der Bühne ein Künstler-Duo, das die Musik buchstäblich zur Klangrede werden lässt. Lázló Fenyö lässt sein Cello ausdrucksvoll mit warmem Ton singen - bei Schumanns Fantasie-Stücken ebenso wie bei drei Choralbearbeitungen Johann Sebastian Bachs in der Adaption Zoltán Kodálys.

Die Pianistin Julia Okruashvili wiederum findet stets die Balance zwischen eindringlicher Gestaltung und dynamischer Zurückhaltung an den Stellen, an denen das Cello besonders schön Melodien zelebriert.

Grat-Wanderung für Veranstalter

Für Veranstalter sind Konzerte in Corona-Zeiten immer wieder Grat-Wanderungen. "Unter diesen Bedingungen kommt nur etwa die Hälfte unseres Publikums", sagt Musikfreunde-Musikvorstand Joachim Rückert. Gerade unter diesen Bedingungen aber darf der Abend mit Lázló Fenyö und Julia Okruashvili getrost als beachtlich gut besucht gelten.

"Zur Zeit kommen nur die Leute zu Konzerten, die das existenziell brauchen", sagt die Pianistin Julia Okruashvili: "Natürlich ist es ganz schlimm, wenn die Säle nicht voll sind. Aber für einen Künstler ist es unter Umständen erfüllender für 10 Leute zu spielen, die vollständig dabei sind, als für 1000 Leute, die lediglich irgendeinen Termin bedienen. Insofern hat die aktuelle Situation auch eine ganz besondere Qualität für beide Seiten. Diese Intensität im Saal: man spürt sie so stark auf der Bühne."

Endlich wieder vor "echtem" Publikum

Und für die Künstler? "Wir freuen uns, dass wir wieder echte Menschen im Publikum erleben können- trotz Maske und allem", sagt Lázló Fenyö nach dem begeisterten Schlussbeifall und entlässt gemeinsam mit Julia Okruashvili das "echte Publikum" mit einer sanft entschwebenden Schuhmann-Zugabe.

Zu Gast bei der Gesellschaft der Musikfreunde Coburg

László Fenyö zählt seit dem Gewinn des Internationalen Pablo Casals Wettbewerbs 2004 zur Weltelite der Cellisten. Er war Solocellist bei der Philharmonia Hungarica, beim Sinfonieorchester des Ungarischen Rundfunks und beim Hessischen Rundfunk Frankfurt. László Fenyö gibt weltweit Meisterkurse, unterrichtete als Dozent an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und lehrt seit April 2012 an der Musikhochschule Karlsruhe als Professor.

Die Pianistin Julia Okruashvili hat das kammermusikalische Musizieren zum Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens gemacht hat. Konzertierend in ganz Europa und Japan tätig gibt sie ihre Erfahrungen auch als Lehrkraft an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln weiter.

Ausblick Montag, 21. Februar, 19.30 Uhr, Kongresshaus: Carousel Chamber Music Ensemble - Werke von Glasunow, Dohnányi und Brahms

Montag, 7. März, 19.30 Uhr, Kongresshaus: Jonathan Baur (Horn), Megumi Ikeda (Violine), Kyoko Frank (Klavier) - Werke von Schumann und Brahms