Eigentlich ist die Lage zum Verzweifeln. Doch in Balazs Safrans Vokabular gibt es diesen Ausdruck nicht. "Verzweifeln" ist für den gebürtigen Ungarn und seit elf Jahren überzeugten Wahl-Neustadter nämlich ein Fremdwort. Er sagt: "Es gibt immer eine Lösung" und schlürft dabei nachdenklich an seinem doppelten Espresso.

"Balu", unter diesem Kosenamen kennen und schätzen die meisten Neustadter den kräftigen Wirtsmann ("So muss ein Wirt aussehen"/O-Ton "Balu"), versucht es in diesen Tagen lieber mit Gemütlichkeit. Mit Ruhe und Gemütlichkeit! Er sitzt dabei unaufgeregt an einem seiner seit Wochen leeren Tische im Alten Brauhaus. Die Theke ist sauber und unbenutzt. Auf den Tischen liegt Schulzeug seiner beiden Kinder. Mittendrin auch ein orange-blaues Nerv-Gun.

Der Biergarten draußen ist noch leer - könnte aber ab Montag wieder geöffnet werden. "Meinen Stammgästen zuliebe". Die Antwort des 43-Jährigen auf die Frage, ob er denn tatsächlich nächste Woche wieder hinter dem Tresen steht, ist kurz, seiner Meinung nach aber treffend. Denn die Nachfrage sei groß: "Die Leute wollen einfach nur ein Bier trinken und sich wieder einmal austauschen. Sie sehnen sich nach einem Wirtshaus", sagt Safran.

"Es wird ein Drauflegegeschäft"

Er schließt am Mittwoch auf, obwohl er genau weiß, dass es für ihn ein Drauflegegeschäft wird. Die Nebenkosten sind enorm. Strom, Wasser, Personalkosten. "Und was ist, wenn in ein paar Wochen die zweite Corona-Welle kommt? Dann müssen wir wieder schließen", gibt er zu bedenken. Finanziell rentiere sich die Öffnung der Außenanlage seiner Überzeugung nach jedenfalls nicht.

Aber einfach aufgeben ist und war für "Balu" noch nie eine Option. Und außerdem: "Meinen Stammgästen zuliebe..."

Safran spricht von einem Dilemma, in dem sich die gesamte Gastronomie befinde. Die Kleinen gehen kaputt, die etwas Größeren müssten entschlacken. Ohne dass er sich für einen dieser Großen hält, hat auch er vor, kürzer zu treten. Sein Plan: "Eines Tages ziehen wir um - vom Schwarzen in den Weißen".

Der Ungar, der 2001 über die Schweiz nach Coburg kam und dort im Romantikhotel Goldene Traube sein Geld verdiente, entschied sich nach einem Sabbatjahr 2009 für das "Städtchen Neustadt". "Ich mag die Neustadter und ich glaube, die meisten mögen auch mich". Er eröffnete sein erstes eigenes Café (Da Vinci) und entschied sich zwei Jahre später 2011 für den "Schlachter" - das Traditionswirtshaus in der Coburger Straße. Der ehemalige "Schlachtenmaler" gehört ihm inzwischen.

Einfach mal ein Bierchen trinken

Das Geschäft lief gut. "Wir werden die Krise schon überstehen", sagt er. Seine Leichtigkeit, mit der er seine Gäste verwöhnt, ist allerdings in den letzten Wochen ein wenig auf der Strecke geblieben. Verflogen, schließlich drückt Corona auch auf "Balus" Gemüt. Ihm fehle halt auch der Kontakt und die Kommunikation mit den Gästen sowie "einfach nur mal ein Bierchen trinken mit Freunden" - mit Ruhe und Gemütlichkeit.

Ob es klappt mit dem Biergarten? "Das weiß ich noch nicht". Auflagen hin oder her. Es werde schwierig, aber es gäbe ja immer eine Lösung. "Die Praxis wird uns schon zeigen, ob es Sinn macht", sagt der "Bären-Mann" und serviert seinem Gegenüber ein Tässchen Kaffee.

Spätestens Ende August werde "abgerechnet". Dann fällt eine wichtige Entscheidung. Nicht nur für die vierköpfige Familie Safran, sondern auch für viele Neustadter Kneipengänger: "Schon möglich, dass wir hier zuschließen und uns dem kleineren Bären widmen". Das ist Zukunftsmusik. Die Gegenwart sieht anders aus: Gerade kommt seine Frau Yevgeniya in den Wintergarten und offenbart ihrem Mann frustriert, dass sie jetzt eine Woche ins Krankenhaus müsste.

Biergarten statt Krankenhaus

Eigentlich ist die Lage zum Verzweifeln. Nicht für "Balu", denn es gibt ja immer eine Lösung. Yevgeniya lässt sich später behandeln. Zuerst wird der Biergarten eröffnet - "unseren Stammgästen zuliebe..."