Es ist 16.50 Uhr - in zehn Minuten öffnet die Sonderbar. Im Ofen gegenüber dem Eingang flackert das Feuer und verbreitet wohlige Wärme. Annette Berwind und ihr Kollege sind seit etwa einer Stunde da. Ihr Arbeitstag wird, wenn's gut läuft, zwischen 0 und 1 Uhr zu Ende sein. Am Freitag und Samstag geht's noch länger. Doch jetzt ist es noch ruhig, nur die Musik läuft schon. "Wir treffen uns in der Regel um 16 Uhr, bereiten die Kaffeemaschine und die Deko für die Cocktails vor, pressen Säfte, räumen die Sachen ein, die mit der neuen Lieferung gekommen sind, werfen die Waschmaschine mit den Geschirrtüchern an, heizen im Winter den Ofen an und schreiben die Angebotstafel", erzählt Annette Berwind. Gibt es Reservierungen, dann müssen unter Umständen Tische umgestellt werden. Stehen Veranstaltungen an, dann wird umgeräumt und das Mischpult vorbereitet.

Inzwischen ist es 17 Uhr, die ersten Gäste kommen. "Wir kennen die meisten, weil sie regelmäßig bei uns sind. Das macht die Atmosphäre hier familiär", sagt Annette Berwind und nimmt die Bestellungen der Gäste auf.

"Circa 80 Prozent der Leute, die zwischen 17 und 20.30 Uhr kommen, wollen etwas essen." Das bedeutet, auch in der Küche geht es rund. Dort sind Nadine Schiener und Ryan Grady mit Gemüseschnippeln beschäftigt. Denn in der Sonderbar wird alles frisch zubereitet. Deshalb sind die beiden auch schon um 16 Uhr da. Warme Speisen gibt es bis 23 Uhr. Das heißt, auch sie sind bis 0 oder 1 Uhr da. "Wir müssen ja noch aufräumen und die Bestellungen für den nächsten Tag fertigmachen", erläutert Nadine Schiener. Einen gestressten Eindruck macht sie trotzdem nicht. Auch Annette Berwind denkt eher entspannt an den bevorstehenden Abend. "Um 18 Uhr geht es richtig los. Und am Wochenende ist es hier proppenvoll. Aber dann wird es auch lustig und macht Spaß", sagt sie.

Geschäftsführer Oliver Müller weiß zu schätzen, was seine Leute leisten. Und er begrüßt ausdrücklich die Einführung des Mindestlohns. "Meine Mitarbeiter haben sich das verdient." Sechs Festangestellte hat er, braucht aber auch die zehn Aushilfen, die bei ihm beschäftigt sind. Sie alle werden ab Januar 8,50 Euro pro Stunde bekommen. "Zwei Angestellte erhalten ihn jetzt schon." Für Oliver Müller bedeutet das, er hat monatlich 1000 bis 1500 Euro Mehrausgaben. "Das ist viel für mich", sagt er. Entlassen will und kann er niemanden, denn er braucht alle - die Sonderbar ist gut ausgelastet.

Lediglich der Mittagstisch lief nicht optimal. Deshalb habe er dieses Angebot eingestellt. Nur am Samstag kann man auch in der Mittagszeit von 12 bis 15 Uhr warmes Essen bekommen.


Preise erhöhen, um kein Personal abbauen zu müssen

Wenn er aber seinen Personalbestand halten möchte, dann bleibt Oliver Müller nichts anderes übrig, als die Preise zu erhöhen. "Das wird sich vor allem beim Essen niederschlagen", erläutert der Geschäftsführer. "Das haben wir bisher sowieso viel zu billig verkauft." Denn alles werde mit großem Aufwand zubereitet.

F ür die Burger zum Beispiel fertigt ein einheimischer Bäcker jeden Morgen die Brötchen nach speziellem Rezept für die Sonderbar an. Auch die Soßen sind hausgemacht. Das kostet mehr als fertig Zugekauftes. "Auch die Zulieferer werden auf den Mindestlohn reagieren und die Preise anheben." Um weiterhin wirtschaftlich arbeiten zu können, komme er nicht umhin, seine Preise anzupassen, sagt Oliver Müller. "Aus Verantwortung für meine Angestellten muss ich Rücklagen bilden können."

Mit der neuen Regelung, die im Januar in Kraft tritt, müssen die Sonderbar-Mitarbeiter Stundenzettel ausfüllen, denn besonders bei den Aushilfen gibt es da Unterschiede. "Die Stundenzettel müssen zwei Jahre lang aufgehoben werden, falls es Kontrollen gibt", ergänzt Oliver Müller.

Eine Ungerechtigkeit, die sich daraus ergibt, dass die Aushilfen den Mindestlohn 1:1 ausgezahlt bekommen, die angestellten Mitarbeiter jedoch ihre Abgaben leisten müssen, will der Geschäftsführer aber unbedingt ausgleichen - eventuell mit einer anderen Verteilung des Trinkgeldes.

"Wir alle profitieren davon"