Ohne den Brief von Josef Schuster hätte die Pressekonferenz am Freitag im Rathaus vermutlich kaum so viel Interesse gefunden. Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte sich in einem vertraulichen Brief an Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) gegen eine Max-Brose-Straße in Coburg gewandt. Deshalb waren Tessmer und Brose-Enkel Michael Stoschek am Dienstag nach Würzburg zu einem Gespräch mit Schuster gefahren.

Ergiebig war das Gespräch offenbar nicht. Tessmer nannte es "konstruktiv", was in der Regel bedeutet, dass die Beteiligten unterschiedliche Auffassungen vertraten und nicht auf einen gemeinsamen Nenner kamen. Aber eigentlich hatte das Gespräch auch gar keinen Anlass: Eine Max-Brose-Straße soll in Coburg zumindest derzeit nicht ausgewiesen werden, betonte OB Tessmer. Das ging schon einmal schief, und erst einmal müssen die Verwerfungen von damals wieder beseitigt werden.

Er sehe sich als Oberbürgermeister in der Pflicht, Gräben zuzuschütten und eine Aussöhnung herbeizuführen, sagte Tessmer. Es geht um eine Aussöhnung mit Michael Stoschek nach einem über zehn Jahre schwelendem Konflikt. Stoschek, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung von Brose Fahrzeugteile, sieht seinen Großvater und Firmengründer Max Brose ungerecht beurteilt. 2004 stand der Stadtrat vor der Entscheidung, ob die Von-Schultes-Straße, an der die Coburger Brose-Fabrikationsstätten zum großen Teil liegen, in Max-Brose-Straße umbenannt werden soll. Einige Stadträte hatten angeblich Bedenken wegen Max Broses "unklarem Verhalten" im Dritten Reich.

Nicht linientreu
"Mich hat diese Darstellung überrascht", sagte Stoschek. Die Tatsachen waren bekannt: Max Brose war ab 1933 NSDAP-Mitglied, schon zuvor IHK-Präsident, infolgedessen Wehrwirtschaftsführer. Brose, seinerzeit die größte metallverarbeitende Fabrik in Coburg, war in die Rüstungsproduktion eingebunden (Kanister) und beschäftigte infolge der Kriegsbewirtschaftung mit Arbeitskräften auch Zwangsarbeiter, meist Kriegsgefangene.

Die Diskussion im Stadtrat 2004 sei unzureichend vorbereitet gewesen, sagte Tessmer. Inzwischen "ist die Erkenntnislage eine andere". Dazu hat nicht zuletzt das Unternehmen Brose selbst beigetragen: Anlässlich des 100. Firmenjubiläums 2008 gab es eine Studie bei der Universität Erlangen in Auftrag, die Unternehmensgeschichte aufzuarbeiten - Max Broses Rolle im Dritten Reich ausdrücklich inbegriffen.

Doch Stoschek geht es bei der Beurteilung der Person seines Großvaters nicht nur um die Fakten: "Entscheidend sind die Hintergründe und Motive, nicht die Tatsachen selbst", lautet Stoscheks Auffassung. Er ist überzeugt, dass sein Großvater 1933 in die NSDAP eintrat, um die Familie und das Unternehmen vor Repressalien durch die Nazis zu schützen. Stoschek: "Ich hätte genauso gehandelt." Brose habe unter besonderer Beobachtung des Coburger Oberbürgermeisters Franz Schwede gestanden, dem ersten Nazi-Oberbürgermeister in einer deutschen Stadt überhaupt.

"Frage des Anstands"
Stoschek zufolge war die Familie Brose alles andere als linientreu: Der Schwiegersohn, Stoscheks Vater, sei "bekennender Linkssozialist" gewesen, die Tante, damals Journalistin, weigerte sich, an Schulungen der "Reichspressekommission" teilzunehmen, Stoscheks Mutter, wie ihr Mann am Theater, pflegte Umgang mit Freunden und Kollegen jüdischer Abstammung. Max Brose sei als einziger in der Familie der Partei beigetreten, betonte Stoschek. Durch die Produktion von Wehrmachtskanistern habe Brose zunächst 200 Männer vorm Fronteinsatz im Krieg bewahren können. Als diese doch abgezogen und durch Zwangsarbeiter ersetzt wurden, wurden diese bei Brose "den Umständen entsprechend gut behandelt".

"Ich kämpfe um die Ehre meines Großvaters und Firmengründers", dem die Stadt Coburg und Stoscheks Familie viel zu verdanken hätten, sagte Stoschek. "Eine Rehabilitation ist für mich eine Frage des Anstands."

Einen Schritt zu dieser Rehabilitation will der Coburger Stadtrat in seiner Sitzung am nächsten Donnerstag tun. Es soll eine Art Resolution verabschiedet werden, die das Bedauern darüber ausdrückt, dass die Diskussion um den Straßennamen 2004 so verlief, dass Michael Stoschek den Eindruck gewinnen konnte, dass die Ehre seines Großvaters beschädigt werde. Das hatte Stoschek, seinerzeit noch geschäftsführender Gesellschafter, so sehr erbost, dass Brose seither keine Spenden für Coburger Vereine mehr gibt. Die Entscheidung, dass der Standort Bamberg ausgebaut werde und nicht Coburg oder Würzburg, habe mit den Vorgängen 2004 jedoch nichts zu tun, beteuerte der Vorsitzende der Brose-Gesellschafterversammlung. In Coburg sei schlicht kein Platz vorhanden gewesen, um zu erweitern.

Wie es nach dem Donnerstag mit Brose und der Stadt weitergeht, wenn der Stadtrat seine Resolution verabschiedet hat? "Wir werden unseren konstruktiven Dialog fortsetzen", sagte OB Tessmer. Michael Stoschek sagte dazu nichts.