Michael Stoschek, Enkel des Firmengründers Max Brose, sieht das Ansehen seines Großvaters verletzt. Seit dem Sommer 2004, als der Stadtrat nach einem komplizierten Hin und Her beschloss, die Von-Schultes- nicht in Max-Brose-Straße umzubenennen. Als das bekannt wurde, kamen Vermutungen auf, das habe damit zu tun, dass Max Brose von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP war. Brose beschäftigte in Kriegszeiten Zwangsarbeiter, Max Brose selbst war IHK-Präsident und trug den Titel "Wehrwirtschaftsführer".

Die Folge dieser Vermutungen über Max Brose: Das Unternehmen Brose gibt seither keine Spenden mehr an Coburger Vereine und Institutionen. Noch zu Weihnachten 2014 gingen entsprechende Briefe an Vereine, die um eine Zuwendung gebeten hatten mit dem Hinweis, dass Broses Nachkommen durch die Diskussion das Ansehen ihrer Familie verletzt sehen.

"Das war damals schlecht vorbereitet", sagt Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD). Dieser Meinung sei er seit langem. Wenn sich der Stadtrat in seiner Sitzung am 26. März mit Max Brose und seinem Leben befasst, soll die Diskussion besser vorbereitet sein. Einer dieser Vorbereitungsschritte war das Gespräch der Stadtrats-Fraktionsvorsitzenden mit Brose-Enkel Michael Stoschek am Montagabend in der Regimentsstube des Rathauses.

Herzensangelegenheit
"Offen, informativ, aufklärend, aber auch deutlich und nachdrücklich" habe sich Stoschek mit den Kommunalpolitikern auseinandergesetzt, heißt es in der Pressemitteilung, die die Stadtverwaltung am Mittwoch verschickte. In der Tat sprechen viele Gesprächsteilnehmer von einer angenehmen Atmosphäre - und dass Stoschek vermittelt habe, dass es ihm um eine Herzensangelegenheit geht: Das Ansehen seines Großvaters und seiner Familie.

"Unser aller Ziel muss es sein, die persönlichen Diffamierungen der Familie Stoschek zu revidieren, und den langjährigen Streit, nicht zuletzt zum Wohle unserer Stadt, beizulegen", fasste Tessmer laut Pressemitteilung zusammen.

Michael Stoschek wird darin mit folgenden Worten zitiert: "Weder 2004 noch heute verlange ich eine Max-Brose-Straße, aber ich fordere Objektivität und Fairness gegenüber einem Menschen, der in der speziellen Coburger Situation in großer Verantwortung stand. Einen Deal ,Spende gegen Straße‘ wird es mit mir nicht geben. Es geht gegenwärtig allein um die Wiedergutmachung einer ungerechtfertigten Beschädigung."

Diesem Anliegen will Oberbürgermeister Tessmer offenbar entsprechen. Die Verwaltung will einen Beschlusstext erarbeiten, der dem Stadtrat in der Sitzung am 26. März vorgelegt wird. Ob im öffentlichen oder im vertraulichen Teil der Sitzung, ist laut Tessmer noch offen. Einen Entwurf für diesen Beschluss gibt es nach übereinstimmenden Aussagen aller Beteiligten noch nicht.


Michael Stoschek über Max Brose
In sehr persönlicher Weise habe Stoschek seine Sicht der Dinge und sein persönliches Verhältnis zu seinem Großvater geschildert, heißt es in der Pressemitteilung der Stadt zu dem Montagtreffen. Max Brose sei nach der frühen Scheidung seiner Eltern eine Art Vaterersatz für ihn gewesen, habe Stoschek gesagt. Daher sei er ihm "unendlich dankbar". Umso geschockter sei er 2004 ob der Entscheidung des Coburger Stadtrates gewesen.

Die Vorwürfe, die seinerzeit gegenüber Max Brose und seiner Rolle während der NS-Zeit in der Berichterstattung der Medien erhoben wurden, deckten sich in keinster Weise mit dem Bild, das er, Stoschek, nach den Schilderungen seiner Mutter und Tante von seinem Großvater habe. Max Brose starb 1968, als Michael Stoschek gerade 21 Jahre alt war. Knapp drei Jahre später übernahm Stoschek, dem Wunsch des Großvaters entsprechend, die Geschäftsführung im Familienunternehmen.

Zum 100. Firmenjubiläum 2008 ließ Stoschek die Geschichte von Brose und seinem Gründer von dem Erlanger Historiker Gregor Schöllgen aufarbeiten. "Dass Max Brose Parteimitglied in der NSDAP war, zum Wehrwirtschaftsführer berufen wurde und Zwangsarbeiter beschäftigte, ,sind Fakten‘, so Stoschek, die niemand bestreitet", heißt es in der Pressemitteilung vom Mittwoch. Doch Stoschek haebe auch darum gebeten, diese Fakten im gschichtlichen Kontext zu sehen und einzuordnen.

Coburg war die erste Stadt in Deutschland mit einer Nazi-Mehrheit im Stadtrat. Nachdem die Nazis 1933 reichsweit an die Macht gekommen waren, sah offenbar auch Max Brose die Notwendigkeit, der Partei beizutreten. Dass Brose als IHK-Präsident auch zum Wehrwirtschaftsführer berufen wurde, sei laut Stoschek ein Automatismus gewesen. Brose beschäftigte während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter, wie zahlreiche andere Coburger Firmen, die Stadt selbst und die Kirchen. Bei Brose, so Stoschek, seien Zwangsarbeiter nachweislich gut behandelt worden.