Gastregisseur Aron Stiehl kehrt mit Otto Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" zurück ans Landestheater. Was ihn an dieser komischen Oper reizt, verrät er im Gespräch.
Aron Stiehl ist ein bekennender Fan der Spieloper. Zur Ehrenrettung dieses unterschätzten Genres will er nun mit seiner Neuinszenierung der "Lustigen Weiber" am Landestheater beitragen. Die Shakespeare-Oper des früh verstorbenen Romantikers Nicolai feiert am Samstag vor dem vierten Advent Premiere in Coburg.
"Die lustigen Weiber von Windsor" und "Falstaff" bringen den gleichen Stoff auf die Opernbühne. Was verbindet, was unterscheidet die beiden Opern inhaltlich?
Aron Stiehl: Der Inhalt ist eigentlich der gleiche. Verdi hat den Stoff aber noch mehr komprimiert und eine Szene rausgelassen. Das war durchaus schlau. Aber man darf nicht vergessen: Verdis "Falstaff" war ein Alterswerk. Er hat das Werk auf das Nötigste reduziert.
Was reizt Sie an Nicolais Werk?
Ich mag "Die lustigen Weiber" sehr, ich wollte das schon sehr lange machen, weil ich die deutsche Spieloper grundsätzlich sehr mag, die von vielen völlig unterschätzt wird, fast möchte man sagen: diskriminiert. Das finde ich sehr, sehr schade. Denn das Genre ist fantastisch - und gerade "Die lustigen Weiber" bieten eine ganz, ganz tolle Musik. Die Ouvertüre wird ja zu Recht sehr oft gespielt. Mich ärgert, dass dieser Komponist und insgesamt das Genre so unterschätzt wird.
Wie hat die Rezeptionsgeschichte die Wahrnehmung dieser Oper verändert?
In den 50er-, 60er-Jahren ist das alles sehr, sehr brav und bieder inszeniert worden - genau wie die Operette. Da haben diese Stücke ihren schlechten Ruf bekommen. Es wurde ihnen der Stachel genommen. Man hat zwar darüber gelacht, aber das war ein biederes Lachen der Adenauer-Zeit. Man wollte eher über die Leute auf der Bühne lachen, nicht über sich selbst. Dadurch wurden die Stücke ins Kleinbürgerliche runtergezogen. Dabei gehen gerade diese Stücke eigentlich gegen die Spießbürger.
Wie holt man Die lustigen Weiber" in die Gegenwart?
Wir haben heute sicher eine andere Art Humor - nicht was die Musik angeht, aber was den Text angeht. Wir haben die Dialoge umgeschrieben, haben den Text sehr gestrichen. Bei uns gibt es einen Sprecher, der die Geschichte erzählt und ein bisschen ins Heute bringt. Wir dürfen ja nicht vergessen: Auch Nicolai hat damals Shakespeare bearbeitet, auch Verdi hat Shakespeare bearbeitet.
Theater muss lebendig sein. Ich bin gegen Dekonstruktion, man soll die Stücke nicht kaputt machen. Aber man soll zeigen, wie aktuell die Musik noch ist und wie sehr uns die Geschichte angeht.
Was ist das zentrale Thema dieser Inszenierung?
Die Frage ist doch: Warum schauen wir uns ein Stück über Falstaff an. Das ist ein fetter, aufgeblasener, selbstgefälliger Alkoholiker, der eigentlich bei den Frauen gar nicht mehr so landet, aber sich noch immer unheimlich viel drauf einbildet. Warum finden wir den toll? Er hat ja unsere Sympathie, das ist ja das Merkwürdige daran. Ein bisschen wie der Ochs im Rosenkavalier - wie ein Elefant im Porzellanladen.
Was zeichnet Ochs und Falstaff aus?
Ich denke, wir mögen sie, weil die Figuren authentisch sind, nicht angepasst an die Spießbürgergesellschaft. Sie sind dadurch auch liebenswert, weil sie ihr Leben leben, weil sie ihre Freiheit ausleben. Es sind eigentlich Künstlerpersönlichkeiten im Gegensatz zu diesen Spießbürgern. Falstaff scheint ein glücklicher Mensch zu sein, dem es egal ist, was die Menschen sagen. Liebe existiert nicht in der Welt der Spießbürger, es geht um Sicherheit.
Was zeichnet Nicolais Musik aus?
Im direkten Vergleich mit Verdis "Falstaff" wirken Nicolais "Lustige Weiber" fast ein wenig harmlos, aber das stimmt gar nicht. Die Musik von Nicolai ist gerade in den Finale so toll, die Ouvertüre ist ein Meisterstück. Ich habe die Oper das erste Mal als Jugendlicher in Wiesbaden gehört - und ich war sofort verliebt in dieses Stück.
Würde es Sie reizen, nach den "Lustigen Weibern" auch mal Verdis "Falstaff" zu inszenieren?
Ja, aber das braucht noch Zeit, da muss ich noch mehr "erwachsen" werden.
Wie alt sind Sie jetzt?
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Wo liegt die spezifische Herausforderung bei der Probenarbeit bei diesem Stück?
Es ist unglaublich wichtig, dass die Sänger präzis sind. Komische Stücke sind so schwer, entweder ist es nicht komisch - oder es wird zur Klamotte. Es darf auch nicht bieder sein. Komödie ist wirklich schwierig. Der Nachteil der "Lustigen Weiber" ist: Es ist zu lang. Das Stück hat gefährliche Längen. Der Nicolai ist, wenn man ihn nicht streicht, über drei Stunden. Wir haben sehr gestrichen und kommen auf zweieinhalb. Ich glaube: Länger darf ein komisches Stück dieser Art auch nicht sein.
Wie sieht das Ausstattungskonzept aus?
Bei uns gibt es ein kleines Windsor auf der Bühne, die Häuser von Reich und Fluth, wir haben das Wohnzimmer von Frau Fluth, wir haben eine Gastwirtschaft und das Ganze ein wenig nach Coburg geholt. Aber das alles ist ein bisschen im Zuckerbäckerstil gehalten. In dieser fast puppenspielhaften Bühne wollen wir zeigen, dass das, was die Leute machen, teilweise sehr böse ist.
Wie erleben Sie einen Premierenabend?
Im Idealfall freut man sich, weil die Sänger Dinge machen, die man ihnen gar nicht gezeigt hat, weil sie sich emanzipiert haben. Ein Premierenabend ist natürlich auch ein bisschen traurig, man gibt ein Stück aus der Hand, nachdem man sechs Wochen sehr intensiv miteinander geprobt hat. Dann weiß man: Morgen ist das alles vorbei.
Dieses Team bringt "Die lustigen Weiber von Windsor" nach Coburg
Premieren-Tipp "Die lustigen Weiber von Windsor" - Komische Oper von Otto Nicolai, Samstag, 19. Dezember, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg
ProduktionsteamMusikalische Leitung: Alexander Merzyn
Inszenierung: Aron Stiehl
Bühnenbild: Friedrich Eggert
Kostüme: Sven Bindseil
Dramaturgie: Renate Liedtke
Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio
Choreografie: Mark McClain
Termine 22. Dezember, 8., 10., 13., 20., 22. Januar, 4. Februar, 19.30 Uhr, 7. Februar, 15 Uhr, 18. Februar, 19.30 Uhr
Aron Stiehl Gelernt hat Aron Stiehl bei einem der wichtigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts: Das Regiefach studierte er bei Professor Götz Friedrich in Hamburg. Seit dem mit Auszeichnung beendeten Studium ist Stiehl gefragt an europäischen Opernhäusern. Neben Inszenierungen in Karlsruhe, Salzburg, St. Gallen oder Hamburg wurde er von Zubin Mehta nach Tel Aviv eingeladen, wo er Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" inszenierte. Bereits 2011 holte Coburgs Intendant Bodo Busse Aron Stiehl in die Vestestadt. Stiehls Inszenierung von Verdis "La Traviata" war so erfolgreich, dass sie in der vergangenen Saison als Wiederaufnahme erneut auf dem Spielplan stand. Während der Intendanz von Dieter Gackstetter inszenierte er zudem bereits Zellers "Vogelhändler" und Benatzkys "Im weißen Rössl" am Landestheater.