Sie haben sich in der "Loreley" verabredet und sind froh, sich gefunden zu haben. Denn sie profitieren voneinander. Norbert Gehse, der Lehrerneffe, arbeitet gerade an einer Familienchronik. Joachim Kor tner, der Autor, füllt ihm eine Wissenslücke. Aber wie sind die beiden zueinandergekommen? Immerhin lebt der eine in Erftstadt in der Eifel, der andere in Ebermannstadt. Den Kontakt kam über Kerstin Lindenlaub zustande. Sie betreut in Coburg das "Digitale Stadtgedächtnis" - und ist die Tochter von Norbert Gehse. "Ich hatte sie gebeten, jemanden zu finden, der den Onkel Ton noch kennt. Wir sind über das ,Stadtgedächtnis' schließlich auf den Namen Kortner gestoßen", erzählt Norbert Gehse.

"Mir hat Frau Lindenlaub einmal erzählt, dass ihr Onkel Lehrer an der Rückertschule gewesen sei. Sein Name war Anton Gehse. Da hat mich fast der Schlag getroffen", sagt Joachim Kortner.
Denn das war der Prügellehrer, der im Kapitel "Der Kakao und der Löffler" vorkommt. Im Buch heißt der Lehrer Kruppa. Und der vermöbelt den Viertklässler Löffler, weil dieser aus Versehen den Schulkakao des Banknachbarn Jakob verschüttet. "Die Geschichte ist literarisch gestaltet, aber völlig authentisch", erläutert Joachim Korner, der Jakob im Buch. Norbert Gehse kannte seinen Onkel so nicht.

"Er kam immer in den letzten Ferientagen zu uns nach Ostpreußen, da war er meist pleite", erzählt der heute 84-jährige Neffe. "Grundschulehrer verdienten nicht gut." Nichtsdestotrotz verwöhnte Anton Gehse die Kinder der Familie mit Eis und allerlei interessanten Geschenken. "Das Geld dafür hatte er sich von meinem Vater geliehen", sagt Norbert Gehse schmunzelnd. Aber der Onkel sei auch mit ihnen Fahrrad gefahren und schwimmen gegangen. Im Ersten Weltkrieg war dem Lehrer die Verse weggeschossen worden. Joachim Kortner beschreibt seinen Gang, der stets von einem Klack begleitet war. Radfahren und schwimmen aber konnte Anton Gehse problemlos. "Der Onkel Ton stand bei uns hoch im Kurs", erinnert sich der Neffe.

Zwei Seiten eines Mannes, zwei Jungen, die jeweils nur eine kennengelernt haben: Der eine hat ihn gefürchtet, der andere gemocht. "Ich war überrascht und erfreut, als Norbert Gehse sich bei mir gemeldet hat", erzählt Joachim Kortner. "Er hatte drei Exemplare der ,Raststraße' gekauft und die Taschenbücher mit Lederrücken binden und mit Goldschrift versehen lassen. Nun bat er mich um eine Widmung für sich und seine zwei Großnichten." Danach trafen sich die beiden Männer und hatten sich eine Menge zu erzählen - von der Nachkriegszeit, dem Onkel Ton und dem Prügellehrer Kruppa.