Als Marcus Geuss den Flieger nach Sydney besteigt, ahnt er noch nichts von der bevorstehenden Odyssee. Der Bauchredner und Zauberkünstler tritt unter dem Namen "Marcelini" auf – er ist er auf der MS Artania engagiert. Das Kreuzfahrtschiff soll am 13. März von Sydney ablegen und verschiedene Südseehäfen anlaufen. "Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Reisewarnung. Alle Häfen waren offen", betont der 45-Jährige Coburger. Die Artania sticht planmäßig in See – die Häfen schließen jedoch kurz darauf. Die Kreuzfahrt wird abgesagt, das Schiff soll auf direktem Weg nach Bremerhaven. Kurz darauf bricht bei fünf Reisegästen und zwei Crewmitgliedern starkes Fieber aus – Corona-Alarm. Der Kapitän befiehlt volle Kraft voraus nach Fremantle, eine Hafenstadt an der australischen Westküste. Besonders willkommen sind er und seine Passagiere dort nicht: Marc McGowan, Regierungschef des Bundesstaats, fürchtet eine Ausbreitung der Seuche. Der Fall wird zum Politikum.

Quarantäne für Passagiere

Es kommen Ärzte an Bord und bestätigen den Verdacht. Per Verordnung müssen die 800 vorrangig deutschen Schiffsinsassen in ihre Kabinen und dort ausharren. Das Schiff darf nicht anlegen. "Ab diesem Moment lagen wir auf Reede", fasst Geuss die Situation zusammen. Gemeinsam mit Crew-Mitgliedern und Künstlerkollegen schlüpft er in Schutzkleidung und verteilt fortan Verpflegung an die Passagiere. Er versorgt sie aber nicht nur mit Lebensmitteln: "Wir haben eine Show gespielt, die live auf die Zimmer übertragen wurde", erzählt er. Ohne Publikum sei das eine ziemliche Herausforderung gewesen: "Ich habe mir dann die Zuschauer und deren Reaktionen vorgestellt. Das war wichtig, um den Ablauf zu timen." Aus den Kabinen dringt Lachen. Indes verhandelt das Auswärtige Amt mit der australischen Regierung. Ein medizinischer Notfall (kein Corona) veranlasst die Behörden einzulenken: Das Schiff läuft in den Hafen ein – mit dankbaren Fahrgästen. "Am Samstagnachmittag erschienen Banner und Schilder auf dem Schiff, um der Stadt Fremantle zu danken", berichtet die Watoday, eine australische Zeitung. Die Patienten kommen in ein australisches Krankenhaus, die übrigen Passagiere – auch Geuss – landen am 29. März auf dem Frankfurter Flughafen.