Zunächst einmal versuchte Norbert Kastner (SPD) am Donnerstag, alle direkt betroffenen Bürger zu beruhigen: Sollte es tatsächlich zu einer Umbenennung der Hindenburgstraße kommen, wie sie von SPD und Grünen beantragt ist, sollten nicht die Anwohner "die Zeche" zahlen. Weil eine Umbenennung aber nun einmal mit Kosten verbunden wäre - angefangen vom bürokratischen Aufwand bis hin zum Ändern von Briefpapier - sollte man auch darüber erst einmal in Ruhe nachdenken. Ebenso plädierte der Oberbürgermeister dafür, sich ganz emotionslos ein Bild von der historischen Bedeutung Hindenburgs zu machen. Zumal es da wissenschaftlich durchaus unterschiedliche Bewertungen gebe.

CSU drängte auf Entscheidung

Kastners Vorschlag, Anfang 2013 mit den Fraktionsvorsitzenden das weitere Vorgehen abzustimmen, wurde von den Antragstellern akzeptiert.
Kritik kam hingegen vom CSU-Fraktionsvorsitzenden Hans-Herbert Hartan: "Jeder Stadtrat hatte die Gelegenheit, sich mit der Geschichte Hindenburgs zu befassen und sich eine Meinung zu bilden!" Eine Diskussion erst im Januar würde deshalb auch kein anderes Ergebnis bringen als jetzt. Somit könnte auch gleich über die Anträge abgestimmt werden. Der OB hielt dagegen: "So eine Entscheidung muss vernünftig vorberaten werden. Ich bin gegen einen öffentlichen Showdown heute."

Als nächstes ging es um den Hartan-Antrag (siehe dazu "Hintergrund" am Ende des Textes). In ein paar Punkten sei der CSU-Fraktionsvorsitzende zwar "übers Ziel hinausgeschossen", so der OB. Weil der Antrag aber auch Straßen enthalte, über die man "sehr wohl diskutieren" könne, sollte der Hartan-Antrag ebenfalls im sogenannten Geschäftsgang weiterberaten werden.

Dann kippte die Stimmung

Doch Hartan legte noch eins drauf, sprich, er erweiterte seinen Antrag um noch ein paar Straßen sowie den Wolfgangsee - und damit kippte die Stimmung bei Kastner & Co. "Mir fehlt die Fantasie, das noch ernstzunehmen", sagte der OB.

Hartan erklärte: "Selbstverständlich wollen wir gar keine Straße umbenennen! Mit meinem Antrag wollte ich die Absurdität von Umbenennungen aufzeigen. Denn wo fangen wir an, wo hören wir auf?" Der CSU-Fraktionsvorsitzende nannte es einen "Irrweg zu glauben, dass mit einer Straßenumbenennung Geschichte revidiert werden kann". Und noch konkreter: "Man muss sich mit der Geschichte auseinandersetzen - und nicht mit Straßennamen."

Vor allem im SPD-Lager herrschte angesichts der Hartan-Äußerungen Empörung. "Bodenlos", schimpfte Martin Lücke, von "einer Ohrfeige für die Opfer" sprach Monika Ufken. "Wir haben im Stadtrat anderes zu tun, als solche Spaßanträge zu behandeln", klagte Bettina Lesch-Lasaridis. "Ich fühle mich brüskiert!" Wenn Hartan nicht wolle, dass die Hindenburgstraße umbenannt wird, könne er doch einfach die Anträge von SPD und Grünen ablehnen. Stattdessen aber selbst einen solchen Antrag einzubringen, sei "eine Zumutung". Norbert Kastner, der den Hartan-Antrag ja ursprünglich in den Geschäftsgang geben wollte, änderte aufgrund der Erweiterung seine Meinung: "Es ist ein Gebot der Ernsthaftigkeit dieses Hauses, den Stadtratsantrag abzulehnen."

Dies geschah dann auch - und zwar mit 25:12 Stimmen. Für den Hartan-Antrag stimmte die komplette CSU-Fraktion sowie die Einzelkämpfer von Junge Coburger und "Bürger bewegen Coburg"; dagegen stimmten SPD, CSB, Grüne, das FW-Duo sowie die Vertreter von FDP und ÖDP. Vier Stadträte fehlten in der gestrigen Sitzung.

Familie gegen Umbenennung

Fast untergegangen im Trubel um den Hartan-Antrag ist eine Bemerkung von Norbert Kastner. So warb ja der OB dafür, sich ganz in Ruhe mit einer möglichen Umbenennung der Hindenburgstraße zu beschäftigen. Und zwar unter anderem auch deshalb, weil ja bereits mehrere neue Namen gehandelt werden - allen voran Georg-Hansen-Straße und Elisabeth-Selbert-Straße. Die Nachfahren einer der ins Spiel gebrachten Person hätten ihm allerdings mitgeteilt, dass eine solche Würdigung nicht im Sinne ihres Vaters wäre.

HINTERGRUND

Antrag Mit Blick auf eine von SPD und Grünen beantragte Umbenennung der Hindenburgstraße hatte der CSU-Fraktionsvorsitzende Hans-Herbert Hartan beantragt, doch zu überprüfen, ob nicht auch weitere Straßen sowie Gebäude dann ebenfalls umbenannt werden sollten. Konkret nannte Hartan die Danziger Straße, die Breslauer Straße, die Eupenstraße und die Straßburger Straße (Begründung Hartan: "Die Bezeichnung dieser Straßen könnte als revanchistisch ausgelegt werden."), die Mohrenstraße ("politisch nicht korrekte Bezeichnung eines Schwarzafrikaners"), die Reichsdanks iedlung ("kein Kommentar"), die Tannenbergstraße ("nach der Schlacht von Tannenberg benannt, die Hindenburg gewonnen hat; dies wäre eine Ehrung Hindenburgs durch die Hintertüre"), den Kanonenweg und die Kasernenstraße ("militärische Bezeichnungen"), die Leopoldstraße ("sie sollte den Zusatz ,I.' erhalten, um eine Verwechslung mit Leopold II. zu vermeiden, dem Kongoverbrechen angelastet werden"), die Lutherstraße und die Lutherschule ("Martin Luther war einer der schlimmsten Antisemiten seiner Zeit und hat zur Vertreibung und Ermordung von Juden aufgerufen") sowie die Casimirstraße und das Casimirianum ("Herzog Casimir werden eine Vielzahl von Hexenverbrennungen zur Last gelegt").

Erweiterung In der Stadtratssitzung erweiterte Hartan seinen Antrag um weitere Straßen und Einrichtungen: die Kriegerdankstraße, die Goethestraße, den Carl-Eduard-Bau der Veste und schließlich auch den Wolfgangsee. Denn der See sei nach dem ehemaligen Coburger Oberbürgermeister Wolfgang Stammberger (SPD) benannt, der im Dritten Reich aber Stammführer bei der Hitler-Jugend gewesen sei